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Tempo 30 : Das Lehrstück

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Vom Schulkind bis zum Postboten mit Lastenrad

Es ist also gut zu verstehen, dass viele Radfahrer, alt und jung, vom Schulkind bis zum Postboten mit Lastenrad, weiterhin den Radweg benutzen, der keiner mehr ist. Er sieht ja auch noch so aus. In den achtziger Jahren waren die Bürgersteige für Radfahrer und Fußgänger mit Verbundsteinen farblich geteilt worden. Die Farben sind zwar verblasst, ihr Unterschied ist aber nach wie vor deutlich. Dass sich viele Fußgänger um die Trennung nie geschert haben und es auch heute nicht tun, steht auf einem anderen Blatt. Aber heute ist der Radfahrer, der lieber auf dem grauen Streifen fährt und dabei einem Fußgänger in die Quere kommt, im Unrecht. Tut er das, was er nach dem Willen der Verkehrsberuhiger tun soll, und fährt auf der Fahrbahn mit ausreichendem Sicherheitsabstand zu den sich von rechts her öffnenden Türen geparkter Autos, wird er bestenfalls böse angehupt. Oder aber gnadenlos abgedrängt und geschnitten. „Soll ich etwa als Radfahrer hier die Verkehrsberuhigung erzwingen, indem ich Autos ausbremse?“, fragt ein Kollege.

Dazu kommt die Teilung der Franken- allee durch den breiten Mittelstreifen. Der führt dazu, dass hier schon immer viele Radfahrer, vor allem jüngere, entgegen der Fahrtrichtung auf den begleitenden Radwegen unterwegs waren. Man bleibt auf der einen Seite, weil zum Beispiel Schule und Wohnung diesseits der breiten und vielbefahrenen Straße liegen. Auf dem Hinweg ist man auf der richtigen Seite unterwegs, zurück ist man ein radelnder Geisterfahrer. Vollends chaotisch wird es, wenn zum Schulschluss Rad- und Fußverkehr gleichzeitig in alle Richtungen unterwegs ist - einschließlich der nur stellenweise ampelgesteuerten Überquerung der Fahrbahnen. Oder wenn gebaut wird: Dann muss zum Beispiel eine Bushaltestelle verlegt werden, was dazu führt, dass die Menge der Wartenden die volle Breite des Bürgersteigs benötigt. Da wechseln urplötzlich zwischen den parkenden Autos Radfahrer, die zuvor auf dem rechtlich nicht mehr existierenden, aber meistens wegen der geringen Zahl von Passanten benutzbaren Radweg unterwegs waren, auf die Fahrbahn, wo die Autofahrer sie nicht erwarten.

Der Autofahrer, der die Gegend gut kennt, bewegt sein Fahrzeug hier ständig rundherum sichernd. Dass ihm aus den Seitenstraßen gegen die Einbahnstraßenrichtung Radfahrer entgegenkommen können, weiß er. Das ist ja ausdrücklich erlaubt. Und wer aus der Garage der Redaktion fährt, blickt tunlichst auch in die Richtung, aus der eigentlich kein Radfahrer kommen dürfte. Die dunkle Jahreszeit ist an Schrecksekunden reich, wenn wieder einer ohne Schutzblech, ohne Klingel, ohne Licht den Bürgersteig gegen die Fahrtrichtung entlangkommt. Oder einem plötzlich auf dem Zebrastreifen zum Mittelstreifen hin abbiegend vor den Kühler gerät.

Wer vor dem Hintergrund solcher Erfahrungen hört, ein generelles Tempo-30-Gebot in den Städten werde die Verkehrssicherheit ebenso kostengünstig wie effektiv steigern, der kann nur dünn lächeln. Es funktioniert ja nicht einmal dort wie versprochen, wo für alle Verkehrsteilnehmer ausreichend Platz vorhanden ist. Einfach Tempo 30 einzuführen, ohne den Verkehrsraum neu zu ordnen und dies für alle Beteiligten deutlich erkennbar zu machen, ist Unfug. Die Neugestaltung, die sich in der Frankenallee punktuell erkennen lässt, kostet aber Geld, sie braucht Zeit und verstärkte Anstrengungen.

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