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Ski-Modelle der neuen Saison : Die haben Kohle

Oberflächen mit Wölbung beim Elan Amphibio Bild: Hersteller

Eine neue Skisaison steht bevor. Im Grunde tun es die alten Latten ja noch. Aber sämtliche Hersteller locken mit neuem Material. Die interessanten Entwicklungen im Überblick.

          7 Min.

          Klare Antwort: Ja. Die Skibranche ist dem Leichtsinn verfallen. Nachdem sich in den vergangenen Jahren alles um die inzwischen weithin etablierte Rocker-Bauweise drehte, lautet das große Thema nun: Gewichtsparen. Kaum noch ein hochwertiger Ski ohne Karbon, auffallend oft wird Balsaholz verarbeitet. In Hülle und Fülle taucht neue Ausrüstung für Tiefschneefahrer und Tourengeher auf. Wintersportgebiete umwerben diese wachsende Zielgruppe, die Industrie stürzt sich drauf.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Ein schwerer Ski ist schwerer zu bewegen, bergauf wie bergab. Leichtbau hilft Untrainierten, weil ihnen nicht so schnell die Kraft ausgeht, Könner fahren entspannter. Auch mit breiten Tiefschneelatten, ehemals sackschwer, will man heute zu Fuß nach oben. Die Frage allerdings lautet: Wie leicht darf ein Ski sein, damit er noch anständig fährt? Für ein sattes, stabiles Fahrverhalten braucht es eine gewisse Masse. Leichtbau an sich sei kein Problem, heißt es bei den Herstellern, nur müsse man das durch andere Konstruktionsweisen auffangen.

          Übergänge zwischen Ski-Kategorien fließend

          Bei der Abstimmung der Bretter gilt es abzuwägen zwischen Aufstieg und Abfahrt, zwischen dem Einsatz auf gewalzter Unterlage und dem Pulver in freier Wildbahn. Breite, Taillierung, Rocker-Aufbiegung, Materialien, Gewichtsverteilung sind die Variablen, mit denen hantiert wird. Das Spiel damit eröffnet ein weites Feld von Möglichkeiten. Dabei sind die Übergänge zwischen den Ski-Kategorien mittlerweile fließend. In den Allmountain-Brettern verschmelzen seit einigen Jahren Piste und Gelände, momentan löst sich die ehemals klare Grenze zwischen Freeride und Tourengehen auf. Mächtige, abfahrtsorientierte Tiefschneelatten, mit denen man sich bisher übel abgeschleppt hat, werden so leicht, dass man damit fast mühelos aufsteigen kann.

          Atomic widmet sich dem Tourenthema in der Saison 2015/16 mit vier Modellen der Backland-Baureihe (leichter Pappelkern, weiche Abstimmung), die jeweils zur Hälfte auf Abfahrt und Aufstieg ausgerichtet sind. Die Breite unter der Bindung reicht von 78 bis 95 Millimeter; je schmaler, desto leichter, je breiter, desto einfacher im Tiefschnee zum Schwimmen zu bringen. Als Allzweckwaffe für Piste und moderaten Geländeeinsatz schickt Atomic den Allmountain-Ski Vantage auf den Markt (90 oder 100 Millimeter Mittenbreite). Sein Holzkern ist eine Mischung aus härterer Esche und leichterer Pappel, eine netzartige Karbonschicht (anstelle von schwererem Glasfaserlaminat) und eine Titanalschicht entfalten beruhigende Wirkung. 599 oder 649 Euro (Preisempfehlung) sind für den Vantage anzulegen.

          Ummantelt dreidimensional die Seitenwangen

          Blizzard setzt mit der Zero-G-Baureihe aufs Freeride-Touring: Berge hinaufstiefeln, eigene Wege suchen, zu Tal surfen. Um beträchtliche Breite, Leichtgewicht und präzise Steuerung in Einklang zu bringen, haben sich die Österreicher eine Kohlefaser-Bauweise namens „Carbon Drive“ einfallen lassen. Über die Holz-Glasfaser-Konstruktion legen sie auf voller Skilänge ein Karbonbauteil, das dreidimensional die Seitenwangen ummantelt. Die Zero-G-Serie umfasst Ski in den Breiten 85, 95 und 108 Millimeter (450 bis 750 Euro ohne Bindung. Reine Freeride-Ski, weniger auf Aufstieg ausgelegt, sind die überarbeiteten Blizzard Bodacious, Cochise und Bonafide (98 bis 125 mm in der Mitte, 600 bis 700 Euro ohne Bindung), deren Holzkerne an Schaufel und Ende durch dünne Lagen Karbon ersetzt werden. Weniger Gewicht, geringere Schwungmasse sollen ein spielerisches Verhalten ermöglichen.

