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Ski von Kästle im Test : Auf die Ohren

Skispitze mit Aussparung als Markenzeichen Bild: Wille

Kästle will wieder als Rundum-Komplettanbieter in den umkämpften Markt drängen. Wir haben zwei neue Skier für Piste und Pulver ausprobiert.

          3 Min.

          „Comeback des Jahres!“ Nein, die Rede ist nicht von Roland Kaiser und auch nicht von den Eagles. Es geht um Kästle. Der einstmals prominente, zwischenzeitlich in der Versenkung verschwundene Skihersteller aus Vorarlberg ist wieder da. Und tut es selbst sehr vollmundig kund: „Comeback des Jahres!“

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Der eine oder andere mag sich erinnern: Irene Epple und ihre Schwester Maria, das „Marile“, fuhren Kästle. Pirmin Zurbriggen, Anita Wachter und Kjetil André Aamodt ebenfalls. Älteren Semestern auf jeden Fall ein Begriff: Toni Sailer, der Blitz von Kitz. 1924 stellte Anton Kästle aus Hohenems in seiner Wagnereiwerkstatt sein erstes Paar Ski her, die Marke wurde zu einer der bekanntesten überhaupt, war im Weltcup, bei Olympischen Spielen und auf den Pisten der Urlaubsgebiete präsent. Bis sie Anfang der Neunziger unterm Dach des Benetton-Konzerns erst nach Italien transferiert und einige Jahre später stillgelegt wurde.

          Die Wiederbelebung als Nischenhersteller im Premium-Segment erfolgte vor gut zehn Jahren durch eine Investorengruppe um den Österreicher Rudolf Knünz. Nun will Kästle in der Hand eines neuen Eigentümers wieder als Rundum-Komplettanbieter in den umkämpften Markt drängen. Seit 2018 gehört die Marke mehrheitlich der tschechischen Firma Consil Sport des Unternehmers und früheren Rennläufers Tomáš Němec. Alpiner Rennsport und eine Abteilung für nordische Wettkämpfe zählen ebenso zur Strategie wie ein umfassendes Sortiment an Skimodellen für Piste, Allmountain, Tour und Freeride mit speziellen Kollektionen auch für Kinder, Jugendliche und Damen. Die Serienfertigung erfolgt in einer Fabrik in Tschechien, wo dem Unternehmen zufolge auch Ski für Fremdmarken hergestellt werden. Die Jahreskapazität beträgt 100 000 Paar, wie es heißt. In der Kästle-Zentrale in Hohenems sollen die Entwicklungsabteilung sowie eine Kleinserienmanufaktur ansässig bleiben.

          Während der Münchener Wintersportartikelmesse Ispo Anfang des Jahres stellte Kästle 28 neue Modelle vor. Zwei davon haben wir ausprobiert, den auf Pisteneinsatz ausgelegten PX71 sowie den FX96 HP aus der Abteilung Freeride.

          Von ganz anderem Kaliber ist der FX 96 HP.
          Von ganz anderem Kaliber ist der FX 96 HP. : Bild: Hersteller

          Zunächst zum PX71, den wir schon kurz auf unserer Skitestseite am 17. Dezember vorgestellt haben. Hollowtech, das runde, nur durch eine dünne Lage Fiberglas geschlossene Fenster in der Schaufel, ist auch nach dem großangelegten Comeback stilbildendes Merkmal der Marke. Sämtliche Modelle Kästles folgen dem Prinzip, auch der PX71. Als reinrassiger Pistensportler hat er einen Pappel-Buche-Kern mit Karbon-Verstärkungen ober- und unterhalb davon. Hollowtech in der Schaufel soll Vibrationen im Ski minimieren, Kantengriff, Laufruhe und ein präzises Einlenkverhalten gewährleisten.

          Der PX71 ist ein ausgesprochen harmonisch abgestimmter Ski, leichtgewichtig, agil, spielerisch, spritzig. Er macht blitzartig Dampf auf der Kante, wenn man das will. Traditionelle Vorspannung, kurze Schaufel und kurzes Skiende bewirken ein direktes, aber nicht unnötig aggressives Einlenken und Herausbeschleunigen aus der Kurve. Man muss kein Spitzenkönner sein, um die Möglichkeiten des PX71 auszuloten. Er zwingt niemandem seinen Willen auf, sondern lässt die Wahl: weite Bögen oder enge, geschnitten, gerutscht oder gedriftet, voll drauflos oder sachte, gerade so, wie es gefällt. Einigermaßen saubere Skiführung allerdings setzt der Kästle voraus.

          Den PX71 gibt es in den Längen 148, 155, 162, 169 und 176 Zentimeter, die Taillierung beträgt 123-71-100 Millimeter, der Radius je nach Länge 10,5 bis 15,6 Meter, der Listenpreis inklusive Bindung 799 Euro.

          Was für ein Bölzer

          Von ganz anderem Kaliber ist der FX 96 HP. Für manche Powderfreaks, die in jedem Skiort eine Flocke haben, mag ein Ski von fast 100 Millimeter in der Mitte nicht besonders breit sein, für uns Normaltouristen handelt es sich bei derlei um eine Mordslatte. Was für ein Bölzer der Kästle FX96 HP ist, wird einem spätestens dann klar, wenn man ihn vor der Bergfahrt in die Halterung außen an der Gondel zu stecken versucht und er nicht hineinpasst. Oder nur so gerade eben noch. Überbreite hat Nachteile, das gilt auch für diesen Kandidaten. Trägheit auf der Piste, ohnehin nicht sein bevorzugter Tummelplatz, zeigt er auf hartem Untergrund, Kantenwechsel erfordern Kraftaufwand, enge Kurven erst recht. Je weicher und tiefer der Schnee, desto besser, womit wir schon bei den Vorteilen sind.

          Im Gelände trumpfen diese ebenfalls mit „Hollowtech“-Fenstern ausgestatteten Dinger auf. Weitere Konstruktionsmerkmale des HP, was für High Performance steht: „Low Camber“, also eine relativ geringe, deutlich vor Schaufel und Heck endende Vorspannung, sowie ein ungewöhnlicher, aus drei Teilen zusammengefügter Holzkern, dessen innere Sektion von einem Karbon-Glasfaser-Schlauch ummantelt ist. Die Stärken dieses Breitmonsters liegen nach unserem Eindruck eindeutig im freien Terrain. Wobei es sich auch auf präparierter Autobahn einigermaßen tapfer hält, nicht die wabbelige, flatternde Banane gibt, sondern eine ganz ordentliche Vorstellung.

          Die verfügbare Längen des FX sind 172, 180, 188 Zentimeter, Taillierung 133-96-119 Millimeter, Radius je nach Länge 16, 18, 20 Meter. Die Preisempfehlung liegt bei 849 Euro ohne Bindung. Zudem stehen zwei alpine und eine Tourenbindung zum Komplettpreis von 1049 bis 1399 Euro zur Wahl.

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