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Müllentsorgung : Mit dem Joystick die Tonne versenken

  • -Aktualisiert am

Einmannbetrieb: Dafür müssen die Tonnen in Reih und Glied stehen Bild: Werner Fischer

Tausende Lastwagen sind im Auftrag des Abfalls unterwegs. Aber Müllauto ist nicht gleich Müllauto, und wer blickt bei den vielen Tonnen schon noch durch? Moderne Technik hilft dabei.

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          Gelb blinkend durchschneidet die Rundumkennleuchte das milde Morgenlicht, pfeifend kündigt die Hydraulik den Giganten an, der sich gerade am Haus um die Ecke zu schaffen macht. Dann biegt der Dreiachser in die Wohnstraße ein, nimmt Maß vor dem Gartentor und fährt den seitlichen Greifarm aus. Die stählerne Klaue packt die bis zum Rand gefüllte Restmülltonne unter dem Deckelscharnier an ihrem Kamm, wuchtet den Behälter spielerisch leicht in die Höhe und kippt den Inhalt durch eine Klappe in den voluminösen Bauch des Fahrzeugs. Der Fahrer steuert den kompletten Ablauf mittels eines Joysticks. Im Innern des Abfallsammelfahrzeugs drücken derweil Pressplatten den locker eingefüllten Müll zusammen, machen Platz für den Inhalt der nächsten Tonne.

          Mitte der neunziger Jahre sind die halbautomatischen Seitenlader in Deutschland auf den Markt gekommen. Ihr Vorteil ist die körperlich leichtere Arbeit ohne direkten Kontakt zum Sammelgut für die Mitarbeiter, und der Betreiber kommt mit weniger Personal aus. Denn die Seitenlader werden vom Fahrer allein bedient, bei herkömmlichen Fahrzeugen sind drei Mann Besatzung notwendig.

          Seitenlader für dünner besiedelte Stadtrandgebiete

          In Deutschland setzen die Kommunen zwischen 6.000 und 8.000 Müllautos ein, informiert der Verband kommunaler Unternehmen (VKU), dazu kommt die große Flotte der privaten Entsorger. Jährlich werden im Land etwa 1.000 neue Fahrzeuge angeschafft, heißt es beim Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE). So ergibt sich das Bild eines vergleichsweise jungen Fahrzeugbestands. Seitenlader machen dabei weniger als zehn Prozent aus, den Rest bilden Fahrzeuge mit klassischer Schüttung im Heck (etwa 70 Prozent) sowie andere Bauarten. Zu diesen sonstigen Ausführungen gehören Frontlader, die Großbehälter vor der Windschutzscheibe packen und über das Fahrerhaus nach hinten entleeren, aber auch Spezialfahrzeuge für die gleichzeitige Abfuhr verschiedener Fraktionen an Müll in voneinander getrennten Räumen.

          Teamarbeit: In vielen Gegenden geht es nicht ohne Mülleimer, weil die Straßen verwinkelt sind oder die Tonnen herbeigeholt werden müssen
          Teamarbeit: In vielen Gegenden geht es nicht ohne Mülleimer, weil die Straßen verwinkelt sind oder die Tonnen herbeigeholt werden müssen : Bild: Picture-Alliance

          Dass die im Grunde effizienten Seitenlader nicht überall unterwegs sind, liegt an den Tücken der Infrastruktur: Das System funktioniert nur, wenn die Tonnen präzise zur Straße hin ausgerichtet sind (da müssen die Bürger mitmachen), wenn das Müllauto ausreichend Platz zum Rangieren hat und der Greifer die Tonne gut erreichen kann. In Berlin, wo die Berliner Stadtreinigung (BSR) - mit rund 300 Fahrzeugen die wohl größte kommunale Müllsammelflotte Deutschlands - auf tägliche Tonnen-Tour geht, verzichtet man wegen der dicht zugeparkten Straßen deshalb ganz auf die halbautomatischen Abfallsammelfahrzeuge.

          Bewährt haben sich Seitenlader hingegen in etwas dünner besiedelten Stadtrandgebieten. Dort setzen beispielsweise die Betriebshöfe der hessischen Stadt Rüsselsheim mit 60.000 Einwohnern seit 2003 Seitenlader ein, sagt Werner Fischer, Abteilungsleiter Abfallsammlung des kommunalen Eigenbetriebs. Von den sieben Müllautos, die in der Stadt abholen, was die Leute wegwerfen - die Branche nennt das Siedlungsabfall -, sind zwei Exemplare mit Seitenlader ausgestattet.

          Der Müll wird immer bunter

          Das Abfallsammelfahrzeug mit Roboterarm ist die jüngste Lösung für ein uraltes Dilemma der Müllwerker: Je höher die Einfüllöffnung liegt, desto schwerer lässt sich der Sammelbehälter entleeren. Insbesondere in den Zeiten von Schüttungen ohne jegliche mechanische Unterstützung war das Umfüllen der Tonnen deshalb nicht einfach nur eine harte Arbeit, sondern ein echter Knochenjob. Niedrig liegende Öffnungen waren aber auch keine Lösung. Denn sie machten zwar das Auskippen der Sammelgefäße etwas einfacher, reduzieren jedoch das Fassungsvermögen des Müllautos, was wiederum dessen Touren verkürzt.

          Noch um das Jahr 1975 wurzelte die wöchentliche Leerung der (einzigen) Tonne unseres Haushaltes fest im traditionellen Maschinenbau: Wenn dienstagmorgens Männer in orangeroter Arbeitskleidung von den Plattformen am Heck des Müllautos sprangen, dann erwarteten sie keine Kunststoffbehälter auf Rädern, sondern verzinkte und sich nach unten leicht konisch verjüngende Blechtonnen. Sie wurden kunstvoll vom Gehsteig zum Auto gekreiselt - dazu war der Knubbel in der Mitte des Deckels gedacht.

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