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Seele des Reifens : Das Geheimnis der letzten Rille

Auf dem BMW-Superbike wird frei gefahren. Als Verbindung zwischen Fahrbahn und Motorrad kommt dem Reifen eine Bedeutung zu, die man so nicht vermuten könnte. Bild: Andreas Berthel/ Continental

Der hohe Wert des Reifens ist nicht zu unterschätzen, noch weniger der Aufwand der Herstellung. Denn hinter dem runden Gummi stecken viel Forschung und Entwicklung.

          Merke: Der Reifen ist ein Ding, dessen Bedeutung nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Er ist die einzige Verbindung zwischen Fahrzeug und Fahrbahn - normalerweise. Sollte es anders sein, läuft gerade etwas schief.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Der Reifen reibt sich auf im Dienste von Grip und Traktion. Will man stolze Reifenmänner beleidigen, muss man nur die Vermutung äußern, ein Reifen entstehe, indem einfach irgendein Gummizeug in eine Form geschüttet werde. Wie viel Überlegung, wie viel Forschung und Entwicklung, welche Technik und vor allem welch eine große Menge an Gefühl in einem Reifen steckt, ahnt manch einer nicht im Entferntesten. Deutlich wird das am Tag, als es darum geht, „das Geheimnis der letzten Rille“ zu lüften.

          Im Versammlungsraum des Contidroms plaudert Malte Bigge aus dem Nähkästchen. Referiert über die „Seele des Reifens“, über Testfahrten im Modus „Kurz vor Sturz“. Als Cheftester für Motorradreifen bei Continental umgibt ihn die natürliche Autorität des unumstrittenen Könners, ähnlich einem Tiroler Skilehrer oder einem hawaiianischen Surfidol. So jemand muss nicht prahlen, nur erzählen. Zwei Dutzend Männer und Frauen hängen ihm an den Lippen.

          Conti hat sich etwas vorgenommen. „Wir stellen gute Produkte her, aber nicht jeder weiß es“, sagt Vertriebs- und Marketingleiter Spyridon „Spyro“ Spyridonu. Dieser ersten „Riding School“-Veranstaltung für Kunden sollen viele weitere folgen: Fahr- und Schräglagentraining im Contidrom, Werksbesichtigung im nordhessischen Korbach inklusive Landstraßentour. Spyridonu: „In der Erstausrüstung von Motorrädern sind wir nicht so stark vertreten, wir müssen den Leuten nahebringen, dass wir es können.“

          Viel Geld für Modernisierung

          Unter den Leuten, die sich zur Premiere eingefunden haben, sind dem ersten Eindruck nach ungefähr je zur Hälfte ambitionierte Angaser und gemütliche Naturen, allesamt Menschen, wie man sie sonntagnachmittags am Bikertreff sichtet, mit einem Stück Kuchen und einer Tasse Kaffee vor sich. Es handelt sich um lauter Gewinner einer Verlosung. Der Preis: ein Tag Contidrom in Theorie und Praxis. Dem Geheimnis der letzten Rille auf der Spur.

          Viel Geld hat das Reifenimperium in letzter Zeit in die Modernisierung des 1967 eröffneten Testgeländes nördlich von Hannover gesteckt. Hochgeschwindigkeitsoval, Kreisbahnen, große und kleine Handlingskurse, nass wie trocken, Offroad, Schotter, Kopfstein, Beton, Stufen, Rillen, Schlaglöcher, Bodenwellen und Messtechnik aller Art stehen zur Verfügung und werden auch von Testmannschaften diverser Automobilhersteller genutzt. Spezialität des Contidroms ist die 300 Meter lange Halle des „Automated Indoor Braking Analyzer“ (AIBA): Dort werden mit unbemannten Testfahrzeugen vollautomatisch Bremstests vorgenommen, ganzjährig, wetterunabhängig und auf auswechselbaren Oberflächen.

