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Perlan 2 : Segelnd in die Stratosphäre

  • -Aktualisiert am

Die Pilotenkabine mit ihren Bullaugen erinnert mehr an eine Raumfähre als an ein Flugzeug. Bild: Airbus

Ein Segelflugzeug erzielt über den Anden den Höhenweltrekord von erstaunlichen 23.165 Metern. Die Perlan 2 wurde speziell für diesen Zweck konstruiert.

          Auf den ersten Blick sieht es fast aus wie ein normales Segelflugzeug. Lange, elegante Tragflächen, ein aerodynamischer Rumpf und ein konventionelles Leitwerk. Aber die Kabine kommt einem komisch vor. Keine typische Glashaube, sondern rundum geschlossen mit bullaugenähnlichen Minifenstern. Zumindest das Design der Kabine erinnert mehr an eine Raumfähre als an ein Flugzeug. Das ist aber wohl auch der Zweck. Denn dieses zweisitzige Segelflugzeug soll fast den Rand des Weltraums erreichen.

          Deshalb sehen auch die beiden Piloten eher aus wie Astronauten als wie typisch gekleidete Segelflieger. Sie stecken in Kälteschutzanzügen, zudem hat ihre Kabine eine Druckbelüftung, ähnlich wie ein modernes Passagierflugzeug. Nur so kann die Perlan-2-Crew die lebensfeindlichen Umweltbedingungen in mehr als 20.000 Metern Höhe bei Außentemperaturen von unter minus 50 Grad überleben. Der Rumpf der Perlan 2 besteht aus hochfester Kohlefaser, zudem ist ein leichtes Sauerstoffsystem an Bord, um den beiden hintereinander sitzenden Piloten genügend Atemluft auf den mehrstündigen Flügen zur Verfügung stellen zu können. Beim Fliegen in derartigen Höhen reagiert das Flugzeug sehr langsam auf Steuereingaben, auch daran haben sich die Piloten von Perlan 2 erst gewöhnen müssen.

          Da die 25,6 Meter Spannweite messende Perlan 2 motorlos fliegt, ist sie prädestiniert für Forschungsflüge in großen Höhen, weil keine Abgasemissionen die Messwerte verfälschen können. Zudem wollen die Entwickler mit dem Flugzeug untersuchen, wie gigantische Aufwindwellen über großen Gebirgsketten das Wetter beeinflussen. Aber natürlich wurde das Flugzeug von Perlan Project, einer Nonprofit-Organisation zur Luftfahrt- und Atmosphärenforschung, auch dafür gebaut, den Höhenweltrekord für Segelflugzeuge zu brechen. Dabei werden die Forscher vom Flugzeughersteller Airbus unterstützt. Der Rekord lag seit 2006 bei 15 462 Metern und war mit dem Vorgängermodell Perlan 1 erreicht worden. Aufgestellt hat ihn der Gründer des Perlan-Projekts Einar Enevoldson, damals zusammen mit dem Piloten und Millionär Steve Fossett, der wenig später in einem Motorflugzeug abstürzte und ums Leben kam. Der damalige Perlan-1-Segler hatte allerdings keine Druckkabine.

          Motorloses Fliegen ist prädestiniert für Forschungsflüge in großen Höhen. Bilderstrecke

          Im argentinischen Ort El Calafate starten derzeit die Piloten vom Armando-Tola-Flugplatz zu ihren Rekordversuchen mit Perlan 2, die weiter andauern. Die beiden neuen Rekordhalter, Chefpilot Jim Payne und Tim Gardner, einer von mehreren Kopiloten und beide Amerikaner, sind aus ihrer Heimat im Bundesstaat Nevada das Fliegen von Segelflugzeugen in großen Höhen gewohnt. Damit es überhaupt möglich ist, in derartige Höhen motorlos aufsteigen zu können, sind stratosphärische Bergwellen notwendig. Diese nur zeitweise auftretenden Aufwinde hinter hohen Bergketten können durch Polarwirbel starke Intensität annehmen. Allerdings tritt das Phänomen nur kurzzeitig und an wenigen Stellen auf der Erde auf. In den argentinischen Anden können diese seltenen aufsteigenden Strömungen Höhen von mehr als 30.000 Metern erreichen.

          Wie aber kommt ein Segelflugzeug überhaupt in solche Bereiche, um von diesen Bergwellen zu profitieren? Dazu wird es zunächst hinter einem Motorflugzeug in die Höhe gezogen. Da dieser Schleppflug in Argentinien mehrfach auf 13.400 Meter führt, also oberhalb der üblichen Reiseflughöhe eines Airbus A380, ist klar, dass auch das Schleppflugzeug etwas Besonderes sein muss. Aus diesem Grund wurde eine Maschine genutzt, die aus Deutschland kommt. Die Grob-Egrett G520 aus dem bayerischen Mindelheim ist eine einmotorige Maschine mit Propellerturbine. Nur fünf Exemplare wurden gebaut. In den 1980er Jahren wurde sie vom bayerischen Flugzeugbauer Grob in Zusammenarbeit mit Raytheon und dem Triebwerkshersteller Garret als Höhenforschungs- und Aufklärungsflugzeug entwickelt. Deshalb kann die G520 bis auf mehr als 15.000 Meter steigen, ihr eigener Höhenrekord liegt bei 16.329 Metern. Zum Ziehen der Perlan 2 wurde die Turboprop modifiziert und bekam zusätzlich eine Schleppkupplung montiert. Jeder Schleppflug über die Anden dauert gut eine Dreiviertelstunde, dabei zieht die Grob G520 den an einem Seil hinter ihr hängenden Segler mit einer Steigrate von etwa 300 Metern in der Minute nach oben.

          Solange die extremen Aufwinde in Argentinien noch andauern, werden weitere Rekordversuche unternommen. Noch ist sprichwörtlich Luft nach oben. Bis 27.500 Meter Höhe soll die Perlan 2 steigen können, haben die Entwickler berechnet. Aber schon jetzt hat sie legendäre Höhenweltrekorde ihrer motorisierten Kollegen egalisiert. Der frühere Weltrekord des amerikanischen Spionageflugzeugs Lockheed U-2 Dragon Lady von 22.475 Metern ist durch Perlan 2 bereits locker übertroffen. Nächster „Gegner“ wäre das Aufklärungsflugzeug Lockheed SR-71 Black Bird: Die überschallschnelle Maschine hält den Höhenweltrekord für bemannte Flugzeuge im Horizontalflug mit 25.929 Metern.

          Das wäre also zumindest theoretisch von Perlan 2 noch zu überbieten. Dabei wiegt das Segelflugzeug gerade mal so viel wie ein Volkswagen Käfer von 1967. Und selbst in dieser Höhe ist noch nicht Schluss. Mit einer möglichen Perlan 3 könnte es nach Ansicht der Macher von Perlan Project dann wirklich motorlos fast an den Rand des Alls gehen. Für sie wäre erst in 30 Kilometern Höhe der Gipfel erreicht.

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