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Waffen zum Selbstschutz : Trügerische Sicherheit

  • -Aktualisiert am

Waffenhändler berichten von einem regelrechten Ansturm auf Waffen zur Selbstverteidigung. Bild: dpa

Weil das Vertrauen in den Staat schwindet, bewaffnen sich die Deutschen mit Pfefferspray, Gaspistolen und Knüppeln. Ob ihnen das wohl hilft?

          6 Min.

          In Deutschland geht die Angst um. Raubüberfälle auf Passanten, Attacken gegen Frauen, sinnlose Gewalt an Bahnhöfen und öffentlichen Plätzen – die Menschen fühlen sich verunsichert und fragen sich, ob der Staat noch in der Lage ist, seine friedlichen Bürger vor Übergriffen zu schützen.

          Das ist wohl eine verzerrte Wahrnehmung, denn auch früher schon konnten die Ordnungskräfte nicht überall sein. Tatsache ist allerdings, dass die Brutalität der Angreifer erheblich gestiegen ist und durch die Smartphones zunehmend Videosequenzen mit schrecklichen realen Szenen im Umlauf sind. Die Furcht macht mobil, und deshalb ist es kein Wunder, dass Kampfsportgruppen und Selbstverteidigungskurse derzeit einen regen Zulauf haben.

          Kein Kampf nach sportlichen Regeln

          Davon sollte man sich nicht zu viel versprechen. Die Trainer, bei denen die Techniken immer so schön rund aussehen, sind meist durchtrainierte Kraftpakete, und selbst bei ihnen ist nicht sicher, dass sie einen Ernstfall heil überstehen. Erstens ist es ein Unterschied, ob man mit lieben Leuten auf der Matte und nach sportlichen Regeln kämpft oder sich gegen einen skrupellosen Verbrecher verteidigen muss. Und zweitens ist stets ungewiss, was der Angreifer kann.

          Der Autor dieses Textes hat in vier Jahrzehnten verschiedene Kampfsportarten betrieben, er ist Vorsitzender eines Vereins, der das Selbstverteidigungssystem Ju-Jutsu lehrt. In dieser Zeit hat er vor allem gelernt, was alles nicht funktioniert. Seriöse Ausbilder weisen auf die Grenzen hin, von teuren Kursen, die angeblich in drei Wochen unbesiegbar machen, sollte man die Finger lassen. Immerhin können gut einstudierte Techniken die Chancen verbessern – wenn man bereit ist, sie kompromisslos anzuwenden. Das sind vor allem solche, die im sportlichen Wettkampf verboten sind; man muss also auch mal ein Auge zudrücken können.

          Verzicht auf Widerstand

          Soll sich der Angegriffene denn überhaupt wehren? Das kommt drauf an. Die Spezialisten der Polizei raten, wenn es nur um ein Handy oder Geld geht, sei es klüger, auf Widerstand zu verzichten. Gegen einen Angriff auf Leib und Leben könne dagegen eine Verteidigung unabdingbar sein; es gebe genug Beispiele etwa von Frauen, die durch beherzte Gegenwehr den Angreifer in die Flucht geschlagen hätten. Wer Selbstverteidigungstechniken beherrscht, strahlt auch mehr Sicherheit aus und wird dann nicht so schnell Opfer. Für Laien gilt im Ernstfall trotzdem immer als erste Regel: abhauen und die Polizei verständigen.

          Um Hilfe rufen ist auch nie verkehrt, ob die Zivilcourage der Umstehenden reicht, bleibt aber offen. Niemand ist gezwungen, sich in Gefahr zu bringen, mit direkter Ansprache an mehrere kräftige Herren lässt sich aber vielleicht eine Gruppe zur Deeskalation der Situation bilden. Unsere Kinder haben wir mit einem Taschenalarm ausgerüstet, der den gleichen Zweck wie Hilferufe erfüllen soll. Wenn die Reißleine gezogen ist, gibt er einen durchdringenden Ton von sich.

