https://www.faz.net/-gy9-9dgpt

Recycling von Flugzeugen : Vom Airbus zur Cola-Dose

  • -Aktualisiert am

Nicht nur die Flügel fehlen: Ein ausrangiertes Passagierflugzeug von Cathay Pacific aus Hongkong wird beim Tarmac in Frankreich in seine Einzelteile zerlegt. Bild: Tarmac Aerosave/Remy Michelin

Früher wurden ausgemusterte Flugzeuge in der Wüste ihrem Schicksal überlassen, heute werden sie aufwendig recycelt. Dabei profitieren nicht nur Dosenhersteller – auch Regierungen nutzen den Markt.

          Achtzehntausend Starts und Landungen auf Flughäfen in aller Welt, noch mehr Stunden in der Luft und mehr als eine Million Passagiere. Ein Jetset-Leben, wie es geschrieben steht – und nun ein eher trostloser Hangar am Flughafen Paderborn-Lippstadt. Nach mehr als 20 Jahren im Dienst ist die westfälische Provinz das Ende dieses Airbus A310. Jetzt wird er demontiert und fast komplett recycelt – in dieser Dimension ein Novum in Deutschland, aber nicht in der Welt.

          „Am Ende soll nicht einmal ein Schräubchen übrig bleiben“, sagt Jürgen Stolze, Chef der German Aircraft Maintenance GmbH (GAM), die mit ihren rund 80 Mitarbeitern große Verkehrsflugzeuge wartet und nun den A310 auseinandernimmt. Annähernd 100 Prozent will die Werkstatt recyceln – von den Sitzen oder Triebwerken bis zu den rund 40 Tonnen Aluminium-Schrott der Außenhaut. Ressourcenschonend ist das, aber auch lukrativ: Einige Millionen Euro will die Besitzerin, die Schweizer Leasing-Gesellschaft Aero-Sky, mit dem Recycling erlösen – wohl mehr, als der Vogel im Ganzen eingebracht hätte.

          Wiederverwendung statt Flugzeug-Friedhof

          Denn obwohl der ehemals als Vip-Flugzeug mit 100 Sitzplätzen eingesetzte A310 auch nach 20 Jahren noch uneingeschränkt flugtauglich ist und jederzeit einsatzbereit gewesen wäre, war er unverkäuflich: Die Wartungen wurden zu teuer. Über Jahrzehnte wurden ausrangierte Maschinen wie der A310 auf sogenannten Flugzeug-Friedhöfen geparkt. Doch seit einigen Jahren hat ein Umdenken eingesetzt: Zu wertvoll sind sowohl die verbauten Rohstoffe als auch die Ersatzteile. Allein die beiden Turbinen bringen beim A310 in Paderborn-Lippstadt zusammen 1,5 Millionen Euro. Sie sind schon verkauft und werden als Erstes demontiert.

          Der vorderste Teil des Flugzeugs ist bereits demontiert, der Rest wartet noch auf das Ausbauen der wiederverwendbaren Elemente: Flugzeug Recycling bei GAM in Paderborn-Lippstadt. Bilderstrecke

          Beim Ausbau gehen die Fluggeräte-Mechaniker vorsichtig zu Werke: Ist die Verkleidung entfernt und nach oben geklappt, wird ein bewegliches Gerüst, „Jack“ genannt, unter die Turbine geschoben. Behutsam lösen die Mechaniker das rund 5,5 Tonnen schwere Triebwerk, schützen wichtige Teile mit Plastikfolien und roten Klebestreifen. Ausgebaut, gereinigt, überprüft und nach den Richtlinien der Flugsicherheit neu zertifiziert, ist die Turbine ein wertvolles Ersatzteil.

