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Der Selfie : Seht her, ich bin’s!

Seht her, wir waren in Rio... Bild: AFP

Wieso ist ein Selfie, diese modische Art, sich selbst mit einem Handy oder einer Digitalkamera zu fotografieren, nicht einfach ein Selbstporträt? Was macht das Selfie aus?

          Als Lukas Podolski nach dem ersten Weltmeisterschaftsspiel der deutschen Mannschaft ein Digitalfoto von sich und Angela Merkel machte, war dies natürlich kein „Schnappschuss mit der schmunzelnden Kanzlerin“, wie irgendwo zu lesen stand. Es war – wie von dem Kicker angekündigt - ein wohlvorbereitetes Selfie mit zwei Gewinnern: Podolski konnte – wenn nicht auf dem Platz, so wenigstens im Netz – der Star sein, und die Kanzlerin wurde um schätzungsweise ein halbes Menschenalter geliftet. Mit längerer Nachwirkung als jeder Kamerablick zur Tribüne signalisierte dieses Bild: Ich bin mittendrin dabei. Bereits am folgenden Tag, etwa fünfzehn Stunden nachdem „Poldi“ sein Bild in Facebook veröffentlicht hatte, hatten es fast 13 Millionen Menschen dort gesehen. 420 000 tippten auf „Gefällt mir“, rund 8500 kommentierten das Bild, und fast 27 000 verbreiteten es mit „Teilen“ weiter.

          Hans-Heinrich Pardey

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Nun befindet sich Angela Merkel selbstverständlich nicht in der pubertären Selbstfindungsphase, sondern sie macht auch bei ihrem Kabinenbesuch Politik, wenn sie sich von einem Nationalspieler ablichten und ins Netz stellen lässt. Und ihre PR-Berater werden sich genau angesehen haben, mit welcher Reichweite sich das Medium Selfie nutzen lässt. Längst ist daraus ein Instrument geworden, um die Popularität von Personen und Vorgängen einzuschätzen oder Produkte über soziale Netzwerke zu lancieren.

          Das erste Selfie gab es schon vor 175 Jahren

          Die Meinung, Selfies seien das Ausdrucksmittel junger Mädchen, unterschätzt die Rolle, die diese Selbstbilder inzwischen spielen. Mehr als drei Viertel der jungen Frauen zwischen 18 und 24 Jahren posten regelmäßig Selfies. Asiaten tun es Untersuchungen zufolge häufiger als Europäer, und im Vergleich deutscher Städte soll das Selfie-Aufkommen besonders hoch in Düsseldorf sein. Wer sich dumm stellt und wissen will, was es mit diesen Selbstbildnissen auf sich habe, bekommt gesagt: Das typische Selfie zeige vor dem Badezimmerspiegel ein minderjähriges Mädchen, das sich für eine Party oder einen Discoabend mehr oder weniger herausfordernd gestylt hat.

          Das Selfie als fotografisches Selbstporträt ist ziemlich genauso alt wie die Fotografie an sich: 175 Jahre. Im August 1839 stellte Daguerre sein Lichtbildverfahren vor, und im Oktober oder November desselben Jahres machte ein gewisser Robert Cornelius („the guy who started it all“) im Freien die Aufnahme von sich, die als ältestes fotografisches Selbstporträt Amerikas in der Bibliothek des Kongresses aufbewahrt wird. Doch nicht jeder wird diese Aufnahme als Selfie durchgehen lassen, sondern sie einfach in die freilich viel längere Ahnenreihe der Selbstbildnisse einreihen.

          Höhlenmalerei als Vorgänger

          Denn von allem Anfang an haben die Bildermacher auch Abbilder von sich selbst geschaffen: Sie haben ihre Hände mit roten und weißen Erden an Höhlenwände geklatscht, haben sich mit Kreide, Kohle und Graphitstift gezeichnet, ihr eigenes Porträt in Metall gestochen und in Öl gemalt. Bis zur Fotografie und den Apparaten mit dem schnurrenden Uhrwerk eines Selbstauslösers war das Selbstporträt stark abhängig vom künstlerischen Können des sich selbst Abbildenden und häufig geprägt von dem typisch seitwärts in den Spiegel gerichteten Blick. Dann kam mit dem Warten auf das Klicken des Verschlusses jene seltsame Erstarrung, die auf vielen mit Selbstauslöser gemachten Aufnahmen bis zum heutigen Tag zu sehen ist. Und dann erst kam das Selfie mit dem ins Bild ragenden Arm.

          Den kann man nun aber nicht zum einzigen oder auch nur zum wichtigsten Kriterium machen, ob ein Bild ein Selfie ist oder nicht. Der Ausdruck, der 2002 zuerst in Australien aufgetaucht sein soll und im vergangenen Jahr von der Redaktion des Oxford Dictionary zum Wort des Jahres 2013 gekürt wurde, umfasst viele verschiedene Arten von Bildern. Die klassische Badezimmer-Aufnahme beispielsweise kann auch ein Schuss in den Spiegel sein, bei dem der Apparat oder das Handy zu sehen ist.

          Fotografiert für die sozialen Netzwerke

          Oder auch nicht: manche Selfie-Fotografinnen sind immerhin so geschickt, ihre Kamera außerhalb des Blickfelds der Kamera zu postieren. Es können auch mehrere Personen auf einem „Gruppen-Selfie“ sein. Manchmal ist die Umgebung deutlich zu erkennen, und das kann, muss aber keineswegs Absicht sein. „Ich unter dem Eiffelturm“ verlangt eine andere Bildregie als „Mein Sixpack nach drei Monaten Training“, und wiederum eine andere ist für „Meine Schwester und ich auf dem Lana-Del-Rey-Konzert“ nötig.

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