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Trendsport Klettern : „Zu!“ „Zu!“ „Ab!“

  • -Aktualisiert am

Bouldern, da kommt es nicht auf die Höhe an: Der Boden unter dem Überhang ist eine dicke Matte. Bild: Hans-Heinrich Pardey

Ob Kindergeburtstag oder Ganzkörpertraining ohne Maschinenstumpfsinn – Klettern ist angesagt. Mit Kreide an den Händen und dem Gurt um die Hüften in die Wand: Die Sicherheitstechnik ist dabei überlebenswichtig.

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          Das Plakat, das neben der Kaffeetheke der Kletterhalle Cube in Wetzlar hängt, lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Wie am Tatort eines Verbrechens sind die Umrisse eines Opfers auf den Boden gemalt. Daneben liegt ein Kletterseil mit einem nicht zu Ende geknüpften Anseilknoten. Mit solch einem nicht vollständig nachgefädelten und deshalb nicht korrekt gesteckten Achterknoten kletterte im Herbst 2014 sonntagnachmittags eine 45 Jahre alte Frau an einer vierzehn Meter hohen Wand der größten Kletteranlage der Welt in München-Thalkirchen.

          Oben angekommen, sollte sie von ihrem unten sichernden Mann kontrolliert abgelassen werden. Nur einen Moment lang hielt der unfertige Knoten in dem nun voll belasteten Seil. Dann gab er nach, das Seil löste sich vom Klettergurt der Frau, und sie stürzte zu Boden. Trotz raschester Hilfe überlebte sie den Sturz nicht. Ihr sichernder Mann hatte keine Chance, durch sein Eingreifen den Sturz zu verhindern. Die Botschaft des drastischen Plakats lautet kurz und bündig: „Partnercheck statt Partner weg“.

          Sechs tödliche Unfälle in fünfzehn Jahren

          In den vergangenen fünfzehn Jahren hat es in deutschen Kletterhallen sechs tödliche Unfälle gegeben. Alle diese Bodenstürze wären nach Ansicht des Deutschen Alpenvereins (DAV) wahrscheinlich zu verhindern gewesen, wenn die Kletternden und die Sichernden sich vorher genau gegenseitig kontrolliert hätten: Sitzt der Klettergurt beim Partner? Ist der Einbindeknoten korrekt geknüpft? Ist das Seil richtig ins Sicherungsgerät eingelegt und das korrekt im richtigen Karabiner eingehängt? Kann der Sichernde auch mit dem Gerät umgehen?

          Vor dem Start in die Wand: Partnercheck mit wechselseitiger Kontrolle von Gurten, Knoten und Karabinern Bilderstrecke
          Vor dem Start in die Wand: Partnercheck mit wechselseitiger Kontrolle von Gurten, Knoten und Karabinern :

          Verglichen etwa mit Skifahren, von der Teilnahme am öffentlichen Straßenverkehr als Radfahrer ganz zu schweigen, ist Hallenklettern den Zahlen nach eine keineswegs besonders riskante sportliche Betätigung. Das Thema Sicherheit aber beschäftigt den DAV auf vielen Ebenen: Das reicht vom Verbreiten eines Herstelleraufrufs, die Nähte eines bestimmten Klettergurts zu kontrollieren, bis zur Formulierung verbindlicher Regeln für das Klettern (mit Seil) und Bouldern (ohne Seil) in Hallen. Diese Regeln sollen Aufnahme in die Benutzungsordnung der Hallen finden und damit Verbindlichkeit erreichen. Wie sagt der DAV-Flyer „Sicher klettern“ unmissverständlich? „Klettern birgt Risiken! Bei unzureichender Beherrschung der Sicherungstechnik besteht Absturzgefahr. Lass dich ausbilden!“

          Damit fängt das selbständige Klettern auch im DAV-Kletterzentrum Cube in Wetzlar an. Eben mal an der Wand schnuppern, für zwei Stunden, in denen man ständig von einem Ausbilder angeleitet wird. Kostenpunkt: 25 Euro. Wer dabei auf den Geschmack gekommen ist, wird den Einsteigerkurs buchen: dreimal drei Stunden, etwas über 90 Euro für Gäste. Dieser Kurs führt zum DAV-Kletterschein „Indoor Toprope“. Und der ist das Richtige auch für den Vater, der zwar selbst gar nicht klettern möchte, sondern sein Töchterchen zum Klettern begleiten will, um es zu sichern.

          Einsteiger lernen „Gesteckten Achterknoten“

          Toprope meint, das Seil befindet sich schon an der Wand, von ganz oben an einer Umlenkung hängen seine zwei Enden bis zum Boden herab. Das eine Ende nimmt sich nun der Kletter-Novize und bekommt gezeigt, wie man einen „Gesteckten Achterknoten“ zum Einbinden in die Anseilschlaufe, den Ring zwischen Beinschlaufen und Bauchgurt seines Klettergurts, richtig knüpft: erst die brezelartige Acht und dann noch einmal alle Windungen zurückfädeln, festziehen, den Knoten nicht zu weit vom Gurt plazieren, damit er einem nicht im Falle eines Sturzes in die Herzgrube haut, und auch keinen langen Überstand behalten. Das wird dann erstmal einige Male geübt.

          Das zweite von oben herabhängende Seilstück schleift der Sichernde in sein Sicherungsgerät ein. Das ist bei den Einsteigerkursen im Cube das bekannte Smart von Mammut. Wie auch Karabiner und Klettergurte wird diese Seilbremse von der Kletterhalle für alle Kursteilnehmer gestellt – sicherheitshalber dürfen sie bis auf die Schuhe kein eigenes Equipment bei der Einführung verwenden. Aber sie lernen zum Beispiel, dass man den Halbmastwurf- oder kurz HMS-Karabiner, der dann beim Sichernden das Smart mit der Anseilschlaufe verbindet, an seiner charakteristischen Birnenform erkennt und wie herum er eingehakt werden muss.

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