          Turbinen, Avionik – also elektronische Geräte wie Computer, Fluginstrumente oder Radar – sowie das Fahrwerk machen einen Großteil des Werts aus. Aber auch Sitze oder Schwimmwesten sind verkäuflich. Mehr als 1000 Teile sollen bei diesem A310 wieder auf den Markt kommen. Die Nachfrage nach kostengünstigen und hochwertigen Materialien der zweiten Generation ist groß. Wertvoll bleiben die Ersatzteile aber nur, wenn sie funktionstüchtig und zertifiziert sind. Nach Jahren in der Wüste hat ein Flugzeug daher kaum mehr als Schrottwert.

          Reste werden über Onlinehändler verkauft

          Der Flugzeughersteller Airbus machte aus dem Recycling bereits vor einigen Jahren ein Geschäft: Seit 2007 hat das Unternehmen Tarmac Aerosave, zu dessen Hauptanteilseignern Airbus gehört, rund 120 Flugzeuge recycelt und erreicht eine Wiederverwertungsquote von 92 Prozent. Obwohl das Recycling für die Franzosen nur ein kleiner Geschäftszweig ist, sind sie mittlerweile Europas größtes Unternehmen dieser Art. Zum Gelände in Frankreich gehört ein 17 000 Quadratmeter großes Warenhaus, in dem die verpackten Ersatzteile auf ihren nächsten Einsatz warten.

          Etwa sechs Wochen hat die GAM in Paderborn für die Zerlegung des A310 veranschlagt. Sind die potentiellen Ersatzteile ausgebaut, kommt der grobmotorische Teil, der am Ende nur wenige Tage dauert: Ein Kran und ein Bagger mit Zange zerlegen den Rest des Flugzeugs, der dann in Container verpackt wird. Verkauft wird das Altmetall über Händler. Erfahrungen mit Flugzeugschrott hat beispielsweise die Online-Plattform Schrott24 im vergangenen Jahr gesammelt, als sie die Reste zweier ausgemusterter A310 der belgischen Regierung verwertete: „Ein bemerkenswerter Auftrag mit einem Volumen von fast 100 Tonnen Aluminium, Kupfer und Stahl mit einem hohen fünfstelligen Marktwert“, erinnert sich Geschäftsführer Jan Pannenbäcker.

          Werden heute vor allem Maschinen aus den 1980er und 1990er Jahren aufbereitet, dürfte das Recycling der neuen Generation Flugzeuge aufgrund des höheren Kohlefaser-Anteils deutlich komplizierter werden. Bestand die Struktur einer Boeing 777 von 1993 noch zu 70 Prozent aus Aluminium, ist der Anteil des Metalls beim von 2011 an ausgelieferten Dreamliner 787 auf ein Fünftel gesunken und der Anteil von Verbundmaterialien auf die Hälfte gestiegen. Kohlenstofffaser ist am schwersten zu recyceln. Derweil ist der A310 aus Paderborn-Lippstadt schon in seinem zweiten Leben unterwegs. Vielleicht mit einem der wertvollen Triebwerke oder auch nur als eine aus recyceltem Aluminium bestehende Cola-Dose in der Bordküche.

          Weitere Themen

          B happy

          100 Jahre Bentley : B happy

          Seit 100 Jahren tüftelt Bentley an noblen Automobilen. Die Ehe mit Rolls-Royce ist längst Geschichte. Wohin steuert die Marke jetzt?

          Drinks mit KI Video-Seite öffnen

          Roboter ersetzt Barkeeper : Drinks mit KI

          An der Roboter-Bar in Prag werden die Drinks über einen Touchscreen bestellt. Dabei stehen 16 Cocktails zur Auswahl. Die Maschine schafft bis zu 80 Cocktails pro Stunde.

          Topmeldungen

          Bereits ab 14.00 Uhr könnte die gefühlte Temperatur über 32 Grad liegen, dann herrscht Warnstufe 2. (Archivbild aufgenommen in Berlin)

          Deutscher Wetterdienst : Hitzewarnung für Deutschland

          Der Deutsche Wetterdienst rechnet ab Montag mit ersten Hitzewarnungen. Ab Mittwoch soll dann ganz Deutschland von einer Hitzewelle erfasst werden. Besonders Kinder, alte und kranke Menschen sind durch die hohen Temperaturen gefährdet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.