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Ewige Sicherheitskontrollen : Schlangengift am Fluchhafen

Flughafen Frankfurt morgens um 5:45 Uhr: Die Warteschlangen sind ein gewohnter Anblick. Bild: Appel

Was tun gegen die langen Warteschlangen am Flughafen? Immer mehr Passagiere zwängen sich durch Terminals und Sicherheitskontrollen. Moderne Technik könnte Abhilfe schaffen.

          Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer steckt noch im Diesel-Dilemma, da folgt schon das Luftfahrt-Chaos. Am Freitag trifft er sich mit den Spitzen der Branche in Hamburg, Themen sind Flugverspätungen, Enge am Himmel, Warteschlangen an den Sicherheitskontrollen, genervte Passagiere. Flugsicherung, Flughäfen, Fluggesellschaften und die für die Sicherheit zuständige Bundespolizei schieben sich gegenseitig Schuld zu, und nur weil jetzt der entspanntere Winterflugplan gilt, giften sie sich dezenter an. Doch alle zittern vor dem nächsten Sommer. Zur Einordnung ein Beispiel vom größten deutschen Flughafen: Am 29. Juli zwängten sich 237.966 Passagiere durch die Terminals in Frankfurt, so viele wie nie zuvor. An gut 180 Tagen im Jahr werden mehr als 200.000 Passagiere abgefertigt. Der Airport wird des Andrangs kaum noch Herr. In einer Leichtbauhalle neben dem Terminal schafft der Betreiber Fraport nun Raum für zusätzliche Passagier- und Handgepäckkontrollen, peinlicher könnte der Offenbarungseid kaum ausfallen.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Die Sicherheitskontrollen mit ihren oft schwer erträglichen Zuständen gehören zwar in den Zuständigkeitsbereich der Bundespolizei, doch wenn am Terminal 1 in Frankfurt die Passagiere bis auf die Straße stehen, fällt das auch auf die Premiumanspruch habende Lufthansa zurück. So liegt jeder mit jedem im Clinch. Vielleicht könnte Technik Abhilfe schaffen. Man achte mal darauf: In der Regel ist der Fluggast durch die Kontrolle, sein Handgepäck noch nicht. Zur Wartezeit vor der Anlage kommt die dahinter. Es gilt also, mehr Gäste je Stunde durch die Kontrolle zu schleusen, ohne Abstriche an der Sicherheit zu machen, und die Überprüfung des Gepäcks zu beschleunigen.

          Als lahm gelten die derzeit eingesetzten Röntgengeräte von Smiths Heimann, die wegen von Innenministerium und Bundespolizei vorgegebener Kriterien als einzige beschafft werden. An ihrem Förderband darf ein schneller Gast einen langsamen nicht überholen, für die Erstellung eines vollständigen Bilds muss das Band nach jedem Anhalten ein Stück zurückfahren, und meist müssen die Gepäckwannen per Hand zurückgebracht werden. Fraport sagt, es komme keine veraltete Sicherheitstechnik zum Einsatz, doch fehlten Elemente. Als das wären: automatisierte Wannenrückführung, Bildbearbeitung an mehreren, vielleicht dezentralen Plätzen, die Möglichkeit, mehrere Passagiere gleichzeitig am Band abzufertigen. Eine Anlage, die solches beherrscht, ist als Muster von der niederländischen Firma Scarabee am Flughafen Köln aufgebaut und nach einem Jahr behördlich wieder stillgelegt worden. Seither verstaubt sie. „Die dort eingesetzte Kontrolltechnik wie Körperscanner, Gepäckprüfung und Sprengstoffdetektor stammt nicht von Scarabee, sondern aus Rahmenverträgen, die auch für Frankfurt genutzt werden“, stellt die Bundespolizei auf Anfrage fest. Ein exakter Nachbau der Projektkontrollstelle an anderen Standorten sei weder vorgesehen noch technisch sinnvoll oder vergaberechtlich zulässig. Im Übrigen arbeite die Bundespolizei stetig an der Optimierung von Prozessen und erprobe neue Kontrolltechniken.

          Muster ohne Wert: Die Scarabee-Anlage in Köln verstaubt stillgelegt.

          Für manche Mitarbeiter in Frankfurt klingt das abwiegelnd. Die genutzten Anlagen hätten einen Zielwert von 130 Menschen je Stunde und Spur, sagen sie. Daraus ergäben sich maximal 10 Minuten Wartezeit. Tatsächlich schafften sie aber nur 70 bis 80 Menschen je Stunde, weshalb die Wartezeit regelmäßig 20 Minuten oder mehr betrage. Die Scarabee-Anlage, die mit größeren Auflageflächen und geschwungenem Layout etwa doppelt so viel Platz benötigt, schafft dem Vernehmen nach 270 Personen. Das Verhältnis beim Handgepäck sei ähnlich, heißt es. Doch selbst die schlecht stapelbaren Wannen seien normiert und bundespolizeilich abgenommen. Allein durch den Einsatz größerer Wannen ließe sich der Durchsatz um 15 Prozent erhöhen. Der größere Personalbedarf an der Scarabee-Anlage von 13 statt 5,5 Mitarbeitern je Kontrollstelle werde durch ihr höheres Abfertigungsvolumen überkompensiert, meinen Befürworter wie die Lufthansa.

          Fraport-Chef Stefan Schulte sagt, sowohl gegen Engpässe in der Luft als auch für die Neuorganisation von Kontrollen, bei denen die Flughäfen mehr Verantwortung übernehmen wollen, sei politische Mithilfe nötig. Mal sehen, was für die womöglich unnötig leidenden Passagiere am Freitag herausspringt.

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