          Die Sprays versprühen scharfen Pfeffer gegen Hunde – ob die gewünschte Wirkung auch beim Menschen eintritt ist nicht sicher. Bilderstrecke
          Die Sprays versprühen scharfen Pfeffer gegen Hunde – ob die gewünschte Wirkung auch beim Menschen eintritt ist nicht sicher. :

          Weil der Erfolg ungewiss ist und den meisten von ihnen die körperlichen Voraussetzungen fehlen, suchen die ängstlichen Bürger derzeit zuhauf nach Gegenständen, die ihre Verteidigung unterstützen, zur Freude der Waffengeschäfte. Indessen hat der Gesetzgeber nicht ohne Grund die Möglichkeit, sich legal zu bewaffnen, immer mehr eingeschränkt, auf Kosten einer zuweilen undurchsichtigen Rechtslage, mit der man sich vor dem Kauf vertraut machen sollte. Denn nicht alles, was frei erworben werden kann, darf auch in der Öffentlichkeit mitgeführt werden. Immerhin ist noch manches erlaubt, die Wirksamkeit dessen allerdings oft fragwürdig. Wer erwägt, sich zu bewaffnen, sollte außerdem bedenken, dass sich die Waffe gegen ihn selbst wenden kann, wenn sie dem Angreifer in die Hände fällt. Dann geht der Schuss nach hinten los.

          Verwechslungsgefahr mit echten Pistolen

          Der kommt für den Normalbürger legal nur aus Gaspistolen. Von denen halten wir wenig. Der Knall schreckt einen ernstzunehmenden Angreifer nicht ab, und in den kleinen Kalibern ist die Reizgasdosis viel zu gering, wie wir schon vor Jahren im Selbstversuch ermittelt haben. Im Videoportal Youtube lässt sich verfolgen, wie langsam sich die Wolke in Bewegung setzt. Die erhoffte Wirkung stellt sich erst im Kaliber 9 mm ein, die Pistolen sind dann aber als ständige Begleiter viel zu schwer. Zum Führen, also dem einsatzbereiten Tragen in der Öffentlichkeit, wird der Kleine Waffenschein benötigt, der relativ leicht zu bekommen ist. Auf dem Nachttisch haben sie womöglich eine beruhigende Wirkung. Damit auf einen Einbrecher loszugehen ist aber keine gute Idee. Wenn der bewaffnet ist und sie irrtümlich für eine scharfe Pistole hält, schießt er vielleicht zuerst.

          Nach Silvester : Weniger Sicherheitsgefühl, mehr Waffenkäufe

          Derzeit groß in Mode sind dieselben Reizstoffe in Spraydosen. Sie wirken auf die Schleimhäute und die Atemwege. Im Eigenversuch lässt sich das Gefühl in einer milderen Form erleben: einen Lappen aufhängen, anschießen und schnüffeln. Üben empfiehlt sich ohnehin, damit in einer Stresssituation das Ziel auch getroffen wird, dafür gibt es mit Wasser gefüllte Spraydosen. Mit einem breiten Nebel fällt die Anwendung leichter, allerdings reicht der nicht weit, und bei Gegenwind bläst das Gas nicht dem Angreifer, sondern dem Anwender ins Gesicht.

          Reichweite ist entscheidend

          In Miniaturgröße ist so etwas trotzdem eine brauchbare Lösung für die Handtasche, etwa gegen sexuelle Belästigung im Auto. Anbieter versprechen Wunderdinge, wie weit der Strahl in der scharf gebündelten Version spritzen soll. Wir haben einige Sprays verschiedener Hersteller mit Angaben bis zu sechs Meter ausprobiert und meinen, dass etwa die Hälfte an Reichweite realistisch ist. Es gibt sie auch als Gel, das zäh haftet, und zum Verschießen aus pistolenähnlichen Geräten. Außerdem in Kombination mit Elektroschockern. Wenn jene zwischen den Kontakten blitzen und spratzeln, sieht das beeindruckend aus, und die Hersteller werben mit gigantischen Voltzahlen. Damit haben wir keine praktische Erfahrung, wissen aber, dass Stromstärke und Einsatzdauer begrenzt sind und das Gerät erst wirkt, wenn es einen Moment in Kontakt mit dem Angreifer kommt. Dann kann es für eine Gegenwehr schon zu spät sein.

          Auf die Distanz wirkt nur das Reizgas. Uns kommt, wiederum nach eigenem Empfinden, Pfefferspray mit dem Wirkstoff Oleresin Capsicum (OC, in unterschiedlicher Konzentration im Handel) effektiver vor als das Tränengas CS. Pfefferspray ist in Deutschland nur als Tierabwehrmittel zugelassen, es wird in Amerika sogar gegen Bären verwendet, aus Spraydosen mit Feuerlöschergröße. In einer Notwehrsituation ist der ursprüngliche Verwendungszweck indessen einerlei.

