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Bindungen für Tourenskier : Ich pin dann mal weg

  • -Aktualisiert am

Atomic-Automatic: Fürs komfortable Bergauf stellt sich der Hebel der Steighilfe von selbst entsprechend der Hangneigung ein. Ähnlich einer Wasserwaage arbeitet die Autoclimb-Bindung mit Flüssigkeitskammern, die mit Waffenreinigungsöl gefüllt sind. Bild: Hersteller

Im Skisport boomt das Tourengehen: Wie ist es um Technik und Sicherheit der Bindungen bestellt?

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          Abfahrer und Tourengeher teilen die Liebe zum Berg. Technisch aber liegen Welten zwischen ihnen, und in der Materialauswahl gilt es einiges zu bedenken. Wer heute eine Skitourenausrüstung kauft, der entscheidet sich mit großer Wahrscheinlichkeit für eine Pin-Bindung. Neun von zehn Käufern wählen ein solches Modell, nur wenige greifen noch zur Rahmenbindung. Das wirft die Frage auf: Ist das komfortablere Produkt auch aus dem Aspekt der Sicherheit erste Wahl?

          Nachdem der Patentschutz für die Pin-Bindungen 2014 ausgelaufen war, stieg selbst Fritschi, Marktführer im Segment der Rahmenbindungen, in den Pin-Markt ein. Marker, über Jahrzehnte nur auf der Piste unterwegs, entwickelte eigens eine Tourenbindung. Auch Atomic ist dabei, dort gibt es neuerdings ein „Backland Autoclimb“ genanntes Modell, welches mit einer sich automatisch an den Aufstiegswinkel anpassenden Steighilfe den Weg gen Gipfel bequemer machen soll. Es ist kein Wunder, dass die großen Namen aktiv werden, hier winkt Geschäft. Laut Deutschem Alpenverein hat sich allein in Deutschland die Zahl der Tourengeher in den vergangenen 15 Jahren auf 600 000 verdreifacht.

          Obwohl so viele Tourengeher darauf vertrauen: Pin-Bindungen sind keine Sicherheitsbindungen. Ueli Mosimann, Bergführer und Fachverantwortlicher Sicherheit im Bergsport des Schweizer Alpen-Clubs (SAC), geht sogar noch weiter. „Pin-Bindungen haben ein echtes Sicherheitsproblem“, sagt er. Die Kritik entzündet sich am Auslöseverhalten. Die Aufgabe von Skibindungen ist es, die Kräfte einwandfrei vom Fuß auf den Ski zu übertragen. Um Verletzungen zu verhindern, soll die Bindung auslösen, wenn die Kräfte den Z-Wert (abhängig von Körpergröße, Gewicht und Sohlenlänge in der DIN ISO 11088 festgelegt) überschreiten. Bei einem Drehsturz wirkt je nach Skifahrer ein Moment von 30 bis 100 Nm. Zum Vergleich: Die Felgenschrauben an Mittelklassewagen werden je nach Fabrikat mit rund 100 Nm angezogen. Die Besonderheit von Tourenbindungen ist, dass sie den Schuh für die Abfahrt fixieren, im Aufstiegsmodus die Ferse aber frei bleibt. Lange Zeit wurde das durch einen Steg oder einen Rahmen gelöst, der unter oder seitlich des Schuhs das bewegliche Fersenteil mit dem Frontteil der Bindung verbindet. Selbst im Aufstiegsmodus lösen Rahmenbindungen gemäß Norm aus.

          Eine leichte Pin-Bindung (Xenic 10 von Fritschi). Der Schuh wird vorn durch zwei Pins befestigt. Bilderstrecke

          Davon unterscheidet sich die Pin-Bindung grundlegend. Sie verzichtet auf Rahmen oder Steg und fixiert den Skischuh, der über zwei Inserts an der Spitze verfügt, mitttels zweier Metallzapfen. Sie wiegt nur etwa ein halbes Kilo, also rund die Hälfte der Rahmenbindung. Auf der Sportartikelmesse Ispo Ende Januar hat Marktführer Dynafit sein Modell Superlite 150 vorgestellt, eine Bindung für den breiten Markt, die sogar nur 150 Gramm wiegt. Sie ist vom kommenden Winter an im Handel. Neben dem Gewicht hat die Pin-Bindung noch einen Vorteil: Der Drehpunkt liegt näher am Zeh. Der Schritt ist dadurch natürlicher, auch längere Schritte sind möglich.

          Mosimann kritisiert, die Werte in den Sichtfenstern der Bindungen seien nicht immer identisch mit den tatsächlichen Auslösewerten. Sportgeschäfte kontrollierten die Werte oft nicht auf Prüfständen und stellten die Bindung nur im Sichtfenster ein, was zu falschen Auslösewerten führe. Manche verkauften sogar Bindungen, die hinsichtlich der Z-Werte nicht zur Konstitution des Käufers passten. Heißt: Im Fall der Fälle löst die Bindung nicht aus; Bänder reißen, Knochen brechen. Zudem bemängelt Mosimann, die Pin-Bindung könne den Schuh einklemmen, wenn der Ski sich in einer Mulde durchbiege. Auch dann löst sie nicht aus. Und schließlich stört ihn, dass es keine Norm gebe für das komplexe System Ski/Pin-Bindung/Schuh. Schon kleine Unregelmäßigkeiten durch Vereisung der Bindung oder eine ungenaue Montage schränkten die Funktionsfähigkeit ein.

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