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Wolle gegen Synthetik : Das Schaf kann es besser

Verdeckte Ermittlung: Wie’s da drinnen unter der Wachsjacke aussieht, geht nur die Wissenschaftler etwas an Bild: Hess Natur

Eine Wanderung bringt es an den Tag: Der Vergleich zwischen Wolle und reiner Synthetik endet mit einem klaren Ergebnis.

          2 Min.

          Vor neun Jahrzehnten machte sich ein unerschrockener Engländer daran, den Mount Everest zu bezwingen. Wie berichtet worden ist, trug George Mallory auf dem Weg zum Gipfel eine Hose und Jacke aus dickem Tweed, einem schottischen Wollstoff. Aber eignet sich Wolle überhaupt für sportliche Zwecke? Schließlich gilt heute Funktionswäsche als Bekleidung der Wahl, aber Kenner wie Modemann Nicholas Coleridge sagen: „Wolle verfügt über ein überragendes Temperaturmanagement. Sie hält warm, wenn es kalt ist, und sie kühlt, wenn es warm ist.“

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wie also schneidet ein Shirt aus Wolle im Vergleich zu einem Stück aus synthetischen Fasern ab? Bietet Wolle vielleicht sogar messbare wie fühlbare Vorteile gegenüber Funktionswäsche? Diese Fragen sollte ein Woll-Experiment klären, zu dem der Butzbacher Ökomode-Händler Hess Natur rund drei Dutzend Frauen und Männer in den Rheingau zum Wandern eingeladen hatte, wissenschaftlich begleitet von Mitarbeitern der Medizinischen Universität Graz.

          Das Woll-Experiment: Merino gegen Synthetikfaser

          Die gerade veröffentlichten Ergebnisse besagen: „Wolle übertrifft Synthetik bei der Pufferwirkung.“ Und bei wechselnden physischen Belastungen könne Wolle die Temperaturschwankungen, wie sie sich etwa durch Pausen beim Wandern ergeben, besser ausgleichen, wie es zusammengefasst heißt. Die Daten bestätigen, was die Mehrzahl der Wanderer nach ihren Aussagen gefühlt hat.

          Die Kandidaten: Unterhemd aus Wolle und ein Funktionsshirt

          Das Woll-Experiment folgte klaren Regeln. Alle Teilnehmer wechselten nach einem Tag das Shirt: An einem Tag trug der Wanderer ein dünnes Hemdchen aus Merinowolle, am anderen Tag eines aus hochwertiger Synthetikfaser. Um Vergleichbarkeit herzustellen, mussten die Teilnehmer während des Wanderns ihre Wachsjacke geschlossen halten. Wie der Körper reagierte, wurde mit einem sogenannten i-Button mit eingebautem Sensorchip gemessen, der am Computer ausgelesen wurde. Dabei ging es um die Temperatur, die Feuchtigkeit und den Hautwiderstand im Verhältnis zu den überwundenen 200 Höhenmetern je Tag. Zudem wurde mehrere Male der Puls gemessen.

          Wie ein Kachelofen

          Das Merinowolle-Hemdchen lag dabei nicht so eng am Körper an wie das Funktionsshirt, das wie eine zweite Haut wirkte. Während das Synthetikteil umgehend ein Wärmegefühl vermittelte und schon im Hotelzimmer vor Beginn der Wandereinheit mehrere Teilnehmer ungewollt ins Schwitzen brachte, war dies beim Wolle-Hemdchen nicht der Fall. Im Verlauf der Wanderung offenbarte sich der größte Unterschied in den Pausen, wenn die Wachsjacke abgelegt wurde. Das Funktionsshirt hatte die von Körper abgegebene Feuchtigkeit zu großen Teilen erwartungsgemäß rasch nach außen abgegeben - was sich als feiner heller Film auf dem schwarzen Stoff zeigte. Das ist zum Beispiel beim Joggen ein großer Vorteil, beim Wandern aber eher nicht. In der Folge stellte sich nicht nur beim Autor nach etwa zehn Minuten ein Gefühl der Kühle ein, das sich kurze Zeit später zu einem unangenehmen Frösteln besonders auf dem Rücken und der Brust steigerte. Im Fall des Wolle-Hemdchens trat dieser Effekt so nicht ein. Da blieb es bei kleinen Schweißflecken unter den Achseln und am Brustbein sowie einem leichten Feuchtigkeitsfilm in der Rückenfalte.

          Die Messdaten bestätigen die beschriebenen Gefühle: Während die Hauttemperatur des Autors im Falle des Synthetikshirts im Laufe der Wanderung von 33,5 auf 31 Grad sank, schwankte sie unter Wolle weniger stark und betrug am Anfang wie am Schluss 33,7 Grad. Dies untermauert Coleridges These vom guten Temperaturmanagement.

          Aufgrund ihrer Faserstruktur kann Wolle, wie es heißt, etwa 33 Prozent Wasserdampf speichern, Polyamid dagegen nur weniger als fünf Prozent. Herfried Pessenhofer von der Universität Graz, Versuchsleiter des Woll-Experiments, wählt dazu dieses Bild: „Wollfasern und synthetische Fasern verhalten sich im Vergleich wie ein Kachelofen zu einem Heizlüfter. Während der Kachelofen seine Wärme gleichmäßig abgibt, heizt der Lüfter zwar schnell auf, kühlt aber rasch wieder ab.“ Mallory soll auf dem Everest-Gipfel angekommen sein - allerdings überlebte er die Expedition nicht. Im Gegensatz zu seinen Wollsachen, in denen er 1999 im Eis gefunden wurde. Die wären auch heute noch funktionstüchtig.

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