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Windkraft versus Artenschutz : Rotmilan auf Kollisionskurs

Nicht das Rotorblatt, die Beute ist im Blick: Greifvögel brauchen Schutz, wenn sich Windkraftausbau und Artenschutz vertragen sollen. Bild: Imago

Jedes Jahr verenden Greifvögel an Häuserwänden, auf Straßen – und an Windrädern. Intelligente Kamerasysteme könnten wenigstens Letzteres in Zukunft verhindern. Die Technik birgt aber noch so manche Tücke.

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          Was unterscheidet einen Rotmilan von einer Wolke? Von Biene, Flugzeug oder der Blattspitze eines Rotorblatts? Die Frage ist nicht so banal, wie sie klingt. Nicht, wenn Künstliche Intelligenz sie beantworten soll. Und wenn von der richtigen Unterscheidung abhängt, ob der Rotmilan, jagend den Blick auf den Boden gerichtet, von einem Windrad getroffen wird oder ob das passiert: Kameras entdecken den Vogel Hunderte Meter entfernt, die Maschine schaltet ab, die Rotorblätter trudeln aus, das Tier gleitet unbeschadet vorbei.

          Anna-Lena Niemann
          Redakteurin im Ressort „Technik und Motor“.

          „Ereignisbezogene Abschaltung“. So heißt die Idee, auf die Artenschützer und Windparkbetreiber gleichermaßen hoffen. Radar- und vor allem Kamerasysteme sollen verhindern, dass Tiere und Windenergieanlagen kollidieren. International, besonders in den USA, Frankreich und Spanien, sind sie im Einsatz. In Deutschland erproben diverse Hersteller die Technik. Die Erwartungen sind hoch. Neben dem Schutz der Tiere geht es auch darum, Flächen für die Windkraft zu gewinnen, die bisher pauschal ausgeschlossen sind.

          In Baden-Württemberg hat der Bürgerwindpark Hohenlohe im Sommer die Genehmigung bekommen, sein hauseigenes Projekt BirdVision im Realbetrieb zu testen, nachdem sich das Kamerasystem an acht Anlagen vielversprechend zeigte. Je sechs Industriekameras hängen ringförmig am Turm der Windräder und decken mit ihren Weitwinkelobjektiven ein Sichtfeld von 360 Grad ab. In flachem Gelände hängen sie in etwa sechs Meter Höhe. Steht der Windpark am Waldrand oder in hügeligem Gelände, können es 30 Meter sein. Sie erfassen Objekte in einem Radius von rund 250 Metern. Doch damit sie nicht den Windpark lahmlegen, wenn ihnen eine Biene vor die Linse schwirrt, braucht es ein Hirn: ein Deep-Learning-Netzwerk, eine neuronale Künstliche Intelligenz.

          Weniger Einnahmen bei jeder Abschaltung

          „In drei bis fünf Sekunden erkennt das Bildverarbeitungsprogramm, ob es sich um einen Vogel handelt“, sagt Benjamin Friedle. Er arbeitet beim Bürgerwindpark an BirdVision und versichert, dass Fehldeutungen inzwischen fast nicht mehr vorkommen. Vor zwei Jahren lag die Falsch-positiv-Rate noch bei zwölf Prozent. Die mag dem Rotmilan vielleicht egal sein, nicht aber dem Windparkbetreiber. Jede Abschaltung bedeutet: weniger Einnahmen. Der Server, der im Turm an der Schnittstelle zwischen Kameras und Anlagensteuerung liegt, berechnet inzwischen aber zuverlässig, ob es sich um einen Vogel handelt oder nicht. Etwa eine halbe Minute dauert es, dann trudeln die Rotorblätter so langsam, dass den Tieren keine signifikante Gefahr mehr droht.

          Alarm: Aus diesen abstrakten Bewegungsmustern leitet eine neuronale künstliche Intelligenz recht sicher ab, ob es sich um einen Vogel handelt. Die Windenergieanlage bekommt das Zeichen zum Abschalten.
          Alarm: Aus diesen abstrakten Bewegungsmustern leitet eine neuronale künstliche Intelligenz recht sicher ab, ob es sich um einen Vogel handelt. Die Windenergieanlage bekommt das Zeichen zum Abschalten. : Bild: BirdVision

          Aber sind Windräder überhaupt die Schreddermaschinen, für die sie mancher Kritiker hält? So genau weiß das keiner. Die Brandenburger Vogelschutzwarte pflegt eine Datenbank – Gänsegeier, Mäusebussard und Rotmilan stehen unter den Schlagopfern europaweit ganz oben –, doch bei den Tieren handelt es sich meist um Zufallsfunde. Systematische Studien sind rar. Allein die Fläche ist riesig, die Wissenschaftler, oft in dichter Vegetation, nach verendeten Tieren absuchen müssen.

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