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Technische Hilfsmittel : Tor oder nicht Tor

War er drin oder nicht? Bild: dpa

Die Frage aller Fragen ist manchmal kaum zu klären. Kurz nach der EM entscheiden die Fußball-Regelhüter über technische Hilfsmittel. Zwei Systeme sind noch im Rennen.

          3 Min.

          Drin oder nicht drin - das ist im Fußball Gesprächsstoff für Generationen. Das Wembley-Tor von 1966 ist die Urszene eines Diskurses, der immer wieder neu entflammt, wenn das Spiel die menschliche Wahrnehmung an Grenzen führt. So auch bei dieser Europameisterschaft, als der Ukraine gegen England ein Tor verwehrt wurde. Weder Schieds- noch Linienrichter - und auch nicht die erstmals bei einem großen Turnier eingesetzten Torrichter - hatten erkannt, dass der Ball nach einem Schuss die Torlinie mit vollem Umfang überschritten hatte. Was sich im Regelwerk eindeutig liest, ist in der Praxis jedoch oft nicht ganz so einfach festzustellen. Selbst das für solche Fälle trainierte Schiedsrichterauge ist mitunter eben überfordert, wenn in Bruchteilen von Sekunden Millimetereinschätzungen zur Position bewegter Objekte im Raum vonnöten sind. Und so wirkt es wie ein Anachronismus, dass in einer Zeit, in der rund um das Spiel ein enormer technischer Aufwand getrieben wird, nicht längst auch eine Technik im Einsatz ist, mit deren Hilfe die Frage aller Fragen objektiv zu beantworten ist.

          Diskussionen um die Einführung von Torlinientechnik hat es in den vergangenen Jahren immer mal wieder gegeben. Dass es bis heute nicht dazu gekommen ist, hat je nach Perspektive etwas mit der konservativen Haltung der Herren des Spiels zu tun oder aber mit dem Zweifel daran, dass die Technik als solche reif für den Einsatz ist. Bei zwei Turnieren machte der Weltverband Fifa die Probe aufs Exempel: bei der U-17-WM 2005, als ein Chip im Ball den Kern eines funkbasierten Ortungssystems bildete (das eigentlich für andere Zwecke entwickelt worden war), und bei der Klub-WM 2007, als ein Chip in einer magnetfeldbasierten Technologie die richtigen Signale senden sollte. Beide Male senkten die Verantwortlichen anschließend den Daumen.

          Bild: dpa

          Der nicht gegebene Treffer des Engländers Frank Lampard im WM-Achtelfinale 2010 gegen Deutschland sorgte dafür, dass das Thema wieder ganz oben auf der Agenda steht. Und es scheint, als könne der 5. Juli eine kleine Fußball-Revolution markieren. Dann nämlich entscheiden die Regelhüter der Fifa, das International Football Association Board (Ifab), ob der Torlinientechnik die Tür geöffnet werden soll. Nach einem mehrstufigen Auswahlverfahren sind noch zwei Systeme im Rennen: Hawk-Eye und GoalRef. Beide wurden in den vergangenen Monaten von unabhängigen Fachleuten der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) ausgiebig getestet. Hohe Zuverlässigkeit und sekundenschnelle Übermittlung des Ergebnisses an die Schiedsrichter sind das von der Fifa vorgegebene Ziel - die Wege dorthin fallen jedoch ganz unterschiedlich aus.

          Das in England entwickelte Hawk-Eye setzt auf eine optische Erkennung. Mit Hilfe von zwölf im Stadion installierten Kameras, sechs für jedes Tor, wird der Ball erfasst; die genaue Positionsbestimmung erfolgt mit Hilfe geometrischer Berechnungen (Triangulation). Der Charme besteht zum einen darin, dass keine nennenswerten Eingriffe in die Spiel-Infrastruktur (Ball, Tore) nötig sind - auch wenn jüngst beim Praxistest im Londoner Wembley-Stadion Markierungen auf den Torpfosten zur Kalibrierung der Kameras sowie schwarze Netze für einen besseren Kontrast ins Auge stachen. Zum anderen ermöglicht Hawk-Eye eine unmittelbare Visualisierung der erfassten Situationen beispielsweise für das Fernsehbild. Anders als im Tennis oder im Kricket, wo das Hawk-Eye schon im Einsatz ist, geht es im Fußball jedoch etwas komplexer zu. In verdeckten Situationen, wenn also die Sicht auf den Ball nicht frei ist, können auch die Kameras den Überblick verlieren. Zudem ist das Hawk-Eye mit Installationskosten von rund 300 000 Euro je Stadion nicht eben ein Schnäppchen.

          Beim Hawk-Eye verfolgen zwölf Kameras den Ball
          Beim Hawk-Eye verfolgen zwölf Kameras den Ball : Bild: dpa

          Deutlich günstiger soll GoalRef sein, eine Entwicklung des Erlanger Fraunhofer-Instituts für Integrierte Schaltungen und des dänischen Ballherstellers Select. Das System arbeitet auf der Basis eines niederfrequenten Magnetfelds (100 Kilohertz) in und um die Tore sowie mit einem speziell ausgerüsteten Ball. Entgegen dem allgemeinen Sprachgebrauch ist dieser jedoch nicht mit einem Chip ausgestattet, sondern mit drei Antennenschlaufen - anders als bei seinen Vorgängern 2005 und 2007 handelt es sich dabei um eine passive Technik, die ohne Batterien auskommt. Überschreitet der Ball die Torlinie und verändert dadurch das Magnetfeld auf eine definierte Weise, wird ein Signal an die Schiedsrichter gesendet. Optische Beeinträchtigungen sind hier nicht zu befürchten; allerdings ist ein Magnetfeld kaum mit letzter Sicherheit vor äußeren Einflüssen zu schützen.

          Was die Testergebnisse betrifft, lassen sich weder die Fifa noch die Prüfer von der Empa in die Karten blicken. Beide Anbieter sehen der Entscheidung am 5. Juli mit Zuversicht entgegen - und mit der Hoffnung auf ein ertragreiches Geschäft. Man kann es für eine schöne Pointe halten, dass die am Wembley-Tor beteiligten Nationen nun, ein knappes halbes Jahrhundert später, im technischen Wettstreit miteinander stehen. Ein echtes Duell ist es allerdings nicht: Das Ifab kann auch beide Systeme zulassen oder ablehnen.

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