https://www.faz.net/-gy9-vc77

Venezianische Gondel : Luca, Stefano und das krumme Geschäft

  • -Aktualisiert am

Alles andere als einfach: Die Technik des Gondelfahrens Bild: dpa

Die venezianische Gondel ist Transportmittel, Prestigeobjekt und Touristenschaukel. Vor allem ist sie aber eins: krumm. Nur so kann sie seitwärts gleitend geradeaus fahren. Das ist nicht ohne weiteres zu verstehen, aber ganz einfach.

          7 Min.

          Eigentlich müssten die Kanäle der amphibischen, von Wasserstraßen durchzogenen Adria-Metropole als Heimat der venezianischen Gondel der ideale Ort sein, etwas über das merkwürdig gekrümmte Gefährt der Serenissima zu erfahren. Schneller, als der Besucher gucken kann, sieht er sich in ein sacht schwankendes, mit Samt gepolstertes Gefährt komplimentiert, um alsbald zwischen verzückt lächelnden Japanern, „gorgeous“ rufenden Yankees und den ersten digital filmenden Russen zu sechst für 80 Euro eine dreiviertel Stunde durch die schattigen Häuserschluchten zu treiben. Für eine Bootspartie sind die Gondolieri zu haben, erzählen wollen sie über ihr Gefährt und ihre Arbeit aber nichts.

          Immerhin sind nach beharrlichem Fragen bei abends ermattendem Besucherstrom Luca Rizzi und Stefano Galletta zu Auskünften bereit. Wir treffen uns an der südlichen Treppe der hölzernen Accademia-Brücke. Rizzi und Galletta stehen mit Strohhut, blau-weiß gestreifter Marinéra, dem Matrosenhemd, in schwarzer Hose und schwarzen Schuhen am Dorsoduro-Ufer. Man glaubt gern, dass es sich bei dieser Kluft um die traditionelle Kleidung eines Gondoliere handelt.

          Dabei wird der Strohhut in der Zunft erst seit dem Zweiten Weltkrieg getragen, das Matrosenhemd seit den siebziger Jahren, als Venedig-Reisen mit Bootspartie üblich wurden und dem Gondoliere mit der Spezialisierung auf den Fremdenverkehr ein regelmäßiges Einkommen boten. Die Hemden waren zunächst rot-weiß, später blau-weiß gestreift. Rizzi hat die Aufgabe, mit dem Fremden zu plaudern, während Galletta mit Adleraugen den Besucherstrom über die Brücke im Blick behält und das Zaudern oder Verweilen eines Passanten als Einstieg in eine beiläufig eingefädelte Kaltakquisition nimmt.

          Gewollte Schieflage: Nur die asymmetrische Gondel fährt geradeaus

          Kiellos plattbödige Konstruktion

          „Rudern ist einfach“, meint Rizzi. Anstrengender sei, „jeden Tag 14, 16 Stunden auf den Beinen zu sein und Kunden zu kriegen“. Die vergleichsweise einfache Handhabung ihres schwimmenden Arbeitsplatzes verdanken die Gondolieri Domenico Tramontin. Ende des 19. Jahrhunderts gab Bootsbauer Tramontin der Gondel die charakteristisch asymmetrische und gekrümmte, rechts um 24 Zentimeter gekürzte Form. Die Asymmetrie und mehr Volumen auf der linken Bootsseite gleichen das Gewicht des backbord stehenden Gondoliere aus. Der Gondelrumpf ist so geformt, dass er leer deutlich nach rechts geneigt, mit dem Gondoliere an Bord leicht nach rechts geneigt, mit kommod auf den Bänken sitzenden Passagieren waagerecht schwimmt.

          Die Mitte des Schiffs liegt etwa 15 Zentimeter neben der üblichen Mittschiffslinie. Die Konstruktion kündet von einer virtuosen Beherrschung der Netto- und Bruttoschwimmlage. Die gekrümmte Bootsform lässt die Gondel unabhängig von ihrer Beladung geradeaus fahren, wobei sie ständig seitwärts nach links über das Wasser rutscht. Es ist eine kiellos plattbödige Konstruktion mit seitlich gekrümmten, am Übergang zum Gondelboden geknickten Spanten. Die Vorwärtsbewegung des Gondoliere erzeugt vorübergehend einen Gierwinkel von gerade mal vier Grad, was eine geringe Kursabweichung durch das steuerbordseitige Ruder ist.

          Die Fèro symbolisiert die sechs Stadtteile

          Anhand eines CAD-Programms (Computer Aided Design) beschäftigte sich der italienische Ingenieur Carlo Donatelli eingehend mit der Schwimmlage, den Auftriebsverhältnissen, der bemerkenswerten Manövrierfähigkeit und Kursstabilität des Gefährts. Interessant ist auch die ergonomische Standposition des Gondeliere auf dem leicht abschüssigen Achterdeck des Bootes, die einst Sicht über das früher überdachte Gefährt und Diskretionsabstand zu den Passagieren bot. Nachzulesen in Carlo Donatellis „Monographie La Gondola, una stradordinaria architettura navale“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Donald Trump gab bekannt, den G-7-Gipfel doch nicht im familieneigenen Hotel in Miami auszurichten.

          Twitter : G7-Gipfel im nächsten Jahr doch nicht in Trump-Hotel

          Dies gab Donald Trump auf seinem Twitter-Account bekannt. Der Präsident der Vereinigten Staaten musste zuvor heftige Kritik für seine Entscheidung einstecken, den G-7-Gipfel in seinem Hotel in Miami ausrichten zu wollen.

          „Super Saturday“ : Britische Regierung beantragt Brexit-Verschiebung

          Das britische Parlament hat eine Entscheidung über den Brexit-Deal verschoben. Premierminister Boris Johnson kündigt an, er werde „weiterhin alles tun, damit wir am 31. Oktober die EU verlassen.“ Trotzdem muss er Brüssel um einen Aufschub bitten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.