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Chronik eines Abrisses : Mach’s gut, altes Haus

Nicht schön, aber praktisch war es: Das alte Redaktionsgebäude von Technik & Motor ist Mitte Oktober schon entkleidet. Bild: Frank Röth

Das Gebäude, in dem Technik & Motor für 20 Jahre untergebracht war, ist passé. Deshalb schauen wir am Ende des Jahres eben auf Abraum und Schutt. Darauf, wie man ein Haus, das niemand mehr braucht, wieder loswird, um Platz für Neues zu schaffen.

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          Der letzte Überlebende dieses Totalabrisses ist ein Abfalleimer. Ausgerechnet. Da steht er zwischen Baucontainer und Schutthaufen, um ihn herum zerkleinern fünf Bagger den Rest von dem, was mal das Redaktionsgebäude von Technik & Motor war – für ziemlich genau 20 Jahre. Wem Büros der F.A.Z. vertraut sind, erkennt in ihm sofort Hausmobiliar für Altpapier, davon fällt bei einer Zeitung, das versteht sich, eine große Menge an. Und offenbar ist er das Einzige, das nicht nur in unseren Büros, sondern auch auf einer Abrissbaustelle noch irgendeinen Nutzen hat.

          Anna-Lena Niemann
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Welchen genau, kann an diesem Tag Ende November niemand beantworten. Die Bauarbeiter bedienen schwere Maschinen, ganz hinten stehen zwei auf einem Baugerüst und schlagen letzte Ziegel von einer Wand. Alle sind beschäftigt, alle wollen fertig werden und sich zur nächsten Baustelle aufmachen. Nur vier Stockwerke, ein Vorder- und ein Hinterhaus plus Tiefgarage – die Frankenallee 68–72 ist für den Abbruchspezialisten AWR, der unser Haus fachgerecht in Schutt und Asche legt, eher Kleinkram. In einer Stadt wie Frankfurt reißt man ganz andere Kaliber ab.

          Dass Abriss nicht mit Zerstörung und Schutt nicht mit Chaos zu verwechseln ist, weiß Michael Berne. Es ist Anfang November, und er schaut auf der Baustelle vorbei. Wie seine Leute trägt auch Berne gelbe Warnweste, Helm und schwarze Sicherheitsschuhe. Der Sonderparkschein und die Kugelschreiber in der Westentasche kennzeichnen ihn dann aber doch als Chef über Beton und Fünfzig-Tonnen-Maschinen. Seit 40 Jahren macht er diese Arbeit. Er spricht wie jemand, der bereitwillig erklärt und Fragen beantwortet, aber genau weiß, wann ihm ein Laie nicht mehr folgen kann. Was passiert mit dem Gussasphalt im Recycling? Wie lautete der Fachausdruck? Berme? Können Sie das buchstabieren? „Ach, schreiben Sie das nicht. Es weiß doch keiner, was damit gemeint ist.“

          Was in einem alten Gebäude steckt, ist oft gar nicht klar

          Stattdessen erklärt er das Prinzip eines jeden Abbruchs mit einem simplen Bild: „Im Grunde machen wir alles in genau umgekehrter Reihenfolge zum Aufbau.“ Als er und seine Mannschaft die Baustelle offiziell übernommen haben, nachdem der Abbruch vom Bauamt genehmigt worden war, haben sie sich zuerst vorgenommen, was in einem Haus sichtbar ist: Holztüren, Leisten, Teppiche. Auch den Asbestplatten mussten die Handwerker erstmal vorsichtig zu Leibe rücken, bevor schweres Gerät anrollen konnte. Gutachter hatten die Bausubstanz vorab untersucht, bei alten Gebäuden ist oft gar nicht mehr ganz klar, was alles drinsteckt. Probebohrungen in der Tiefgarage verrieten zudem, wie das Fundament beschaffen ist, wie belastbar es sein würde und was vielleicht wiederverwertet werden könnte.

          Die Baustelle am 18. November: Die Bauarbeiter haben das ehemals vierstöckige Haus schon fast auf Erdgeschoss-Niveau gebracht.
          Die Baustelle am 18. November: Die Bauarbeiter haben das ehemals vierstöckige Haus schon fast auf Erdgeschoss-Niveau gebracht. : Bild: Frank Röth

          Ende Oktober ist alles entkernt. Der Abbruch kann beginnen, nachdem ein Autokran zwei 3,5 Tonnen schwere Bagger aufs Dach gehievt hat. Nun beißen sie sich von oben nach unten durch. Auf der rechten Gebäudeseite müssen Bernes Leute besonders vorsichtig sein. Das alte Redaktionsgebäude steht nicht frei, sondern schließt an ein Wohnhaus an, das freilich ohne Risse und Kratzer aus der ganzen Nummer herauskommen soll. „Mittels Betonsäge schneiden wir die Wände raus“, sagt der Bauleiter. Das ist Präzisionsarbeit, aber mit der Dehnungsfuge in den üblichen vier Zentimetern sei das gut machbar. Nach wenigen Tagen sind die Häuser getrennt.

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