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Stromnetz : Intelligenter Verbrauchen mit „Smart Grid“

  • -Aktualisiert am

Smart Meter: Haushalte erkennen ihren Verbrauch in Echtzeit und können gezielt Strom sparen Bild: AP

Beim Verkauf von Strom an Privathaushalte gilt nach wie vor die Regel: Eine Kilowattstunde kostet immer gleich viel, egal ob die Nachfrage groß oder gering ist. Das soll sich ändern. Dafür müssen die Stromnetze vollkommen neu ausgerichtet werden.

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          Wer einen billigen Urlaub buchen will, der bevorzugt die Nebensaison. Und für ein schnittiges Cabriolet muss man im November weniger Geld hinlegen als im Frühjahr, wenn Autoliebhaber davon zu träumen beginnen, sich den Fahrtwind durchs Resthaar streichen zu lassen: In weiten Teilen der Wirtschaft wird der Zusammenhang zwischen Nachfrage und zu erzielenden Preisen längst verstanden. Nur beim Verkauf von Strom an die 40 Millionen deutschen Privathaushalte gelten nach wie vor andere Regeln. So kostet die Kilowattstunde immer gleich viel, egal ob die Nachfrage an einem Wintermorgen groß oder zu nachtschlafener Zeit gering ist.

          Das soll sich ändern. Doch vorrangig nicht, um die Budgets der Haushalte zu entlasten. Ziel ist vielmehr, die Stromerzeugung besser an den Verbrauch anzupassen. Das, was schon immer keine triviale Aufgabe war, wird mit dem weiter steigenden Angebot an Wind- und Sonnenstrom zu einer Herkulesaufgabe, steht dieser doch nur dann zur Verfügung, wenn der Wind bläst und die Sonne scheint.

          Allein vor den deutschen Küsten sollen bis 2030 bis zu 5000 Windräder mit einer Leistung von 25 000 Megawatt ins (tiefe) Wasser gestellt werden. Der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung soll weiter ausgebaut werden, 2050 bei 80 Prozent liegen. Schon heute schicken die vor allem im Norden aufgestellten Windräder mitunter gewaltige Lastspitzen ins Netz, die mit den derzeit im deutschen Hochspannungsnetz verfügbaren 7000 Megawatt sogenannter Regelleistung (das sind schnell reagierende Pump- und Gaskraftwerke) nur schwer zu beherrschen sind. Immer häufiger kommt es daher vor, dass an der Strombörse in Leipzig (EEX) der Preis ins Negative rutscht. So mussten in den zurückliegenden Monaten die Netzbetreiber ihren Großkunden bis zu 13 Cent für die Kilowattstunde zahlen, damit sie den Strom abnahmen.

          Über einen ständigen Datenaustausch zwischen Erzeugern und Stromkunden lassen sich teure Lastspitzen vermeiden
          Über einen ständigen Datenaustausch zwischen Erzeugern und Stromkunden lassen sich teure Lastspitzen vermeiden : Bild: F.A.Z.

          Zu geringe Regelleistung sind die Ursachen für Lastspitzen

          Doch nicht nur ein Mehr an Erzeugern erneuerbarer Energien und eine zu geringe Regelleistung sind die Ursachen für (teure) nationale Lastspitzen. Verantwortlich ist dafür zudem die Struktur des europäischen Verbundnetzes mit gravierenden Engpässen an den Grenzen. Denn trotz sich weiter harmonisierender Warenmärkte ist Strom noch immer ein eher nationales Produkt.

          Mit dem Versuch, Kohle- und Atomkraft durch regenerative Techniken zu ersetzen, verändert sich unsere Erzeugerstruktur grundlegend. Um damit klarzukommen, muss gleich an mehreren Stellen eingegriffen werden. So reicht es bei weitem nicht aus, die Netze „intelligent“ zu machen, sie in sogenannte Smart Grids zu überführen, so dass Erzeuger und Netzbetreiber stets einen vollständigen Überblick über Angebots- und Nachfragestruktur haben. Zudem muss die Regelleistung erhöht, müssen (Strom-)Speicher installiert, das Netz ausgebaut und vollkommen neu ausgerichtet werden.

          Von alldem wird der private Stromkunde nicht viel mitbekommen, mit zwei Ausnahmen: Er wird den gesamten Aufwand zu bezahlen haben, und man wird ihm „intelligente“ elektronische Stromzähler (Smart Meter) ins Haus setzen. Mit ihnen soll möglich werden, dass die Kunden in ruhigen Nachfragephasen die Kilowattstunde zu einem Schnäppchenpreis bekommen, auf diese Weise zum Beispiel dazu motiviert werden, während der Nachtstunden ihre Wasch- und Spülmaschinen anzuwerfen. Auch kann sparen, wer die Kühltruhe während solcher Billigzeiten unter die Normaltemperatur herunterkühlt. Nur Kaffeekochen, den Staubsauger benutzen oder Löcher für eine neues Regal bohren, das alles werden die Stromkunden nicht verschieben wollen.

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