          Beim Dynastar Mythic handelt es sich der Geometrie nach um einen Freerider, der unter Einsatz von Kohlefaser und gewichtssparendem Holzkern zum Tourenski abmagerte. Auf Metallverstärkungen wird verzichtet. Der schwarze Franzose, an den Enden stark gerockert, soll sich bergauf leicht tragen lassen und bergab geschmeidig dem Schnee anpassen. Versierte Fahrer kommen mit solch breitem Material auch auf griffig gewalzter Piste noch klar, es gilt allerdings 1358 Euro (inklusive Bindung und Steigfellen) zu investieren.

          Rund zehn Prozent Gewichtsersparnis

          Elan gibt sich weiterhin innovativ und macht manches anders als andere. Die Allmountain-Baureihe Amphibio - Ski für Piste plus Abstecher ins Unwegsame - hat seit vier Jahren die Eigenheit unterschiedlich geformter Skikanten hinter der Schaufel: Rocker (also leicht hochgebogen) an der Außen- und Camber (traditionelle Vorspannung) an der Innenseite. Diese Bauweise soll leichtes Drehen einerseits und sicheren Grip andererseits vereinen. Die Amphibios der Generation 15/16 sind nun „vierdimensional“ geformt. Zusätzlich ist die Oberfläche des Skis vor der Bindung konvex gewölbt (Skimitte höher als die Seiten) und hinter der Bindung konkav (Außenseiten höher als die Mitte).

          Durch diese Biegung der Titanium-Einlagen werde die Konstruktion steifer, obwohl dünnere Holzkerne und Laminate verarbeitet werden könnten, lassen die Slowenen wissen. Rund zehn Prozent betrage die Gewichtsersparnis gegenüber einer Bauweise mit komplett flachem Metall, bei etwa 30 Prozent geringeren Vibrationen im Ski. Die konvexe Front verbessere den Kantenhalt, das konkave Heck führe den Fahrer harmonisch aus dem Schwung heraus. Vier Typen von 73 bis 88 Millimeter Mittenbreite werden angeboten. Der betont sportliche Amphibio 16 Ti2 Fusion (73 mm) kostet 700, das Damenmodell Insomnia Fusion 600 Euro.

          Fühlt sich beinahe wie ein Langlaufski an

          Fischers Alpin-Experten haben zu den Leichtbau-Kollegen aus dem nordischen Lager hinübergeschielt und sich zur Gewichtsreduzierung der neuen Tourenski eine Frästechnik für den Holzkern abgeguckt: Air Tec wird die Technik der versetzten Fräsung genannt, die das Gewicht des Paulownia-Holzkerns um ein Viertel verringern soll, ohne Flexverhalten oder Torsionssteifigkeit zu beeinträchtigen. Hebt man den Transalp 80 (Mittenbreite 80 mm, 700 Euro ohne Bindung) hoch, fühlt er sich beinahe wie ein Langlaufski an.

          Karbonfasern dienen der Stabilität, ebenso eine Titanallage im Bereich der Bindung. Durch die gerundete, zu den Seiten hin dünner werdende Oberfläche („Aeroshape“) wird an Material gespart. Mit dem Ranger 108 schickt Fischer einen neuen Freeride-Ski an pulvrige Hänge, der trotz stattlicher Breite ein Leichtgewicht mit Bergauf-Fähigkeiten ist. Gefräster Holzkern, eine besonders dünne Karbon-Schaufel, Titanschichten, Rocker-Aufbiegung an beiden Enden und Aeroshape sind seine Kennzeichen.

          Leichtestes, dünnstes und zugleich stärkstes Material

          Head verwendet das „Wundermaterial“ Graphen als Ersatz für Kohle- und Glasfaser jetzt nicht nur für Frauenski, sondern auch für die rundum neue Allmountain-Linie Instinct. Graphene, so der Markenname, wird als leichtestes, dünnstes und zugleich stärkstes Material überhaupt beworben, Head hat es sich eigenen Angaben zufolge für den Bau von Ski und Tennisschlägern exklusiv gesichert. Den Instinct zeichnet ein besonders niedriger Querschnitt aus. Power Instinct (82 mm in der Mitte) und Raw Instinct (78 mm) für sportliche Fahrer kosten mit Bindung jeweils 600 Euro, die breitbandiger, fehlerverzeihender abgestimmten Typen Strong Instinct (83 mm) und Supreme Instinct (74 mm) sind 100 Euro günstiger. Anders als andere sträubt sich Head dagegen, die Skienden extrem leicht zu konstruieren, mit dem Argument, das gehe zu Lasten von Laufruhe und Kantenzug. Wendig seien Rockerski ohnehin.

          Dass Hersteller ganz unterschiedliche, zum Teil sogar gegensätzliche Konstruktionsprinzipien predigen, ist im ersten Moment irritierend, im zweiten aber egal. Ganz unterschiedliche Wege können zu einem sehr befriedigenden Ergebnis führen.

