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Vinschger Bahn in Südtirol : In Zukunft unter Strom

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Oben ohne: Die Bahn muss derzeit noch ohne Stromleitung auskommen, aber die Bauarbeiten sind im Gange. Bild: Peter Thomas

Die Vinschger Bahn in Südtirol ist ein regionales Erfolgsprojekt. Jetzt wird die erst 2005 wiedereröffnete Bahn mit einer Oberleitung ausgerüstet. Und künftig könnte die einstige kaiserlich-königliche Staatsbahnstrecke sogar in die Lombardei führen.

          Über 15 lange Jahre herrschte Betriebsruhe auf der Vinschger Bahn (hochdeutsch: Vinschgaubahn) von Meran nach Mals. Denn im Juni 1990 verkehrte zum letzten Mal ein Zug der italienischen Staatsbahnen aus der mondänen Kurstadt ins Städtchen vor dem Reschenpass: zu wenig frequentiert, zu teuer, zu aufwendig im Unterhalt. Sollte dies etwa das Ende der knapp 60 Kilometer langen Nebenbahn sein, die 1906 von der kaiserlich-königlichen Staatsbahn Österreichs eröffnet wurde?

          Doch Südtirol (genauer die autonome Provinz Bozen) nahm die Sache selbst in die Hand: Die Infrastruktur der Vinschger Bahn wurde ertüchtigt, bei Stadler in der Schweiz zwölf Gelenktriebwagen GTW 2/6 angeschafft, Bahnhöfe restauriert und im Mai 2005 der Betrieb in eigener Regie aufgenommen. „Die Prognosen lagen damals bei 500.000 bis einer Million Fahrgästen im Jahr“, erinnert sich Joachim Dejaco, Generaldirektor des verantwortlichen Eisenbahninfrastrukturunternehmens STA (Südtiroler Transportstrukturen AG). Die STA betreibt nicht nur die Strecke, sondern ist auch Eigentümer der Fahrzeuge, welche sie an das Eisenbahnverkehrsunternehmen SAD vermietet.

          Der Mut der Südtiroler hat sich ausgezahlt: Das Passagieraufkommen überstieg bald die Annahmen, heute liegt die Vinschger Bahn bei knapp zwei Millionen Passagieren. Und die Kapazitäten sind so gut wie ausgeschöpft. Bereits um das Jahr 2010 begannen deshalb die Planungen für eine Ertüchtigung der Bahn: Längere und schnellere Züge mit elektrischer Traktion sollen die nur 40 Meter langen GTW ablösen. „Definitiv ist die Entscheidung 2014 gefallen“, erklärt Dejaco.

          Große Pläne: Geplant ist unter Anderem ein durchgehender Halbstundentakt von Mals nach Meran.

          Bei der Planung wurden neben einer klassischen Stromversorgung über Oberleitung auch mit Wasserstoff betriebene Brennstoffzellenzüge und Akkutriebwagen in Betracht gezogen. Schließlich entschied sich die Vinschger Bahn aber für eine Oberleitung. Sie wird mit 25 kV/50 Hertz Wechselstrom gespeist. „Die Entscheidung für dieses Bahnstromsystem lag wegen der hohen Effizienz nahe, aber auch deshalb, weil der Brenner-Basistunnel mit diesem Stromsystem ausgerüstet werden soll“, sagt Dejaco.

          Arbeiten an neun Stationen

          Und warum kein alternativer Antrieb auf Wasserstoff-Basis, wo doch das Interesse dafür in Südtirol sehr groß ist? Die Brennstoffzelle sei sicher eine valide Technologie für Busse und Autos, sagt der STA-Chef, „aber bei der Eisenbahn war der Wirkungsgrad der Oberleitung einfach nicht zu übertreffen“. Ab 2019 werden nun die insgesamt 1500 Masten entlang der Strecke aufgestellt. Bei der anschließenden Montage des Fahrdrahts wird die Bahn um eine Vollsperrung nicht herumkommen. Das aber ist wahrscheinlich erst 2020 der Fall.

          Für die erst Anfang des Jahrtausends erneuerte Vinschger Bahn bedeutet das Programm wieder umfangreiche Baumaßnahmen. Unter anderem werden die Bahnhöfe mit 125 Meter langen Bahnsteigen für die 106 Meter langen neuen Züge ausgerüstet – derzeit laufen die Arbeiten an neun Stationen. Im Marlinger Tunnel muss die Sohle abgesenkt werden, um am First Platz zu schaffen für die Stromversorgung. Zudem werden Teile der Strecke zweigleisig ausgebaut, um Möglichkeiten für Überholungen durch Expresszüge zu schaffen. Der komplette Betrieb soll 2021 aufgenommen werden.

          Nach Abschluss der Arbeiten wird der Vinschgau in einer neuen Qualität an den Rest Südtirols und der Alpenregion angebunden. Geplant ist künftig ein durchgehender Halbstundentakt von Mals nach Meran, bislang fahren drei Züge in zwei Stunden. Vor allem aber sollen die meisten Züge nun über Bozen und den Brenner bis nach Innsbruck durchgebunden werden. Regelmäßige Expressverbindungen sollen für besonders kurze Fahrzeiten sorgen. Zusätzlich will die Vinschger Bahn über Brixen durchs Pustertal bis nach Lienz fahren. Insgesamt werde die Zahl der täglichen Zugverbindungen von derzeit rund 50 auf dann mehr als 60 steigen, sagt Dejaco.

          Zahlt sich die Flexibilität aus?

          Sieben Elektrotriebzüge vom Typ Stadler Flirt für jeweils rund 600 Passagiere wird die Vinschger Bahn für ihre Zukunft unter Strom anschaffen. Die Garnituren sind dreisystemfähig, sie können also mit drei der vier in Europa gängigen Vollbahn-Stromsysteme versorgt werden. Konkret sind das die eigene Strecke mit 25 kV/50 Hertz Wechselstrom, Österreich mit 15 kV/16,7 Hertz Wechselstrom und das Gebiet der italienischen Staatsbahnen mit 3 kV Gleichstrom.

          Vielleicht zahlt sich diese Flexibilität in der Zukunft noch stärker aus. Denn erst in diesem Frühjahr hat Südtirol erste Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie für die Weiterführung der Vinschger Bahn bis in die Lombardei vorgestellt, Endstation wäre Bormio. Die gut 30 Kilometer lange Strecke würde durch mehrere Tunnel geführt, was die Konstruktion aufwendig und entsprechend teuer macht. Die Prognosen nennen Baukosten von mehr als einer Milliarde Euro.

          Überlegungen, die Vinschger Bahn über Mals hinaus weiterzuführen, sind allerdings nicht neu. In österreichischer Zeit wurde schon eine 87 Kilometer lange Bergstrecke über den Reschenpass ins Inntal angedacht. Und in den vergangenen Jahren kam immer wieder die Diskussion auf, den Vinschgau auf der Schiene mit Scuol im schweizerischen Unterengadin zu verbinden.

          Die Möglichkeiten für eine Erweiterung der Vinschger Bahn hat man sich am bisherigen Endbahnhof Mals deshalb in den vergangenen 112 Jahren räumlich stets offengehalten. Auch bei der anstehenden Verlängerung der historischen Remise für die neuen Züge werden der alte Wendestern neben dem Wasserturm und die Freiflächen vom Bahnhof in Richtung Westen nicht angetastet.

          Aufladen überflüssig: Für das elektrische Fahren ist die Bahn wie gemacht.

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