https://www.faz.net/-gy9-8t00r

Uhrenriese Seiko : Im Osten viel Neues

  • -Aktualisiert am

Endkontrolle einer Taucheruhr der Prospex-Linie Bild: Häußermann

Während es mitunter in der Uhrenbranche etwas unrund läuft, gibt der japanische Uhrenriese Seiko jetzt Gas. Man will nun auch in Europa eine wichtigere Rolle spielen.

          5 Min.

          Anfang der siebziger Jahre war die Welt noch in Ordnung für die europäische Uhrenindustrie. Zwar hatte der japanische Hersteller Seiko 1969 die Astron vorgestellt, die erste in Serie gefertigte Quarzuhr, doch war diese noch sündhaft teuer. Für das Präzisionswunder aus dem Land der aufgehenden Sonne war ungefähr der Gegenwert eines Kleinwagens zu entrichten. Dafür bekam man auch eine hochwertige Golduhr aus Schweizer oder deutscher Produktion, weshalb die Quarzuhr in Europa anfangs nicht richtig ernst genommen wurde. Eine Modeerscheinung, so meinte man.

          Weit gefehlt. Die Entwicklung günstiger Schwingquarze, stromsparender integrierter Schaltkreise sowie der Schrittschaltmotoren zum Antrieb der Zeiger ermöglichte die kostengünstige - weil weitgehend automatisierte - Produktion von Uhrwerken. Offensichtlich wartete die Welt auf supergünstige, sehr präzise Armbanduhren. Die mechanischen Armbanduhren aus Europa hingegen lagen wie Blei in den Vitrinen der Juweliere, namhafte Hersteller wurden insolvent, Uhrmacher verloren ihre Arbeitsplätze. Die Schweizer Uhrenindustrie hat sich nur langsam von dieser Quarzkrise erholt.

          Die japanische Uhrenindustrie dagegen erlebte nie eine existentielle Krise. So wundert es auch nicht, dass einer der - nach Stückzahlen - weltgrößten Uhrenhersteller aus Japan kommt: Seiko baut rund zwölf Millionen Uhren im Jahr sowie rund 300 Millionen Uhrwerke, die vorwiegend fürs Billigsegment gedacht sind und an Dritte verkauft werden. Die komplette Seiko Holding, zu der unter anderem auch der Druckerhersteller Epson gehört, setzte 2015 umgerechnet rund 2,5 Milliarden Euro um, die Uhrensparte trug hierzu mehr als die Hälfte bei. Zum Vergleich: Der Jahresumsatz von Rolex wird auf rund 2,8 Milliarden Euro geschätzt, die Zahl der produzierten Uhren auf knapp unter eine Million (das Stiftungsunternehmen publiziert keine Zahlen). Die gesamte Swatch Group wies 2015 gar einen Umsatz von 8,45 Milliarden Schweizer Franken aus. Seiko spielt also weltweit zwar nicht die erste Geige, aber durchaus im Konzert der Großen mit.

          Gleichbleibend hohe Qualität ist für Seiko ein Verkaufsargument Bilderstrecke

          Schließlich beherrschen die Japaner alle Spielarten der tragbaren Zeitmessung, verfügen über beträchtliches Fertigungswissen und eine enorme Fertigungstiefe, wie wir bei einem Besuch einiger Seiko-Produktionsstätten erfahren haben. Das Unternehmen fertigt Zugfedern und Spiralen aus einer selbst entwickelten Legierung, selbst die Quarze werden selbst gezüchtet. So ist Seiko in der Lage zu einem gigantischen Spagat, der vom vollautomatisch gefertigten Quarzwerk bis zum Tourbillon und Minutenrepetition in vollendeter Finissierung reicht. Hier ist also die ganze Schweiz unter einem Firmendach.

          Wer über Seiko redet, muss angesichts der Vorreiterrolle auch über Quarz reden. Auf welchen Wegen die Quarzkrise in Europa zustande kam, ist eindrücklich im Seiko-Werk Morioka zu sehen. Dort werden in menschenleeren Maschinensälen vollautomatisch Quarzwerke fürs Günstigsegment gefertigt, knapp eine Million am Tag, von denen das Gros weiterverkauft wird. Die Fertigungsstraßen und Roboter, mit denen hier gearbeitet wird, sind Eigenentwicklungen, wie wir auf der Werksführung erfahren. Hier herrscht striktes Fotografierverbot. Da will sich Seiko nicht in die Karten schauen lassen.

          Ganz im Gegensatz zu einigen Schweizer Marken

          Quarz ist hier aber keineswegs gleichbedeutend mit billig, sondern in erster Linie mit höchster Präzision. Deshalb werden auch in der Oberklassen-Kollektion Grand Seiko wie selbstverständlich quarzgesteuerte Uhrwerke eingesetzt. Und nicht nur das, man ist sogar stolz darauf. Ganz im Gegensatz zu einigen Schweizer Marken. So macht beispielsweise Patek Philippe, dessen mechanische Meisterwerke unumstritten sind, einen nicht unwesentlichen Teil seines Umsatzes mit der Quarz-Damenuhr Twenty-four. Aber das nur am Rande. Wie gesagt, die Japaner haben Quarz kultiviert, und zwar im wörtlichen Sinne. Sie züchten das Quarzkristall, aus dem das zentrale Steuerelement gefertigt wird, im eigenen Haus - und altern diese Kristalle drei Monate, weil sie dann noch gleichmäßiger schwingen. Diese Quarze kommen in den batteriebetriebenen Grand-Seiko-Modellen ebenso zum Einsatz wie in den Spring-Drive-Antrieben.

          Topmeldungen

          Trump redet Corona klein : Welche Gefahr?

          Während Amerika mit mehr als 50.000 Neuinfektionen am Tag einen neuen traurigen Rekord aufstellt, feiert der Präsident die relativ guten Arbeitsmarktzahlen. Gesundheitsexperten warnen indes mit Blick auf den Nationalfeiertag am 4. Juli vor einem Sturm, der sich zusammenbraue.
          Sigmar Gabriel, ehemaliger Parteivorsitzender der SPD

          Gabriels Job bei Tönnies : Die Kunst des Ausschlachtens

          Der frühere Außenminister nennt die Kritik aus der SPD „neunmalklug“. 10.000 Euro im Monat, die er von Tönnies erhielt, seien in der Branche kein besonders hohes Honorar. Doch das Engagement von Sigmar Gabriel für den Fleischfabrikanten wirft einige Fragen auf.
          Durchnässt und ohne den erhofften Erfolg: Bremens Trainer Florian Kohfeldt beim Relegations-Hinspiel

          Enttäuschung in der Relegation : Bremen steht im Regen

          Gegen den Zweitligaklub 1. FC Heidenheim findet Werder im Hinspiel der Relegation kein Erfolgsrezept. Im alles entscheidenden Rückspiel droht dem Bundesliga-Traditionsverein nun ein Debakel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.