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Wanderschuhe : Doppelt genäht hält wirklich besser

  • -Aktualisiert am

Ein Schaft, der darauf wartet, direkt zu angesohlt zu werden Bild: Pardey

Wer im Frühtau zu Berge kraxelt, braucht Wanderschuhe. Aber in ihren leichten und längst nicht mehr nur lederbraunen Varianten sind sie auch modisches Accessoire geworden. Wie entsteht so ein Wanderstiefel?

          5 Min.

          Deutschland ist ein Volk von Wanderern, und nicht nur von Auswanderern, wie einen die Suchmaschinen und das Trash-TV glauben machen wollen. Hunderttausende sind in Gebirgs- und Wandervereinen organisiert, das Land ist kreuz und quer beschildert, kartiert und ins GPS herunterladbar. Etwa tausend organisierte Volkssportveranstaltungen setzen rund ums Jahr Zigtausende in Marsch. Besondere Wander-Events wie zum Beispiel 24-Stunden-Märsche mit nächtlich illuminierten Teilstrecken und Sonnenaufgangsfrühstück gelten unter Touristikern als erste Wahl, um für ihre Regionen zu werben. Ein überaus erfolgreiches Beispiel: die 24 Stunden von Bayern. 2011 wurden 444 Startkarten zum Stückpreis von 80 Euro abgesetzt - und zwar binnen sechs Minuten. Dieses Jahr musste das Los über die Teilnahme entscheiden. Und nie fehlt der Hinweis: Bitte an festes Schuhwerk denken.

          Bild: F.A.Z.

          Nächst Regenjacke und Rucksack oder Kraxe richtet sich seit Ötzis Zeiten das Augenmerk auf die Bedeckung der Füße. Und schon der Bergmensch der jüngeren Steinzeit trug Schuhe, die aus Sohle und Schaft vernäht waren. Die durch aufgesetzte Querstreifen sogar profiliert ausgeführte Sohle war aus dem kräftigeren Leder vom Bären, das mit der Fellseite nach innen verarbeitet wurde. Der Schaft, der Teil des Schuhs, der Fuß und Knöchel umschließt, wurde aus einem geschmeidigeren Material gefertigt: Rindleder mit der Haarseite nach außen. Das Futter, der innere Schuh, war ein Geflecht aus Grasschnüren, und zwischen Leder und Innenschuh polsterte Ötzi mit Heu aus, das zudem gegen die Kälte isolierte. Die Materialien sind selbstverständlich heute andere. Aber am prinzipiellen Aufbau des Schuhs aus Schaft und Sohle(n), aus Innenschuh und Außenschuh hat sich seit der Steinzeit nicht so viel geändert.

          Auf die Leisten wird gezogen
          Auf die Leisten wird gezogen : Bild: Pardey

          Bei AKU im oberitalienischen Montebelluna sitzt ein junger Designer und zeichnet Schuhe: robuste Halbschuhe, wie sie von der wandernden Kundschaft zunehmend nachgefragt werden, Wanderstiefel, die poppig bunt, leicht und wasserdicht sind, und richtig derbes Schuhwerk, an das auch Krallen für den Durchstieg eines Eisfelds montiert werden können. AKU - der Name ist keine Abkürzung, sondern wurde, Thor Heyerdahl lässt grüßen, dem Polynesischen entlehnt, wo Aku Aku einen gespensterhaften Geist meint - baut Schuhe, die ihre Funktionalität mit italienischem Chic nach außen tragen: Da darf das Leder dann schon mal zart himbeerfarben oder kräftig orange sein, und die Formen von stützenden Applikationen auf dem Schaft scheinen dem Windkanal zu entstammen.

          Erst einmal zuschneiden
          Erst einmal zuschneiden : Bild: Pardey

          Aus den flachen Zeichnungen des jungen Mannes entstehen rund um einen Leisten, der wie ein schlanker Holzfuß der Größe 42 aussieht, dreidimensionale Formen, die schließlich wieder zu flächigen Schnittmustern werden. Ein ganz wesentlicher Teil des Know-how eines Schuhherstellers steckt in dem ersten Leisten, diesem Holzfuß, von dem die anderen Schuhgrößen abgeleitet werden: Seine Abmessungen müssen so sein, dass sie zum Schuhtyp genauso passen wie zu den sich allmählich wandelnden Maßen der Käufer - eine Herausforderung, vor der alle Hersteller von Konfektionsbekleidung stehen.

          Das Zuschneiden der Teile, aus denen der Schaft genäht wird, unterscheidet sich je nach Material: Ist es ein Kunststoffgewebe, dann kann man stapelweise gleiche Teile stanzen. Und der Computer hilft dabei, dass möglichst wenig Abfall übrig bleibt. Geht es aber um das Zuschneiden von Schäften aus dem Naturmaterial Leder, dann ist die menschliche Urteilskraft und Erfahrung von Fachkräften gefragt.

          Hoher Prozentsatz Handarbeit
          Hoher Prozentsatz Handarbeit : Bild: Pardey

          In dem kleinen Ort Kirchanschöring im oberbayerischen Landkreis Traunstein ist die Familie Meindl seit mehr als 300 Jahren als Schuhmacher tätig. Seit 35 Jahren wird hier in dem Traditionsbetrieb der Hochalpinschuh „Perfekt“ kontinuierlich verbessert, aber prinzipiell gleich gebaut: ein für den zeitweisen Einsatz von Steigeisen geeigneter Bergschuh mit einem einteiligen Lederschaft und „echt zwiegenähten“ Sohlen. Ein einzelner „Perfekt“ wiegt in Größe 8, das ist wieder 42, etwas über 1,2 Kilogramm, und das Paar kostet im Laden 280 Euro. Das Oberleder des insgesamt zwischen sechs und sieben Millimeter starken Schafts hat eine Dicke von drei Millimeter. Die großen Teile dafür lassen sich nicht aus allen Stellen einer Rinderhaut zuschneiden. Und auch dort, wo das Leder stark genug ist, können Unregelmäßigkeiten auftreten. Das muss ein Mensch beurteilen, der zugleich im Blick hat, wie sich das Brauchbare möglichst ökonomisch ausnutzen lässt. Für ein Paar „Perfekt“ braucht man knapp einen halben Quadratmeter Leder.

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