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Strickmaschine im Test : Insta-Herzchen zur Belohnung

  • -Aktualisiert am

Addi Express Kingsize, links im Bild Reihenzähler und die Nadel, die den Faden greift, vorne der Umschalthebel für Reihen- und Rundenstricken, rechts die Kurbel. Bild: Charlotte Pardey

Stricken war schon vor Corona beliebt. Nun ist das klassische Heimwerken noch mehr im Kommen. Bis ein Pullover fertig ist, dauert es allerdings. Geht es mit einer Strickmaschine schneller?

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          Strickkränzchen finden heute digital statt, vor allem auf Instagram. Eine Randerscheinung? Wohl kaum: Der Hashtag #knitting zählt 17,9 Millionen Beiträge, das deutsche Pendant #stricken 1,1 Millionen. Nicht wenige Nutzerinnen, und tatsächlich sind die meisten weiblich, schreiben, dass sie im Frühjahr während des ersten Lockdowns mit dem Stricken begonnen haben. Wer bis jetzt durchgehalten hat, wagt sich zum winterlichen Gipfel im #knitstagram vor, dem selbstgestrickten Pullover. Derzeit gerne ballonförmig oder mit eingestricktem Mohair und filigranen Mustern. Doch wer wirklich alles mitnehmen und nachstricken möchte, was die Plattform zu bieten hat, müsste schon die Nächte durchmachen.

          Schneller geht es mit einer Strickmaschine, das versprechen zumindest die Hersteller. Neu ist das freilich nicht, die erste Strickmaschine entwickelte William Lee in England gegen Ende des 16. Jahrhunderts. Sie strickte nicht rund, sondern in Reihen. Weit verbreitet waren die Geräte als Heimstrickmaschinen dann im vergangenen Jahrhundert – Oma konnte am Abend mit ihrer Knittax, einer FlachbettStrickmaschine, leicht eine Pulloverfront herstellen.

          Ihre Enkel könnten es ihr nun also gleichtun. Unter der Marke Addi stellt die Gustav Selter GmbH nicht nur Strick- und Häkelnadeln her, sondern bietet auch professionelle Strickmühlen für den Privatgebrauch an. Seit 2004 kurbelt man mit diesen, statt zu stricken, was auch Anfänger schaffen sollten. Die Strickmaschinen gibt es in drei Größen: das Addi Ei, die Addi Express und die Addi Express Kingsize. Das Prinzip ist bei allen Dreien gleich, im Kreis angeordnete Plastiknadeln ziehen einen Arbeitsfaden in Schlaufen, in der nächsten Reihe oder Runde wird der Faden durch diese gezogen, so dass sich eine neue Schlaufe bildet. Das gewohnte Maschenbild des glatt rechts Strickens entsteht. Die drei Modelle unterscheiden sich in der Anzahl der Nadeln: Die Addi Express Kingsize ist die größte Maschine, seit 2008 auf dem Markt und derzeit für 100 bis 130 Euro erhältlich. Mit 46 auswechselbaren Nadeln bietet sie die meisten Möglichkeiten, da sie die breitesten Strickstücke erzeugt. Sie kann Garne verstricken, die für Nadelstärken von vier bis acht Millimeter geeignet sind. Aber kann man mit ihr wirklich einen Pullover kurbeln?

          Ohne Vorrichtung zur Tischmontage

          Wolle liegt bereit, und die Maschine ist schnell aufgestellt, die Beine werden angebracht, bevor sie mit Klemmen am Tisch festgeschraubt wird. So rutscht sie nicht weg, und beide Hände bleiben beim Betrieb frei. Darin unterscheidet sie sich von der Konkurrenz wie der Strickmühle Maxi des ebenfalls deutschen Herstellers Prym. Mit 44 Nadeln ist sie kleiner als die Kingsize von Addi und muss ohne Vorrichtung zur Tischmontage auskommen. Mit knapp 70 Euro ist sie aber auch preiswerter.

          Die Addi Express Kingsize wiegt etwas mehr als zwei Kilogramm, hat einen Durchmesser von 35 Zentimetern und ist 20 Zentimeter hoch. An der Vorderseite befindet sich ein Reihenzähler, der nützlich ist, weil so niemand seine Reihen mühevoll nachzählen muss.

          Zum Strickstart legt man einen Faden abwechselnd vor und hinter die Nadeln und beginnt zu kurbeln. Das klingt einfacher, als es anfangs ist. Die Nadeln bekommen den Faden nicht richtig zu greifen, und schon fallen Maschen. Die ersten Strickproben haben riesige Löcher.

          Gutes Licht und Konzentration

          Der Hersteller verweist ins Internet. Auf Youtube bietet er Tutorials zu den Grundtechniken an, zudem gibt es Anwendungsbeispiele. Ein Pullover wirkt doch wieder machbar. Kurzer Abgleich mit Instagram: Unter dem Hashtag #addiexpresskingsize finden sich einige wenige Nutzer, die sich ebenfalls an die Pulloverherstellung gewagt haben und erklären, wie man ihn aus mehreren flachgestrickten Teilen zusammensetzen kann.

          Für die Addi Express Kingsize benötigt man – abgesehen von einem Tisch – gutes Licht und Konzentration. Denn erst wenn man den Faden mit der genau richtigen Spannung hält und er gut im Garnhalter liegt, können die Nadeln ihn erwischen. Mit dem ausgewählten Mischgarn aus Wolle und Acryl für eine Nadelstärke von sechs Millimetern erzeugt die Maschine ein dichtes, gleichmäßiges Maschenbild. Im Vergleich ergibt sich mit einem etwas dünneren Tweedgarn eine losere Struktur. Die Maschine hat durch die unebenere Oberfläche des Tweedgarns deutlich mehr Schwierigkeiten bei der Verarbeitung. Die Kingsize kann auch mehrere dünne Fäden zugleich verstricken, die zusammengehalten werden. Wichtig ist nur, darauf zu achten, dass die Nadeln tatsächlich stets alle Einzelfäden erwischen.

          So wachsen die Pulloverteile. Dann, es musste so kommen, entdeckt die Hobbystrickerin einen Fehler in ihrem Ärmelteil. Beim Handstricken könnte sie nun entweder zurückstricken oder das Stück bis zum Fehler aufziehen. Das Stricken mit Maschinen erlaubt kein Zurückstricken, dabei fallen sonst alle Maschen. Es hilft nur, das Gestrickte abzunehmen, aufzuziehen, dann Masche für Masche vorsichtig wieder auf die Maschine zu heben und weiterzukurbeln. Aber wenigstens das Bündchen kann so gerettet werden.

          Im Handumdrehen erkurbelt man keinen Pullover. Stattdessen will auch das Maschinenstricken gelernt sein, die Kingsize ist kein Spielzeug. Wer sich aber ein wenig Grundlagenwissen zur Konstruktion von Strickwaren angeeignet hat, bekommt den Pullover irgendwann schon fertig. Nicht an einem Abend, aber schneller als per Hand in jedem Fall. Für eine Strickjacke mit Schalkragen, wie sie in einem Buch mit Strickanleitungen für die Maschine zu finden ist, beziffern die Autoren die Arbeitszeit auf etwa zwölf Stunden. Für ein ähnliches Modell aus dickerem Garn strickt die Einsteigerin gewiss einige Wochen per Hand. Und am Ende lohnt sich das Ergebnis: Werk und Mühe sind offline wie online vorzeigbar. Die Hobbystrickerin beobachtet zufrieden, wie Komplimente und Instagram-Herzchen eintrudeln.

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