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Der Selfie : Seht her, ich bin’s!

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Auch wenn das Bild eine Erinnerung an ein Ereignis oder einen aufgesuchten Ort sein sollte, ist der springende Punkt am Selfie, dass es primär nicht für den oder die Abgebildeten gemacht wird. Auch das Bild, das ein Niemand auf einer Erotik-Messe von sich und einer Darstellerin macht, erhält seinen eigentlichen Charakter erst dadurch, dass es versandt oder, wie das auf Neudeutsch heißt, geteilt wird. Der Hauptverwendungszweck eines Selfies ist seine Mitteilung in einem sozialen Netzwerk, um es dort der Kommentierung und Weiterverbreitung auszusetzen.

Wer waren die Pioniere des Selfies?

Das kann im Extremfall zur Torpedierung des Netzwerks führen, wie es im Falle des dadurch berühmt gewordenen Selfie von Ellen DeGeneres von der Oscar-Verleihung dieses Jahres der Fall war. Dieses Gruppen-Selfie von Hollywood-Größen – es gilt als das am häufigsten reproduzierte Foto aller Zeiten – war das Gegenteil eines Schnappschusses, nämlich eine millionenschwer bezahlte Werbemaßnahme für den Hersteller des Smartphones, mit dem die Aufnahme gemacht wurde. Zu solch einem instrumentalisierten Selfie gehören unbedingt die Bilder, die „rein zufällig“ vom Entstehen des Selfie gemacht werden. Sie geben dann zusammen mit ihm den Stoff ab für weiteren Klatsch wie etwa den, dass die Oscar-Moderatorin im wirklichen Leben ein Smartphone von der Konkurrenz benutze.

Dass das Selfie sich entwickelt hat und nicht einfach eines Tages da war (und auch nicht etwa erst mit dem iPhone zusammen von Apple erfunden wurde), ist zu erkennen, wenn man ältere Partyfotografie betrachtet. Da waren eine gewisse Shannon (man kennt sie unter diesem und anderen Namen aus dem Netz) und ihre Schwestern sozusagen Pioniere des Selfies.

Im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends hatten sie oder die zu noch traurigerer Berühmtheit gelangte Amanda Wenk auf einer inzwischen weitgehend vergessenen „photo-sharing website“ namens Webshots so etwas wie Prominenten-Status, ohne dass dieser auf den Klick genau gezählt worden wäre. Und wie Untote geistern die Bilder der damaligen Teenager bis heute durchs Netz. Sie werden das vermutlich so lange tun, wie es im Internet Liebhaber von Mädchen mit disproportional großer Oberweite gibt.

Das Selfie diktiert die Ausstattung der Geräte

Diese annähernd zehn Jahre alten Jux-Bilder mit drolligen Grimassen, Aufnahmen von Outfits und Partys, vom Feiern und vom Badeurlaub, von Reisen oder Familienfesten, wurden zunächst herkömmlich digital fotografiert: Wenn nicht der Selbstauslöser benutzt wurde, schossen die Partygäste gegenseitig Bilder von sich. Die Kamera ging offenbar von Hand zu Hand. Dann tauchten die ersten Nah-Schüsse auf, Selfies im engeren Sinne. Die waren technisch zunächst noch überwiegend unbefriedigend, weil die Kameras viel zu intensiv blitzten oder nicht für den geringeren Aufnahmeabstand richtig eingestellt wurden.

Heute ist das alles kein Problem mehr, die Bildergattung Selfie diktiert die Ausstattung der Geräte – und das sowohl bei der Kamera als auch beim Smartphone. An dem bekam die Frontkamera eine neue gesteigerte Bedeutung: Sie musste besser werden und Aufnahmen mit höherer Auflösung zulassen.

Bei den Kameras muss der Monitor vollständig umklappbar sein, damit man am ausgestreckten Arm sehen kann, was der Sensor aufnimmt. Im Smartphone ist es mit ein, zwei Fingerstupsern getan, sein Foto zu twittern oder zu Facebook hochzuladen. Das mussten auch die Kameras lernen: sich ohne Umstände in ein W-Lan einzubuchen oder mit dem Smartphone Verbindung aufzunehmen, um Bilder ins Netz zu schicken. Solche Funktionen wurden nicht etwa bei den teureren Kameras zuerst eingeführt, sondern am unteren Ende der Preis- und Leistungsskala.

Authentische Dokumentation?

In der Vergangenheit hatten Kamerahersteller versucht, mit Layouts – putzigen Rähmchen, mit Text füllbaren Sprechblasen und Ähnlichem – den Unterhaltungswert von Bildern zu steigern. Das hat sich aber wie das Manipulieren von Fotos überhaupt, ob mit einer App oder in der Kamera eingebauten Digitalfiltern, bei den Selfies ziemlich rasch totgelaufen. „Sellotape Selfies“ – man verunstaltet sich mit um den Kopf gewickeltem Klebeband - stehen zwar für Humor beim Selbstporträt. Die meisten aber wollen und sollen authentische Dokumentation sein: Seht her, ich bin’s, so sehe ich mich selbst.

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