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Weltkulturerbe? : Die erste Halle der Elektropolis

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Die AEG-Turbinenhalle in Berlin ist Symbol des gesellschaftlichen Wandels im frühen 20. Jahrhundert Bild: Bardua

Seit mehr als 100 Jahren dient eine Montagehalle in Berlin dem Bau von Turbinen. Als „Elektropolis“ wurde Berlin zum Impulsgeber für die Nutzung von Strom. Nun soll der eindrucksvolle Bau Teil des Weltkulturerbes werden.

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          Zu Beginn des 20. Jahrhunderts befindet sich die Welt im Aufbruch. Der junge Energieträger Strom wird zum Hoffnungsträger der Technik. Als „Elektropolis“ wird Berlin zum Impulsgeber für die Nutzung von Strom. In Kunst und Architektur wird der aufgesetzte Schnörkel von der Moderne verworfen. Dabei kommt es nicht allein auf den Inhalt an: Auch „ein Motor muss aussehen wie ein Geburtstagsgeschenk“, erkennt der AEG-Direktor Paul Jordan und lässt den Architekten Peter Behrens ein Design für sein Unternehmen entwickeln. Die 1909 vollendete Turbinenhalle der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) in Berlin-Moabit ist Symbol dieses Wandels.

          Damals erlebte die Elektrizitätswirtschaft einen Umbruch. So fusionierten in Berlin die AEG und die Union Elektricitäts-Gesellschaft. Damit bekam die AEG Zugriff auf die Fabrik in Moabit und Patente des amerikanischen Konkurrenten General Electric (GE) für Dampfturbinen. In der Folge teilten GE und AEG den Weltmarkt unter sich auf, und die AEG gründete 1904 ihre Turbinenfabrik an der Huttenstraße in Moabit. Mit dem neuen Produkt und der neuen Fabrik setzte sie Maßstäbe im Konkurrenzkampf. Denn Turbinen waren für die Stromerzeugung viel effektiver als die üblichen Dampfmaschinen.

          Einen besonderen Eindruck hinterließ die 1909 in Moabit erbaute Montagehalle für Turbinen. Die damals größte Halle Berlins wurde ohne Zierrat ausschließlich mit den „modernen“ Materialien Eisen, Glas und Beton gebaut. Die großen Glasflächen schufen eine im Industriebau neue Transparenz. Das Berliner Baugeschäft Czarnikow & Co. und die Dortmunder Union Stahlbau hatten die Halle in nur sieben Monaten errichtet. Dieser übersichtliche Arbeitsraum ist 125 Meter lang, etwa 25 Meter hoch und ebenso breit.

          Modernes, sparsam gegliedertes Bauwerk
          Modernes, sparsam gegliedertes Bauwerk : Bild: Bardua

          Für das Tragwerk war der Bauingenieur Karl Bernhard verantwortlich

          Vor allem zwei Männer hatten die Halle entwickelt. Für das Tragwerk war der Bauingenieur Karl Bernhard verantwortlich. Mit ihm gestaltete Peter Behrens die Architektur. Der Autodidakt Behrens entwickelte als Erster für ein Unternehmen ein geschlossenes Erscheinungsbild: Die Bauten, Produkte und Schriftzüge der AEG sollten fortan moderne Dynamik ausstrahlen. Behrens wurde gefeiert, weil er sich als Architekt im Industriebau durchsetzen konnte. Dabei war es gerade das Zusammenwirken von Architekt und Ingenieur, welches so innovativ war. Doch Behrens wurde mit der Turbinenhalle berühmt, Bernhard geriet als Miturheber in Vergessenheit.

          Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hatten sich Bauingenieure als Experten für Verkehrsanlagen und Industriebauten etabliert. Sie bauten meist ohne Architekten, wurden aber - vielfach zu Recht - wegen einer unbefriedigenden Gestaltung kritisiert. Einige mit Stein bauende Architekten meinten sogar, dass aus Eisen keine ernstzunehmende Architektur entstehen kann. Doch das Wissen im Umgang mit dem modernen Baustoff Eisen fehlte ihnen. Einige Ingenieure dagegen betrachteten ihre Konstruktion selbst als Maß der Gestaltung. So entstanden viele Brücken ohne Architekten. Unter dem Strich ging es um Marktanteile für beide Berufsgruppen.

          Doch seit 100 Jahren wird darüber gestritten, welchen Einfluss Architekt und Ingenieur auf die Gestalt der Halle hatten. Oft wird das Werk allein Behrens zugeschrieben. Doch der Anteil von Karl Bernhard ist viel größer als ihm bisher zugebilligt, meinen Fachleute. Die Halle dokumentiert sogar das Ringen um ihre Gestalt, bezieht daraus eine eigene Dynamik. So wird an der Berlichingenstraße das Konstruktive betont: Vollwandige Gelenkbinder verzahnen sich mit dem mächtigen Betonsockel, ihre Kompaktheit wird durch die 14,40 Meter hohen Glaswände unterstrichen. Sie sind geneigt, damit die Arbeiter innen wenig geblendet werden. Die wiederholende Reihung ist Sinnbild maschineller Produktion. Der Seitentrakt zum Hof verzichtet sogar auf jegliches Pathos. Nur ein waagerechtes Eisenband betont hier die Aufteilung in zwei Geschosse.

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