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          Es mehren sich allerdings Berichte, dass harmlose Passanten, die nach der Uhrzeit fragten, mit beißendem Pfeffer traktiert worden sind. Wie ein radfahrender Kollege aus der Not geboren berichtet, rennen angreifende Hunde wie gegen eine Wand, darauf verlassen möchten wir uns lieber nicht. Wer einen Überfall damit abwehren möchte, muss wissen, dass es ein paar Sekunden dauert, bis die Wirkung einsetzt. Falls überhaupt, denn Menschen unter Alkohol, Drogen oder auch nur einem heftigen Adrenalinstoß reagieren eventuell nicht. Obendrein ist die Sprühdauer unerfreulich kurz: 30 ml reichten in unseren Versuchen je nach Hersteller gerade mal für vier bis acht Sekunden.

          Taschenlampe als Schlagwaffe

          Dann kann man wenigstens noch mit dem leeren Behälter zuschlagen. Womit wir bei allerlei Gegenständen wären, die der Hand Nachdruck verleihen und dem Arm mehr Reichweite bescheren. Das Führen der äußerst wirksamen Teleskopschlagstöcke in der Öffentlichkeit hat der Gesetzgeber inzwischen untersagt, Erwerb und Besitz sind legal. Die Mitnahme ist eine Ordnungswidrigkeit, die Polizei kann sie konfiszieren. Wir kennen Leute, die sich nicht darum scheren, weil sie denken, ihre Sicherheit gehe vor. Teleskopstöcke gibt es aus Stahl und Aluminium, zusammengeschoben passen sie in die Tasche. Davon zu unterscheiden sind die als „Totschläger“ bekannten Federruten; sie gehören wie Butterflymesser und Schlagringe zu den verbotenen Gegenständen, sie zu führen ist eine Straftat. Legale Varianten sind knüppelähnliche Geräte, die erst in zweiter Linie zum Zuschlagen dienen. Das sind unter anderem Taschenlampen aus dickem Aluminium in unterschiedlichen Längen – wir haben die Maglite im Auto – und ein fast unzerstörbarer Regenschirm, der allerdings etwas schwer geraten ist, außerdem dämpft die Bespannung die Wucht des Schlages.

          Allen solchen Geräten gemeinsam ist, dass man sie ohne ständige Übung besser zu Hause lässt. Kampfsysteme wie das philippinische Pekiti-Tirsia Kali lehren die Anwendung, dabei erfährt man auch, dass fast alles notfalls als Waffe zu gebrauchen ist. Denn für die relativ einfach zu erlernenden Bewegungsmuster ist es egal, ob gerade ein Stock, eine Einkaufstasche mit Konservendosen, ein Schlüsselbund oder eine Bierflasche zur Hand ist. Sogar ein Kugelschreiber erfüllt den Zweck. Den gibt es unter der Bezeichnung Tactical Pen in einer besonders robusten Ausführung.

          Messer sind kaum abzuwehren

          So etwas kann ein Messer fast ersetzen. Über dessen Verwendung als Mittel zur Selbstverteidigung gehen die Meinungen auseinander. Erlaubt ist das Führen von Messern mit feststehender Klinge bis zwölf Zentimeter Länge. Klappmesser aller Größen, die mit einer Hand geöffnet werden können, dürfen dagegen nicht mitgeführt werden, auch wenn sie in jedem Baumarkt zu kaufen sind. Wie wir aus dem Training mit Exemplaren aus Gummi wissen, sind Messer kaum abzuwehren, die Gefahr schwerer Verletzungen ist hoch. Wenn der Angegriffene damit umgehen kann, eignet sich ein Messer also gut zur Selbstverteidigung. Allerdings kann es schwierig werden, den Richter davon zu überzeugen, dass die Abwehr verhältnismäßig war.

          Wie überhaupt die Gefahr der Notwehrüberschreitung mit Waffeneinsatz hoch ist. Was soll man also empfehlen? Am besten wäre es natürlich, solche Überlegungen wären erst gar nicht notwendig, weil der Staat für die Sicherheit seiner Bürger sorgt, statt an der Polizei zu sparen. Bis dahin muss jeder für sich selbst die Risiken abwägen. Jared Wihongi, ein bekannter Ausbilder des Pekiti-Tirsia, sagt dazu gern, zwölf Geschworene seien doch besser als acht Sargträger. Wer möchte dem widersprechen?

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