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Frank-Holger Appel (hap.)

Von Adblue bis Insulin : An der Kette

  • -Aktualisiert am

Wird Harnstoff knapp, könnte das auch Auswirkungen auf die Produktion von Insulin haben. (Symbolbild) Bild: picture alliance / Jochen Tack

Bleiben die Lastwagen stehen? Bunkert Sanofi Harnstoff? Unsere Gesellschaft ist vernetzter, als manch vorschneller Jubel glauben machen mag. Es lohnt der zweite Blick.

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          Als die ersten Meldungen auftauchten, die Produktion von Harnstoff müsse wegen der gestiegenen Energiepreise eingeschränkt werden, sind bei einigen sofort Jubelstürme ausgebrochen. Harnstoff, das ist Adblue, das brauchen Dieselmotoren zum Laufen, also werden wir die auf diesem Wege endlich los. Die Kampagne gegen den Diesel war schon an sich überzogen und aus technischer Sicht Unfug, nun zeigt sich, wie sehr Schwarz-Weiß-Denken in die Irre führt. Um nicht zu sagen: In eine Sackgasse.

          Denn wenn es der BASF wegen der Entwicklung auf dem Gasmarkt an Ammoniak mangelt, sie Harnstoff nicht oder in geringerer Menge herstellt, der zur Stickoxidreduzierung unvermeidliche Kraftstoffzusatz mithin teurer und teurer wird, dann bleibt nicht nur Lieschen Müllers TDI in der Garage. Es kommt dann kein Paket von DHL mehr zuhause an, im Edeka bleiben die Regale leer, die Zeitung findet ihren Weg zum Abonnenten nicht mehr, die Busverbindung fällt auch flach. Denn, natürlich, benötigen auch Lastwagen, Traktoren und Busse Adblue, und zwar in großen Mengen, nahezu alle fahren mit Diesel. Mir doch egal, ich brauche keinen Verkehr?

          Harnstoff (Urea) wird als Hilfsstoff in der pharmazeutischen Wirkstoffproduktion eingesetzt, antwortet der Pharmabetrieb Sanofi etwas umständlich auf eine Anfrage der FAZ. Kurz gesagt: Zur Produktion von Insulin wird Harnstoff benötigt. Hier geht es also um Menschenleben, und zwar nicht als Randnotiz, Sanofi hat einen, wenn man so sagen darf, systemrelevanten Marktanteil. In der Region um das Werk in Frankfurt-Höchst geht das Gerücht, Sanofi habe von dem Logistikdienstleister DHL ein Areal gemietet und lagere dort in großen Mengen Harnstoff ein, aus Sorge, die Produktion könne ausfallen. Das wäre gute kaufmännische Vorsicht, so wie sie andere umsichtige Unternehmer sicher auch betreiben.

          Eine Anfrage in der Pressestelle von Sanofi entlarvt die leider als Presseverhinderungsstelle, mehr als eine inhaltsleere Antwort ist nicht zu bekommen. „Wir passen für all unsere Produkte und Prozesse die Lieferketten ständig an, einschließlich der Beschaffung, und wir sind bestrebt, die Lieferung unserer Medikamente weltweit zu sichern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns zu weiteren Details nicht äußern“, teilt Sanofi mit. Ganz offensichtlich herrscht Nervosität bis zur Sprachlosigkeit, aber ganz eindeutig tauchen Verkettungen auf, an die auf den ersten Blick niemand denkt. Es lohnt deshalb der zweite. Unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft, unsere Technik ist tiefgreifender vernetzt, als manch vorschnelles Urteil glauben machen mag.

          Holger Appel
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

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