https://www.faz.net/-gy9-80fzs

Trend in der Outdoor-Branche : Was du Wolle

Bergbewohner mit angemessener Bekleidung: Merino-Schaf in Neuseeland Bild: Hersteller

Bei 187 neuseeländischen Schafzüchtern kauft Icebreaker mittlerweile rund 1600 Tonnen Wolle im Jahr ein. Der Trend geht zurück zur Natur. Die Outdoorbranche steht auf Wolle.

          Jeremy Moon hat anscheinend immer eine Handvoll Merinowolle in der Hosentasche. „Da“, sagt er und holt ein Häuflein hervor, „Hightech seit 10.000 Jahren.“ Sein Gesprächspartner greift zu, fühlt und hört: „Viel dünner als ein menschliches Haar, aber viel stärker.“

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Mit ein paar Mustern in Vaters altem Koffer begann Moon vor 20 Jahren, seine Heimat Neuseeland zu bereisen, um Textilien aus Merinowolle anzupreisen. „Es gab damals nichts Derartiges auf dem Markt.“ Ein Schaffarmer als Rohstoff-Lieferant war sein Partner. Heute ist das Unternehmen Icebreaker nach den Worten seines Gründers Moon der größte Merino-Abnehmer der Welt, Umsatz 140 Millionen Euro im Jahr.

          Bei 187 neuseeländischen Schafzüchtern kauft Icebreaker mittlerweile rund 1600 Tonnen Wolle im Jahr ein. Da jedes Tier rund fünf Kilogramm liefert, müssen es rund 320.000 Schafe sein, die im Dienste Icebreakers in den neuseeländischen Alpen grasen und kötteln.

          Auf Schritt und Tritt stößt man in der Outdoorbranche plötzlich auf das Naturmaterial, wie neulich ein Rundgang über die Münchener Sportartikelmesse Ispo zeigte. Merino überall. Für Kleidung in sämtlichen Varianten und selbst als Futter von Skistiefeln und -helmen wird es verwendet.

          Wie kommt’s? All die vielen Outdoor-Marken, deren Produkte sich zum Verwechseln ähneln, suchen offenbar nach etwas, womit man sich neu in Szene setzen, von der Konkurrenz abheben kann. Viele versuchen es mit dem Thema „Nachhaltigkeit“. Hanf, recyceltes Polyester kommen zum Einsatz oder auch Enten- und Gänsefedern mit Herkunftsnachweis und überwachter Lieferkette, damit der Kunde gute Daune von böser Daune (Zwangsfütterung, Lebendrupf) zu unterscheiden in der Lage ist.

          Und eben Merinowolle, ein Sympathieträger aus einem Rohstoff, der von selbst wächst, solange das Schaf zufrieden frisst. „Im Outdoor-Business geht es doch darum, mit der Natur in Berührung zu kommen“, sagt Moon, der Merino-Pionier. „Aber wie, wenn wir uns in Plastik hüllen? All die anderen Firmen entdecken nun, dass Merino eine Alternative zu Polyester und Polypropylen ist.“

          Großflächig Merinowolle an Brust, Schulter, Knien und Gesäß

          Interessante Produkte kommen zum Winter 2015/16 auf den Markt. Der Südtiroler Bergsportspezialist Salewa beispielsweise setzt im stark atmungsaktiven Skitourenanzug Sesvenna neben Materialien wie Gore-Tex, Polartec und Windstopper großflächig Merinowolle an Brust, Schulter, Knien und Gesäß ein. Patagonia nimmt für seine Funktionsunterwäsche Wolle, deren Spender, na klar, in Patagonien leben.

          Polartec, Entwickler und Lieferant für synthetische Stoffe aus Amerika, hat mit „Power Wool“ ein Hybrid-Material vorgestellt, das von der Saison 15/16 an von diversen bekannten Marken wie Mammut, Eider, Millet, Under Armour oder 66°North verarbeitet wird. Es handelt sich um eine Zweikomponenten-Strickkonstruktion für Funktionsunterwäsche mit einer Innenseite aus Wolle und einer Außenseite aus Kunstfasern. Nicht die Kombination von Woll- und Synthetikfasern an sich sei das Neue, wie die Amerikaner wissen lassen, sondern die Art, wie das hier geschehe. Wolle schafft demnach ein angenehmes Tragegefühl auf der Haut, hat auch in feuchtem Zustand einen wärmenden Effekt, ist (anders als rasch müffelnde Kunstfasern) geruchshemmend, reicht durch die spezielle Strickweise Feuchtigkeit an die Außenseite weiter. Dort soll Polyester seine Vorteile ausspielen: schnell trocknen und formtreu sein, auch nach der Wäsche. „Power Wool“ wird in unterschiedlichen Stärken angeboten.

          Die Temperatur des Schafs ändert sich nie

          Mit gewissen Anteilen Synthetik lässt sich Merino je nach Einsatzzweck tunen. „Wir tun das auch, aber nur dort, wo wir die Eigenschaften der Wolle noch verbessern“, erklärt Moon, „unsere meisten Produkte sind pur.“ Aus Merino lasse sich sogar kühlende Sommerware fertigen. „Jegliche Art von Stoff ist möglich. Wir werden immer neue Anwendungsgebiete finden.“

          Weil das Merinoschaf in der Bergwelt zu Hause sei, wo seine Flachland-Kollgen erfrieren würden, seien die Haare besonders lang, rein, weich, strapazierfähig. Moon: „Die Temperatur des Schafs ändert sich nie um mehr als zwei Grad, ob plus 35 Grad im Sommer oder minus 20 im Winter.“ Das juckt das Schaf überhaupt nicht, und seine Wolle kratzt auch nicht auf der Haut.

          Weitere Themen

          Schnell noch ein Buch Video-Seite öffnen

          Geschenkempfehlungen : Schnell noch ein Buch

          Ein Buch unter dem Baum ist nie falsch. Und die Auswahl ist schier grenzenlos. Die Redaktion „Technik und Motor“ schlägt schon mal ein halbes Dutzend vor. Noch ist Zeit.

          Topmeldungen

          Neuer Datenmissbrauch : Facebook ist von innen faul

          Fast jede Woche kommen neue Belege für ein ruchloses Verhalten von Facebook ans Licht. Jetzt wird bekannt, dass der Konzern munter Daten mit mehr als 150 Unternehmen geteilt hat – ohne Einverständnis seiner Nutzer. Apple zeigt, wie es besser geht. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.