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Für wichtige Dokumente : Papier ist geduldig – nur eben nicht unendlich

  • -Aktualisiert am

Echtes Büttenpapier in der Sortierung Bild: Hersteller

Mehr als hundert Jahre wurde Papier mit einer sauren Leimung behandelt - eine tickende Zeitbombe. Mehrere Milliarden Bücher stehen vor dem Zerfall. Eine Lösung für wichtige Dokumente kommt aus der ältesten Papiermühle Deutschlands.

          4 Min.

          Papier ist geduldig - und strapazierfähig. Magazinpapiere widerstehen beim Marsch durch riesige Offsetdruckmaschinen hohen Zugkräften. Und auch Zeitungspapier ist widerstandsfähiger, als man meinen sollte, lassen sich in alten Zeitungen doch ganz ideal Küchenabfälle einpacken und zur Komposttonne transportieren, ohne dass das Ganze allzu schnell durchweicht. Zudem ist Papier bei der richtigen Lagerung und Rezeptur extrem lang haltbar. Das gilt etwa für die ersten gedruckten Bücher, von denen in den Bibliotheken der Welt noch etliche Exemplare vorhanden sind. Lediglich die zwischen 1840 und 1985 produzierten Papiere machen Probleme.

          Der Grund: Dieses Papier ist „sauer“. Um das in dieser Zeit aus (billigem) Holzschliff hergestellte Papier überhaupt beschreiben zu können, musste es geleimt werden. Dazu hat man dem Papier nicht wie in den Jahren zuvor Knochenleim zugegeben, sondern mit Natronlauge gelöstes Baumharz, das man mit Hilfe der sauren Lösung Alaun oder mit Aluminiumsulfat an die Fasern band. Mit dieser sauren Leimung legte man eine tickende Zeitbombe. Denn in Verbindung mit der Feuchtigkeit der Luft begann ein chemischer Prozess, der die Zellulosemoleküle in den Papierfasern langsam, aber stetig angreift und zerstört. Da sich dabei auch organische Säuren im Papier bilden, kommt es zu einer Kettenreaktion, die die Fasern zusätzlich schwächt. Das Papier verliert seine Festigkeit, es wird brüchig, und Löcher entstehen.

          Eine Rundsieb-Papiermaschine

          Bücher, Zeitschriften und Zeitungen aus der Zeit der sauren Leimung sind daher stark gefährdet. Man schätzt, dass zehn bis 20 Prozent der Buchbestände in wissenschaftlichen Bibliotheken so geschädigt sind, dass sie nicht mehr benutzt werden können. Bei weiteren 20 Prozent ist der Papierzerfall so weit fortgeschritten, dass diese Bücher gar nicht mehr ausgeliehen werden können, also in den Regalen stehen bleiben müssen. Es sollen insgesamt weit mehr als zwei Milliarden Bücher kurz davor sein, sich in Wohlgefallen aufzulösen. Zwar gibt es die Technik, den Säurefraß zu stoppen, doch sind die Kapazitäten der Anlagen zur Massenentsäuerung begrenzt, so dass ein Wettlauf gegen die Zeit besteht, bei dem der Verlierer schon feststeht.

          Nicht umsonst wird daher alles, was wegen seiner kulturellen oder staatsrechtlichen Bedeutung unbedingt erhalten werden muss, auf dauerhaft beständige Datenträger gebannt. Das sind nicht Magnetbänder oder CD. Vielmehr archiviert etwa die Bundesrepublik Deutschland Verträge, Grundbücher, Urkunden und wissenschaftliche Publikationen analog. In einem klimatisierten Stollen in der Nähe von Freiburg befinden sich mehr als 1400 Edelstahlboxen mit Mikrofilmen, auf denen 800 Millionen Dokumentenseiten fixiert sind. 500 Jahre, erwartet man, bleiben diese Dokumente lesbar, und zwar ohne dass man dazu eine Software oder komplizierte Abspielgeräte benötigt.

          Geschöpft in der Backsteinfabrik Zerkall Renker & Söhne: 1949 wurde das Original des Grundgesetzes auf Zerkall-Bütten geschrieben.

          Doch so wichtig die Frage ist, wie man ein Schriftstück dauerhaft archiviert, muss zu Beginn seines Lebenszyklus die Qualität des verwendeten Papiers festgelegt werden. Dabei gilt, je stärker das Papier belastet und je länger es halten soll, desto hochwertiger müssen die verwendeten Rohstoffe sein. Banknoten, auch die Eurogeldscheine, werden daher nicht aus Holzfasern, sondern aus Baumwolle hergestellt. Und auch beim Drucken des Grundgesetzes 1949 und des Einigungsvertrags hat man auf höchste Qualität geachtet und Büttenpapier eingesetzt, das heute nicht viel anders hergestellt wird als vor 625 Jahren, als am 24. Juni 1390 die erste deutsche Papiermühle vor den Toren Nürnbergs gegründet wurde.

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