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© Susanne Braun

Wollt ihr ewig rennen?

Text und Fotos von SUSANNE BRAUN

14.02.3017 · In Inzell werden die Schlittenhunde von der Leine gelassen. Das Rudel läuft wie im Rausch. Der Mensch ruft Gee und Haw.

Am Anfang geht es auch um die Technik beim Rennen der Schlittenhunde. Einst aus Holz gefertigt, war der Schlitten schwer und verlangte nach vollem Körpereinsatz, um ihn um Kurven zu wuchten. Doch nun setzen moderne Schlittenhunderennen auf Hightech-Material. Carbonfasern reduzieren je nach Größe der Schlitten deren Gewicht auf zehn Kilogramm, Lenksysteme und bewegliche Rahmenkonstruktion ermöglichen ein Fahrgefühl ähnlich dem Skifahren. Der Musher, der Fahrer des Gespanns, neigt mit seinem Oberkörper den Halterahmen in die Kurven, die Kufen kanten, Schnee stiebt, und die Hunde ziehen aus der Kurve.

Snowy: Der Junghund muss zuschauen, sein Körper hält den Belastungen noch nicht stand. Stake-out: Hier leben Mensch und Tier auf engem Raum.

Während der rasanten Fahrt steht der Musher ohne feste Verbindung auf den schmalen Kufen, hält sich lediglich mit den Händen am Lenker fest, und die Schuhe suchen auf Noppen nach Halt. Noch indirekter ist der Kontakt zu den Hunden: Da ist keine Leine, an der man ziehen könnte. Die Zugseile sind am Schlitten befestigt, die Hunde werden einzig über das Wort dirigiert. Gee nach rechts, Haw nach links, Whuuuu für stopp.

Ein Rudel im Rausch: Die Tiere laufen und ziehen mit aller Kraft, auch über die eigenen Grenzen hinaus.

Die Befehle müssen laut gerufen werden, denn die Leithunde laufen ganz vorn an der Spitze. Sie sind es, welche die Befehle umsetzen, denen der Rest des Gespanns folgt. Außer seinem Wort hat der Musher nur noch die Bremsen zur Einflussnahme. Die Bremsmatte als dezentes kontinuierliches Verzögerungsmittel wenn es bergab geht, zusätzlich die Krallen, wenn schärfer gebremst werden muss, und die Schneeanker, um den Schlitten im Schnee zu fixieren, wenn eingespannt wird oder er sein Gefährt verlassen muss. Das dosierte Maß des Bremsens ist essentiell und hohe Kunst, denn die Steuerung des Schlittens funktioniert nur auf Zug. Ein Anfänger, der meint „Ich fahr einfach mal“, kommt nur bis zur ersten Kurve. Und doch hat der Schlitten nicht oberste Priorität, wenngleich das optimale Wachs für die Kufen je nach Schneebeschaffenheit rennentscheidend sein kann.

Tempomacher: In kurzen Rennen können Gespanne eine Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 30 km/h erreichen. Aufgekantet: Der moderne Rennschlitten ermöglicht rasante Schräglage. Detailverliebt: Italienischer Teilnehmer am Rennen, 17 Nationen sind in Inzell vertreten.

Das Wichtigste sind die Hunde. Ihnen gelten Fürsorge und Training, in sie investiert der Musher Zeit und Herzblut. Mensch und Rudel bilden eine Einheit. Im Stake-out, dem Fahrerlager, lebt der Musher mit seinen Hunden, auch wenn das luxuriöse Hotel nur ein paar Meter entfernt liegt. Ernährung, Bewegung, Beschäftigung, Bindungsarbeit, solche Dinge funktionieren nicht auf Distanz. Die Sorge um das Wohl der Tiere ist allgegenwärtig.

Während der diesjährigen Europameisterschaft in Inzell liegen die Temperaturen im oberen einstelligen Bereich. Das ist zu warm für die Hunde. Kurzerhand werden die Strecken verkürzt.

Sicherheitstechnik: Der Schlittensack, falls ein Hund entkräftet ist. Bremstechnik: Matte, Krallenbügel und Schneeanker. Wachs: Optimale Pflege der Kufen lässt den Schlitten laufen. Zugtechnik: Verschiedene Seile verbinden Gespann und Schlitten.

Mancher Hund wird vorher schon mit Wasser gekühlt, auch nach dem Rennen ist blitzschnelle Versorgung oberstes Gebot. Rennt das Rudel, dann ist es wie in einem Rausch. Die Tiere laufen und ziehen mit aller Kraft, auch über die eigenen Grenzen hinaus. Rennen liegt den Schlittenhunden in den Genen, es ist ihre Natur. Man sieht und hört es, als sie kurz vor dem Wettbewerb ins Geschirr kommen, eingespannt und in die Startaufstellung geführt werden. Sie sind kaum zu bändigen, das freudige und aufgeregte Bellen und Heulen ist ohrenbetäubend. Wenn endlich das „Go“ kommt, stehen in ihren Augen die unbändige Lust an der eigenen Kraft und die Freude an dem, was sie tun. Sie folgen ihrer Bestimmung. Das macht die eigentliche Faszination aus, und die spiegelt sich in den Gesichtern der Zuschauer. Lächeln und Freude überall. Der Schlitten und seine Technik sind fortan Nebensache. Es geht um die Kraft und Schönheit der Tiere und um die Macht ihrer Instinkte. Der Mensch respektiert und genießt.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 13.02.2017 13:43 Uhr