https://www.faz.net/-gy9-6uph6

Zeitverschiebung : Einfach weg mit der Sommerzeit?

  • -Aktualisiert am

Die Zähmung der Zeit: Detail einer mechanischen Pendeluhr mit Stifthemmung. Gebaut von Michael Röhrig aus Elementen des Märklin Metallbaukastens und im Oktober 2011 beim 10. Treffen des Freundeskreises Metallbaukasten in Bebra vorgestellt. Bild: Peter Thomas

Die Idee zu dieser Zeitverschiebung hatte schon Benjamin Franklin. Der wollte sparen und den Fleiß seiner Mitbürger anregen. Aber wird wirklich gespart?

          4 Min.

          Schlägt der Sommerzeit bald die letzte Stunde? Ihre Abschaffung fordert jedenfalls der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Das Argument, durch die bessere Ausnutzung des Tageslichts lasse sich Energie einsparen, stimme nämlich nicht, sagt Hildegard Müller, die Vorsitzende des BDEW-Geschäftsführung: „Seit Jahren kann die Energiewirtschaft kaum eine Sparwirkung durch den Dreh am Zeiger erkennen.“

          Nehmt uns nicht die Sommerzeit, fordern dagegen Anhänger der Umstellung aller Uhren. Dies wurde in Deutschland 1980 eingeführt und 1996 in ganz Europa einheitlich für den Zeitraum vom letzten Sonntag im März bis zum letzten Sonntag im Oktober festgelegt. Auch in der vergangenen Nacht wurde darum der Zeiger um 3 Uhr von Mitteleuropäischer Sommerzeit (MESZ) auf 2 Uhr Mitteleuropäischer Zeit (MEZ) zurückgestellt.

          Keine Ausnahmesituation

          Es ist aber nicht die eine Stunde zusätzlicher Schlaf in der vergangenen Nacht, was die Sommerzeit-Fans an der verschobenen Zeitanzeige schätzen. Vielmehr geht es ihnen darum, den früheren Sonnenaufgang in den Monaten des Frühlings und Sommers zu nutzen, um die Tagesaktivität früher beginnen zu lassen. Dazu wird die Uhr um eine Stunde vorgestellt. Wer sonst um 7 Uhr aufsteht, der muss dann um 6 Uhr das Bett verlassen - Ende März wird also bei der Umstellung eine Stunde Schlaf abgezogen. Als Bonus der Sommerzeit gibt es dafür lange Abende mit Sonnenlicht: Nach MEZ mag die Sonne um 20.30 Uhr untergehen, die unser Leben bestimmende Uhr sagt uns, dass wir noch um 21.30 Uhr im milden Abendlicht in der Straußwirtschaft sitzen.

          Technisch hält sich der Aufwand für das Umstellen der Uhren mittlerweile einigermaßen in Grenzen. Das betrifft zum Beispiel die Bahn mit ihren rund 17000 Bahnhofsuhren: Heute werden alle Bahn-Uhren durch das Zeitsignal der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig gesteuert - entweder direkt über Funk oder per Kabel durch eine sogenannte Mutteruhr.

          Auch bei der PTB selbst stellte die Uhrumstellung auf Sommerzeit und zurück keine Ausnahmesituation dar, sagt Andreas Bauch vom Fachbereich Zeit und Frequenz. Die PTB sendet ihr Zeitsignal vom Sender DCF77 in Mainflingen aus. Dessen Steuergeräte nehmen die Umstellung inzwischen automatisch vor.

          „Keinerlei positive Effekte“

          Seit 1980 haben sich die meisten Menschen daran gewöhnt, zweimal im Jahr die Anzeige ihrer Uhren zu verändern - wenn diese das nicht selbst tun. Doch auf Stromeinsparung am Abend durch längeres Tageslicht zu hoffen, ist nicht mehr zeitgemäß. BDEW-Geschäftsführerin Hildegard Müller sagt: „Abends das Licht etwas später anzumachen, hat keinerlei positive Effekte. Es gibt modernere Instrumente, um Energie zu sparen.“

          Die Beleuchtung mache ohnehin nur acht Prozent des Stromverbrauchs privater Haushalte aus, was das Sparpotential durch natürliches Licht grundsätzlich gering halte. Stattdessen gebe es bei Heizung und Haushaltsgeräten erhebliche Einsparmöglichkeiten durch moderne, effizientere Geräte.

          BDEW-Geschäftsführerin Hildegard Müller (Bild von 2007): „Es gibt modernere Instrumente, um Energie zu sparen.“
          BDEW-Geschäftsführerin Hildegard Müller (Bild von 2007): „Es gibt modernere Instrumente, um Energie zu sparen.“ : Bild: dpa

          Was Benjamin Franklin wohl zu dieser Diskussion sagen würde? Dem amerikanischen Staatsmann und Wissenschaftler haben wir die Idee einer veränderten Zeitorganisation im Sommer zu verdanken: 1784 überlegte Franklin, warum die Menschen das frühe Sonnenlicht nicht besser nutzen. Allein durch die vielen nicht angezündeten Kerzen ließen sich gewaltige Summen sparen, meinte er und nahm damit das zentrale Argument für die Einführung der europäischen Sommerzeit um rund zweihundert Jahre vorweg.

          „Faulpelze effektiv wecken“

          Den Mann, der die erste freiwillige Feuerwehr in Philadelphia gründete und die erste Leihbibliothek Amerikas, der den Blitzableiter und einen besonders gut heizenden und wenig rauchenden Holzofen erfand, stellt der amerikanische Autor David Prerau denn auch an den Beginn seiner Geschichte der Sommerzeit „Saving the Daylight“.

          Weitere Themen

          Ein neuer Ranger im Revier

          Fords Pick-up : Ein neuer Ranger im Revier

          Kaum sind drei Sondermodelle zum Auslauf des alten gezeigt worden, hebt Ford den Vorhang vom neuen Modell: Der nächste Ranger nimmt Kurs auf Deutschland. Es wird den erfolgreichen Pick-up auch als VW Amarok geben.

          Titan macht das Leben leichter

          Brompton Faltrad P-Line : Titan macht das Leben leichter

          Das kommt einer kleinen Revolution gleich: Faltrad-Spezialist Brompton bringt 16 Jahre nach dem Vorgänger Superlight nun die rundherum verbesserte P-Line auf den Markt. Die Modelle haben weniger Gewicht, erstmals eine Vier-Gang-Schaltung und neue Feinheiten.

          Topmeldungen

          Eine Solarthermie-Anlage auf dem Dach wird mit einer Flüssiggasheizung kombiniert.

          Nachhaltig Wohnen : Unruhe unter Dämmern

          Die Dämmstoffindustrie ist alarmiert. Bauminister rücken von der einseitigen Ausrichtung an der Gebäudedämmung ab. Die Koalitionäre in Berlin sprechen von technologieoffenen Maßnahmen. Ein Paradigmenwechsel steht an.
          Demonstranten knien in Frankfurt vor einer Polizeikette

          Impfgegner und Anthroposophie : Höhere Einsichten dank Rudolf Steiner?

          Nach eigener Einschätzung verfügen sie über Spezialwissen, das allen anderen abgeht. Die Milieus der Anthroposophen und der „Querdenker“ haben viele Berührungspunkte. In der Pandemie macht das vieles schwerer.