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Telefon, Mail, SMS : Wie gefährlich ist die Ablenkung im Auto?

Mehrere hundert Meter im Blindflug? Bild: dpa

Die Kommunikationstechnik an Bord lenke immer stärker ab, heißt es. Wer ein Infotainment-System bedient, lege selbst bei einfachen Aufgaben Hunderte von Metern im Blindflug zurück. Aber stimmt das?

          Immer mehr Elektronik im Auto provoziert. All zu leichtfertig rüsteten die Autohersteller ihre Kommunikationssysteme auf, die Sicherheit bleibe auf der Strecke. Schon fordern Politiker: Es müsse verhindert werden, dass der Fahrer „durch überflüssige digitale Spielereien“ abgelenkt werde. Strikte Verbote und „intensive Überwachung“ seien das Gebot der Stunde. Sachverhalt und Kausalität liegen auf der Hand: Die junge Internet-Generation, töricht und unerfahren, wie sie ist, verkennt die Gefahren und setzt auf ihre vermeintliche Multitasking-Kompetenz.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Aber das Thema ist viel zu ernst für oberflächliche Betrachtungen und politische Schnellschüsse. Dass Ablenkung und Unaufmerksamkeit kausal für viele Unfälle verantwortlich sind, ist richtig. Die Fahrerablenkung hat deshalb in der Autoindustrie seit Jahrzehnten den allerhöchsten Stellenwert, und ein Blick auf seriöse Studien bringt Erstaunliches zutage. Zunächst: Die Diskussion ist alles andere als neu. Fast alle wissenschaftlichen Arbeiten stützen sich auf die 1979 erschienene „Tri-level study of the causes of traffic accidents“, wonach rund 90 Prozent aller Verkehrsunfälle auf menschlichen Ursachenfaktoren beruhen. Ferner spiele in 20 bis 24 Prozent aller Unfälle die Ablenkung eine Rolle.

          Diese Zahlen werden in der gesamten Literatur immer wieder zitiert, indes zeigten sich schon vor 30 Jahren die Schwierigkeiten einer wissenschaftlichen Eingrenzung des Problems. Ablenkung und Unaufmerksamkeit sowie ihre Bedeutung für das Unfallgeschehen lassen sich nicht ohne weiteres und zuverlässig quantifizieren. Ablenkung kann die (regelkonforme) Zuwendung der Aufmerksamkeit zu einem sich nähernden Radfahrer sein. Man denke ferner an die „klassische“ Ablenkung durch Niesen, Blendung oder eine Wespe im Fahrzeug. Schließlich die Ablenkung durch Nebentätigkeiten: Essen, Trinken oder die Suche nach Gegenständen. Ablenkend sind nicht nur Telefonate, die Bedienung von Infotainment-Anlagen oder Smartphones, sondern auch intensive Gespräche mit den Mitfahrern, das angeregte Hören von Musik oder sogar aufwühlende Gedanken.

          Stets spielen viele Faktoren zusammen

          Wie viele Unfälle ursächlich durch mangelnde Aufmerksamkeit verursacht werden, ist nicht exakt messbar. Weder sind die Aussagen von Beteiligten zuverlässig noch die subjektiven Einschätzungen der einen Unfall aufnehmenden Polizeibeamten oder die nachträgliche Rekonstruktion durch Sachverständige. Stets spielen viele Faktoren zusammen, etwa mangelnde Vertrautheit mit der Strecke oder fehlende Fahrpraxis. Man kann einige Kniffe anwenden und beispielsweise mit dem Ausschlussverfahren nur Auffahrunfälle ohne Stau und Wartepflicht tagsüber bei guter Sicht und trockener Fahrbahn analysieren. Die Ergebnisse solcher aktuellen Forschungen deuten in die gleiche Richtung wie alle größeren Studien der vergangenen zehn Jahre: Demnach werden im Unterschied zu den siebziger Jahren derzeit rund zehn Prozent aller Unfälle durch Unaufmerksamkeit und Ablenkung hervorgerufen.

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