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Drohnen pflanzen Bäume : Wald liegt in der Luft

Wo das Gelände steil ist, können Drohnen eingesetzt werden, um neue Bäume auszusäen. Bild: Picture-Alliance

Bäume zu pflanzen ist ein echter Knochenjob, zeitaufwendig und anstrengend. Doch nun eilen Drohnen zur Hilfe, die zeigen: Aufforstung geht auch von oben.

          3 Min.

          Wenn einer einen Baum pflanzt und ein anderer ihn fällt, dann trennt beide Momente mehr als die Zeitspanne von ein paar Jahren. Zwischen beidem liegt vor allem ein großer technologischer Unterschied. Denn während die professionellen Holzunternehmen mit ihren Vollerntern eine Kiefer in wenigen Sekunden gefällt, entastet und gut portioniert haben, zum Teil vollautomatisiert, muten die Werkzeuge der Baumpflanzer geradezu vorindustriell an. Eine Schaufel und ein Beutel voller Setzlinge – so geht es in den Wald, um von Hand aufzuforsten.

          Anna-Lena Niemann

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Technik hatte in der Aufforstung, die ein wichtiger Baustein im Klima- und Naturschutz ist, bislang nicht Einzug gehalten. Die Gründe sind nachvollziehbar, ist das Gelände doch oft unwegsam und bergig, sind Zufahrtsstraßen für schwere Maschinen selten vorhanden, und selbst wenn – für junge Bäume mit empfindsamen Wurzeln ist ein von tonnenschweren Nutzfahrzeugen komprimierter Boden keine gute Basis. Doch jetzt naht Hilfe, und zwar von oben. Erste Unternehmen beginnen damit, Drohnen den Grundstein für neue Wälder legen zu lassen.

          Die Fluggeräte von Flash Forest, deren Teammitglieder zum Teil selbst einmal schaufelnde Baumpflanzer gewesen sind, surren über kanadischen Waldboden. Anfang des Jahres hat das junge Unternehmen seine nahe Zukunft mit mehr als 100.000 Dollar aus einer Kickstarter-Kampagne gesichert. Die selbstgesteckte Mission: Bis 2028 wollen sie eine Milliarde Bäume pflanzen. Oder besser, aussähen, denn das ist es, was ihre Drohnen eigentlich tun.

          Schneller Pflanztrupp nach Waldbränden

          Die Samen stecken in runden Kapseln, umgeben von Nährboden- und stoffen, die das Unternehmen seine „geheime Soße“ nennt. Eine Schwerlastdrohne bringt die Ladung in die Luft. Flash Forest hat sie mit einer Zündvorrichtung ausgestattet, die die Kapseln mit Druckluft Richtung Boden und in die Erde schießt. Beim ersten Testlauf in Ontario 2019 brachten die Drohnen noch 100 Saatkapseln an einem Tag aus – weniger als ein durchschnittlich fähiger Baumpflanzer. Doch beim letzten Testlauf konnte die Technik zeigen, welche Möglichkeiten in ihr stecken: 165 potentielle neue Bäume schossen in drei Minuten in die Erde. In den nächsten drei Jahren wollen die Kanadier so den Preis je Baum auf etwa 50 Cent reduzieren. Je nach Unternehmen wird versprochen, zwischen sechs- und zehnmal schneller zu pflanzen, als es von Hand möglich wäre. Maschinelle, möglichst automatisierte Hilfe ist dringend nötig. Allein in den vergangenen zehn Jahren sind netto 4,7 Millionen Hektar Waldfläche weltweit verschwunden.

          Das Unternehmen Droneseed, das in Seattle sitzt, hat sich darauf spezialisiert, seine Drohnen nach Waldbränden in die Luft zu bringen, wie es sie nicht nur im amerikanischen Westen immer häufiger gibt. Lange galten die Feuer als wichtige Verjüngungskur des Waldes. Doch mit der zunehmenden Intensität und Häufigkeit der Brände, kombiniert mit lang andauernder Dürre, droht dieser Mechanismus zunehmend aus der Balance zu kommen, wie Droneseeds Chef Grant Canary nicht müde wird, in Interviews zu erklären. Die Brände vernichteten nicht mehr nur die oberflächliche Vegetation, sondern zerstörten zunehmend auch die Samen und Keimlinge aus den oberen Erdschichten, erklärt der Gründer.

          In der Landwirtschaft helfen Drohnen schon länger – diese bekommt gerade Reissaat in den Tank gefüllt.

          Also schicken die Amerikaner gleich einen kleinen Drohnenschwarm in die Luft, maximal fünf der Flugobjekte zugleich. Sechs Motoren treiben jede von ihnen an und lassen Tausende Kapseln mit einem Gesamtgewicht von bis zu 25 Kilo über unwegsames Gelände schweben. An der breitesten Stelle messen die Flugobjekte knapp zweieinhalb Meter. Jede Drohne könne im Schnitt mit einem Flug 30 Hektar, also etwa 42 Fußballfelder bepflanzen.

          Kein Gießkannenprinzip, dafür genaue Kartierung des Geländes

          Das Ganze erfordert aber gute Vor- und Nachbereitung – beides leisten ebenfalls Drohnen. Zuerst wird das Gelände kartografiert und die Bodenbeschaffenheit analysiert. Denn anders als bei der Aussaat mit dem Hubschrauber, wie es sie in der forst- und landwirtschaftlichen Nutzung auch gibt, arbeiten die Drohnenförster nicht nach dem Gießkannenprinzip. Wo der Untergrund felsig ist oder aus einem Wasserlauf besteht, braucht man gar nicht erst Keimlinge abzuwerfen. Droneseeds erstes Geschwader ist deshalb ausgestattet mit laserbasierter Abstandsmessung, Lidar genannt, und Multispektralkameras, aus deren Sensorsignalen sich mathematisch Objekte rekonstruieren lassen. Die Technik kommt in der Landwirtschaft schon zum Einsatz, um auf den Feldern zu überwachen, wie gesund die Pflanzen sind. Aus den dadurch generierten Daten berechnet Droneseed ein genaues 3D-Modell des Geländes und die Flugrouten für den zweiten Drohnenschwarm mit den Saatkapseln. In einem dritten Schritt versprühen Drohnen dort, wo zuvor die Kapseln abgeworfen wurden, Herbizide, die der Konkurrenz der jungen Bäume den Garaus machen sollen. Auf dem gleichen Weg überwacht und versorgt das Unternehmen auch in den nächsten Monaten die Keimlinge mit Nährstoffen.

          Droneseed ist bisher das einzige Unternehmen, das in den Vereinigten Staaten dafür eine Genehmigung der Luftfahrtbehörde bekommen hat. Eine weitere Freigabe gab es zuletzt dafür, dass Mitarbeiter die Drohnen in Zukunft auch ohne Sichtkontakt steuern dürfen. Kürzlich begleitete ein Kamerateam des Sender NBC Gründer Grant Canary auf die Waldfläche, wo er vor mehr als einem Jahr die ersten Baumsamen abgeworfen hat. Pinke Wimpel stecken überall im Waldboden und warnen vor Fehltritten. Noch überragen sie die kleinen Pflanzen, aus denen mal dichte Bäume werden sollen, doch der Anfang ist gemacht. Nur gegen hungrige Hasen und Rehe auf Bodenhöhe ist noch keine Lösung aus der Luft gewachsen.

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