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Stiftung Warentest : Wie aus Messen Verurteilen wird

  • -Aktualisiert am

Mit dem Vorschlaghammer testet niemand Fahrräder. Aber in einem führenden deutschen Prüflabor vernichtet man so brachial äußerlich unversehrt gebliebene Testobjekte Bild: Kay Tkatzik

Wie testet man praxisgerecht Fahrräder? Darüber wird mit der Stiftung Warentest gestritten - und zwar nicht nur von den bei Tests schlecht weggekommenen Herstellern und auch nicht erst seit gestern.

          Anschaulich ließ die Schilderung unter der Überschrift „Das Risiko fährt mit“ nichts an Dramatik zu wünschen übrig: „Die Strecke über Kopfsteinpflaster war kurz, das Ergebnis fatal. Plötzlich sackt das Hinterrad seitlich weg und blockiert. Das Teil, an dem das Hinterrad im Rahmen befestigt ist, das Ausfallende, war gebrochen. So passiert beim 2690 Euro teuren Flyer C5R Deluxe - schon nach wenigen tausend Kilometern im Dauertest.“ Mit diesem Wortlaut fängt der Testbericht über Elektrofahrräder in der Zeitschrift „test“ vom Juni 2013 an.

          Tatsächlich hat sich das Geschehen so überhaupt nicht zugetragen. Zu Bruch ging das Ausfallende in einem Prüflabor, wo lediglich der nackte Rahmen ohne die Laufräder in eine Maschine eingespannt war und malträtiert wurde. Um das zu erkennen, muss der Leser allerdings genau auf den Satz achten, der das Wort Dauertest eher undeutlich erläutert: „In dieser Prüfung simulieren wir mit jedem Elektrorad 20.000 Kilometer Fahrt.“ „Simulieren“ - auf dieses Wort kommt es an.

          Spurensuche im Computer: Mit der Finite-Elemente-Methode wurden die Belastungen des Rahmens nachgerechnet. Die fixe Einspannung erzeugte einseitig eine mehr als viermal so hohe Belastung wie die normgerechte, was zum Bruch des Ausfallendes führte

          Gestern, rund fünf Monate nach Erscheinen des Tests, haben sich in Berlin Unternehmen wie Bosch (Elektroantriebe fürs Fahrrad), die Derby Cycle AG (Fahrradmarken unter anderen: Kalkhoff und Raleigh, Elektroantrieb Impulse) und die schweizerische Biketec AG (Pedelec-Marke Flyer) mit dem Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) gegen einzelne Behauptungen des Tests wie auch gegen die Testverfahren und die Reaktionen der Stiftung auf Kritik scharf zur Wehr gesetzt. Von nicht der Praxis entsprechenden Testmethoden und nicht reproduzierbaren Ergebnissen war die Rede, von „frei erfundenen“ Aussagen sowie von existenzbedrohenden Umsatzausfällen in Millionenhöhe. Die Schweizer prüfen mit ihren deutschen Anwälten eine Schadensersatzklage.

          Es hagelte viel Kritik für Stiftung Warentest

          Schlagwortartig hatte der Vorspann des Artikels in „test“ das Ergebnis der Pedelec-Untersuchung so zusammengefasst: „Rahmenbruch, Bremsversagen, Funkstörungen: Räder für mehr als 2000 Euro machen im Test schlapp. Gleich 9 der 16 Elektrofahrräder fallen durch. Nur 2 kommen gut ins Ziel.“ Häufig noch weiter verkürzt, wurde dieser Befund fleißig gesendet und nachgedruckt. Bei Focus Online zum Beispiel steht zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Artikels die Tatarenmeldung unter der Überschrift „ADAC warnt: Diese Elektrofahrräder sind lebensgefährlich“ immer noch unkommentiert. In den Nachdrucken kommt nicht an, dass die Stiftung Warentest in ihrem eigenen Online-Auftritt von Aussagen zur elektromagnetischen Verträglichkeit (EMV) abrücken musste. „Panikmache“, „Verunsicherung der Verbraucher“ sind noch die glimpflichsten Vorwürfe, die nicht nur von den Getesteten der Stiftung gemacht werden.

          Mit dem Test, an dem der ADAC finanziell und sachlich beteiligt war und dessen „katastrophales“ Ergebnis auch die ADAC-Mitgliederzeitschrift „Motorwelt“ veröffentlichte, hat sich die Stiftung Warentest viel Kritik eingehandelt. Die wird sehr abgewogen etwa von Ulrich Syberg, dem Bundesvorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) - offensichtlich mit Blick auf die Lenkerbrüche bei Betriebsfestigkeitsprüfungen im Labor -, geäußert: „Für den ADFC ist weniger relevant, ob bei dem Test einzelne Fehler gemacht wurden.

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