          Mit Stützrad: Die Ausleger an der Kawasaki beruhigen beim Schräglagentraining ungemein, besonders bei Nässe.

          Einblick ins Gummi-Universum

          Von solchen Einblicken ins Gummi-Universum sind die Besucher natürlich beeindruckt. Produktmanager Sascha Till macht ihnen die Vorzüge des neuen Supersportreifens Sport Attack 3 schmackhaft, den alle ausprobieren können. Es geht um „Rain Grip“ und die Wasserabfuhr in Schräglage durch Drainage-Rillen, um „Grip Limit Feedback“ und die Rückmeldung im Grenzbereich, „Multi Grip Technology“ und die Vorzüge unterschiedlich harter Mischungen von der Reifenmitte zu den Flanken, um „Traction Skin“ und „Zero Degree“-Bauweise. Wer nicht alles davon versteht, nimmt zumindest die Erkenntnis mit: Es gibt große Unterschiede, es gibt gute Reifen und weniger gute.

          Dass jede Reifenmarke ihren eigenen Charakter hat, liegt nach den Worten von Cheftester Malte Bigge nicht allein an der Arbeit in den Entwicklungsabteilungen. Die unterschiedlichen Beschaffenheiten der benutzten Teststrecken flössen ebenfalls spürbar ein. „Jede Strecke hat ihre Eigenheiten. Wir testen wieder und wieder im Contidrom. Hier entsteht die Seele unserer Reifen.“ Rennfahrer, sagt Bigge, seien nicht unbedingt nützlich für die Reifenentwicklung. „Ein Rennfahrer ,überfährt‘ die Reifen gern mal, geht über die physikalischen Grenzen hinaus. Stattdessen muss man Unterschiede herausfahren können.“ Dass sich die Tester dabei in Grenzbereiche hinein bewegen, versteht sich von selbst. „Es bleibt nicht aus, dass wir auch ein paar Motorräder zerstören“.

          Ohne Vertrauen fährt man keine Schräglage

          So etwas ist für diesen Tag nicht geplant. Zur Sicherheit werden Airbag-Westen verteilt, Verhaltensregeln besprochen und Hinweise auf Vorkehrungen zur Erstversorgung gegeben. Fürs Schräglagentraining stehen zwei Kawasaki ER-6n zur Verfügung, bestückt mit seitlichen Auslegern und Rollen an deren Enden, einstellbar in einem Winkel bis 55 Grad Schräglage. Die Instruktoren wählen 45 Grad. Einige Teilnehmer schaffen es, mit den Rollen aufzusetzen, anderen gelingt das nicht annähernd. Dass der Reifen Sport Attack 3 nach einem kräftigen Regenguss auch auf nasser Bahn bei 45 Grad haftet, verblüfft fast alle.

          Für den knapp drei Kilometer langen Handlingkurs steht eine Flotte BMW S 1000 RR bereit, die derzeitige Königin der 200-PS-Raketen. Die wenigsten der Teilnehmer sind bis dahin mit solch bissiger Bremskraft am Kurveneingang und derart drehzahlgierigen Gewalten am -ausgang konfrontiert worden, einem Schub,der ständig das Vorderrad hochreißen will. Lange Radien laden dazu ein, mit dem Knieschleifer am Asphalt Ewigkeiten in tiefster Schräglage zu verbringen, immer hinterm Instruktor her. Die einen machen das genau so, andere sind mit verbesserungswürdigem Fahrstil so zaghaft unterwegs, dass sie von einem geübten Vespa-Fahrer überholt würden.

          Aber jeder macht Fortschritte im Laufe des Tages, kommt dem Geheimnis der letzten Rille auf seine Weise näher, zumindest ein kleines Stück. Für Malte Bigge ist die Sache ganz einfach: „Der Schlüssel liegt im Vertrauen in den Reifen. Wer sich auf dem Motorrad nicht wohl fühlt, kann sich nicht verbessern.“ Merke: Ohne Vertrauen fährt man keine Schräglage.

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