          Netzartige Karbonschicht

          K2 setzt zur Saison 15/16 den Tourenski Wayback (82 mm in der Mitte, 530 Euro mit Bindung) auf Diät und verbaut einen Kern aus längs gemasertem Balsaholz, Balsa-Hirnholz und Flachsfasern, das Ganze mit einer netzartigen Karbonschicht verstärkt. Im Allmountain-Segment vertrauen die Amerikaner auf eine Skikern-Konstruktion mit einer speziellen Art der Gewichtsverteilung: Zentrum und Enden der Ski leicht, die Seiten massiver und mit Metall verstärkt. Im Ergebnis sollen die Bretter für Frauen („Luv“) und Männer („Konic“) hohe Stabilität auf der Kante und dank geringen Schwunggewichts ein einfaches Handling vereinen.

          Beim sportlichen Allround-Spitzenmodell für Männer beispielsweise, dem iKonic 85 Ti (685 Euro inklusive Bindung), wird kräftiges, metallverstärktes Holz an den Seiten mit einem Espenholzkern in der Mitte kombiniert. Ins Kernmaterial der Damenski (mehrere Modelle von 74 bis 108 mm Mittenbreite) werden für weitere Gewichtseinsparungen zusätzlich über die gesamte Skilänge Kanäle gefräst.

          Kein Rückgrat aus Metall

          Nordica verwendet ausschließlich Balsaholz, wie man es von federleichten Flugmodellen kennt, als Kernmaterial für die neue Damen-Allmountain-Kollektion namens Belle. In dünnen Schichten wird das durch die teilweise transparente Skioberfläche sichtbare Holz verleimt, was angeblich eine so starke Konstruktion ergibt, dass auf ein Rückgrat aus Metall verzichtet werden kann. Auf unterschiedliche Vorlieben der Kundinnen von platter Piste bis pulvrigem Puder geht Nordica mit unterschiedlichen Mittenbreiten (78, 88, 98 mm) ein, die Preise reichen von 300 bis 500 Euro ohne Bindung.

          Eine Tiefschneemaschine von einschüchternden Ausmaßen ist der Freeride-Tourer MTN Lab von Salomon (700 Euro ohne Bindung), mit 115 Millimeter Mittenbreite nicht gerade der Handlichsten einer. Gleichwohl lässt er sich noch passabel bergauf tragen. Karbonfasern, durch die stellenweise transparente Oberfläche sichtbar, verstärken die jeweils nur 1,8 Kilogramm wiegenden Bretter mit leichtem Kern. Eine luftige Honigwaben-Struktur ersetzt an der Spitze den Holzkern - eine Maßnahme, die Gewicht sparen und ein Abtauchen des Skis im Tiefschnee unterbinden soll. Mit dem leicht gerockerten X-Max (Mittenbreite 73 mm, 700 Euro mit Bindung) beglückt Salomon Carving-Fans, die es auf der Piste gern rauchen lassen, Biss und Laufruhe schätzen und auf ein paar Gramm mehr oder weniger pfeifen. Als Mitgift gibt’s eine doppelte Titanschicht und als zusätzliche Beruhigungspille eine beweglich im Ski gelagerte Karbonstrebe („Powerline“).

          Völkl stattet immer mehr Modelle mit seinem UVO-Schwingungstilger aus. Dieses etwa 70 Gramm wiegende Teil, das auf einem Elastomer frei schwingen kann, wird in der kommenden Saison auch die Schaufeln der komplett überarbeiteten Allrounder RTM 86 und RTM 84 (900 und 850 Euro mit Bindung) beruhigen. Die sind an beiden Enden lang gerockert, aber nicht mehr wie bisher auf voller Länge; mit der Vorspannung unter der Bindung wird der Erkenntnis Rechnung getragen, dass Allmountain-Ski üblicherweise öfter auf der Piste als daneben verwendet werden. Extrem breit ist die neu entwickelte Bindung, die nicht auf einer aufgeschraubten Platte befestigt, sondern in Führungsschlitze geschoben wird, die direkt in den Holzkern gefräst sind. Verlustfreie, äußerst direkte Übertragung der Steuerimpulse vom Schuh verspricht sich Völkl dadurch. „Wie ein Breitreifen.“

          Die Straubinger reduzieren weiter Masse und Volumen außerhalb des Bindungsbereichs. Der Holzkern ist an den Rändern dünn wie eine Klinge, in der Skimitte höher. Diese „3D-Ridge-Bauweise“ wird für die RTM-Typen, für mehrere Freeride-Latten sowie die zweite Generation des noblen V-Werks Code verwendet, der dem Käufer Renntechnik in einer vielseitigeren Abstimmung präsentiert. Und außerdem für den „Ultraleicht-Tourer“ VTA 88 Lite (800 Euro ohne Bindung): Ein versteifender Karbonmantel zieht sich über den geschlitzten, aus verschiedenen Hölzern zusammengesetzten Kern. Lediglich 1000 Gramm bringt ein VTA bei 170 Zentimeter Länge und 88 Millimeter Breite auf die Waage.

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