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Skier von Head im Test : Schneelektro auf der Piste

Das EMC-Logo direkt vor der Bindung. Bild: Hersteller

Head lässt Strom durch Skier fließen. Die sportlichsten Typen werden mit einem neuen System zur „Energiekontrolle“ ausgestattet. Wir haben das mal ausprobiert.

          3 Min.

          Wenn die Mannen von Head über ihre Skier mit piezoelektrischem Effekt sprechen, dann klingt das immer ein bisschen nach Hokuspokus. Hä, fragt sich mancher, was erzählen die da vom Piezodingsbums? Aber die Österreicher sind überzeugt von der Sache. Piezoelemente verbauen sie seit Jahren in manchen Brettern, und zur Saison 2020/21 legen sie richtig los. Zwei prominente Baureihen werden mit dem elektrischen Zauber versehen: die Race-Linie namens Worldcup Rebels sowie die Supershape-Serie sportlicher Pistenskier. Teure Typen allesamt.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Head macht sich ein Phänomen zunutze, dessen Entdeckung aufs Jahr 1880 zurückgeht: Die elastische Verformung bestimmter Materialien führt zu einer elektrischen Spannung. Druck wird in Spannung umgewandelt und umgekehrt. Piezoelektrische Bauteile werden industriell hergestellt und in verschiedensten Branchen verwendet, etwa für Sensoren oder Aktoren. Jeder kennt den Effekt vom Gasfeuerzeug mit Taster, bei dem ein kleiner Hammer auf einen piezoelektrischen Kristall trifft und sich die Piezoelektrizität über einen Funken entlädt.

          Head setzt seine Energy Management Circuit (EMC) genannte Piezotechnik sogar im alpinen Rennsport ein. Ziel ist es, Vibrationen im Ski zu filtern, ein ewiges Thema. Das Reduzieren unerwünschter Schwingungen verbessert die Laufruhe und das Steuerverhalten, jeder Skihersteller hat dafür seine eigenen Rezepte der Materialwahl und -anordnung. Beispiel für eine mechanische Lösung ist Völkls auf die Schaufel geschraubter Schwingungstilger namens UVO.

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          Skier von Head im Test : Schneelektro auf der Piste

          Head setzt auf Stromfluss im Ski. Durch das Verwinden und Durchbiegen während der Fahrt werde mittels Piezoelementen kinetische Energie in elektrische umgewandelt, heißt es. Zwei Kreisläufe gibt es in jedem Ski: Jeweils vor und hinter der Bindung werden unterhalb der Oberfläche keramische Plättchen montiert. Von denen aus verlaufen als Stromleiter Graphen-Karbon-Schleifen jeweils zirka 20 Zentimeter weit in Richtung der Skienden und dann zu einem Graphit-Widerstand. Damit verfügt laut Head jeder Ski über ein „permanentes Energiekontrollsystem“, das Vibrationen schneller eliminiere.

          Head nennt EMC eine Weiterentwicklung seines bisherigen „Kers“-Systems. Dabei waren Piezoelemente ausschließlich am Heck plaziert worden, um sportlichen Carvingbrettern am Kurvenausgang einen „Boost“ mitzugeben. Kers hatte also die Aufgabe, für zusätzliche Dynamik zu sorgen, EMC dient der Beruhigung der Skier. Wie die Piezo-Pille wirkt, haben wir herauszufinden versucht, als jetzt Gelegenheit bestand, die Modelle mit EMC für den nächsten Winter auszuprobieren.

          Nicht mehr ganz so bissig

          Die Worldcup-Rebels-Reihe umfasst die Supersportler im Sortiment von Head. Die fünf Typen der neuen Generation tragen statt eines i ein e (für energy) im Namen. Es handelt sich um den e-Speed Pro, e-Race Pro, e-Speed, e-Race und e-SL. Abgesehen von den Piezo-Innereien wurden auch die Konturen der Schaufeln modifiziert, etwas runder, nicht mehr ganz so bissig wie bisher. Ziel war eine gemäßigtere Abstimmung für ein breiteres Publikum. Man darf sich allerdings nicht täuschen lassen: Könner sind nach wie vor die Zielgruppe der Rebels, deren Bestimmung darin liegt, pfeilschnell zu sein.

          Auffällig ist, wie außerordentlich satt und stabil sie auf der Bahn liegen, Souveränität und Ruhe auch bei hartem Kanten und hohem Tempo ausstrahlen. Das schafft beinahe unerschütterliches Vertrauen und erinnert an unerschöpfliche Fahrwerksreserven exklusiver Sportwagen, besonders im Fall des e-Speed Pro und des e-Race Pro. Die beiden Spitzenmodelle kosten 1100 Euro. Zur ohnehin kompromisslosen Bauweise – Holzkern, doppelte Titanalbegurtung, Graphen, Rennbelag – kommen harte Phenol-Seitenwangen und massive Bindungsplatten, wie sie im Weltcup gebräuchlich sind. Bei identischer Konstruktion und Mittenbreite von 68 Millimeter unterscheiden sich e-Speed Pro und e-Race Pro durch die Taillierung. Der Speed ist auf lange Schwünge geeicht, der Race kann auch mittlere Bögen und lässt sich somit variabler einsetzen.

          Was vom beeindruckenden Fahrverhalten auf die Piezo-Sache zurückzuführen ist und was auf andere Faktoren, lässt sich schwer beurteilen. Auch andere Hersteller haben rassige Skier im Programm, der nagelneue Fischer RC4 CT des Modelljahrs 20/21 beispielsweise, den wir zum Vergleich bewegt haben, ist ein ähnliches Kaliber. Gleichwohl üben die Elektro-Heads eine Faszination aus. Allerdings muss einem klar sein, worauf man sich einlässt. Kante geben und den möglichst freien Hang herunterknattern – das ist die Welt der Pro-Modelle. Auf engen Abschnitten mit viel Verkehr, wo gerutscht und ausgewichen werden muss, beginnt die Mühsal. Den Übergang vom Carven zum Driften absolvieren beide nur widerwillig.

          Als friedfertiger und weniger kraftraubend, immer noch hochsportlich, aber weniger radikal, erweisen sich die Rebels-Varianten ohne Pro: e-Speed, e-Race und e-SL – Letzterer auf enge Slalom-Radien getrimmt – unterscheiden sich im Wesentlichen durch zahmere Seitenwangen und Bindungsplatten sowie einen etwas erträglicheren Listenpreis von 950 Euro. Weitere 100 Euro günstiger und abermals eine Stufe umgänglicher sind die neuen Supershape-Skier mit EMC, von denen fünf Versionen angeboten werden. e-Original, e-Speed, e-Magnum, e-Rally und e-Titan decken mit Mittenbreiten von 66 bis 84 Millimeter ein weites Spektrum ab vom Slalom-Charakter (Original) bis zur wuchtigen Allmountain-Latte (Titan). Der bisherige Supershape-Bestseller Magnum wird sich wohl auch in Zukunft am besten verkaufen, denn der stellt die eierlegende Wollmilchsau der Familie dar. Uns hat der e-Speed am meisten elektrisiert: eine agile Präzisionsmaschine für den ganzen Tag.

          Diese Beschreibung trifft genauso auf den 700 Euro kostenden Power Joy zu, den einzigen Damenski mit Piezoelektrik, der eng mit dem Supershape verwandt ist. Zielgruppe? Frauen, die besser fahren als die meisten Männer.

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