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Schallschutzhalle in Zürich : Der Höllenlärm bleibt drinnen

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Nur die Ruhe: Züricher Schallschutzhalle mit Umlenkwand und Lamellen für die Luftzufuhr Bild: Flughafengesellschaft

Volle Dröhnung am Boden: Triebwerke von Flugzeugen müssen getestet werden. Die dabei erzeugte Lautstärke ist enorm. Eine neue Schallschutzhalle sorgt in Zürich jetzt für relative Ruhe.

          Auf dem Flughafen in Zürich geben Triebwerke vollen Schub - und trotzdem bleiben die Flugzeuge am Boden. Dabei wird der ohrenbetäubende Lärm weitgehend eingefangen - und dennoch bekommen die Turbinen genug Luft. Wenn Triebwerke der Jets bei Standläufen getestet werden, ist, wie die Flughafen Zürich AG beteuert, in der Nachbarschaft nur ein dem Rauschen von Regen vergleichbares Geräusch zu hören. Möglich macht dies eine im Juni eröffnete Schallschutzhalle.

          Nach einer Wartung müssen Techniker die Funktionsfähigkeit von Flugzeugtriebwerken am Boden in vollem Betrieb überprüfen. Dem dabei entstehenden Lärm nahmen in Zürich seit 1972 sogenannte Muffler die Spitze. Bei diesen Schalldämpfern handelte es sich um am Ende der Turbinen aufgestellte Röhren, die einen Teil des Krachs nach oben ableiteten. Doch bei modernen Triebwerken funktionieren Muffler nicht mehr, weshalb der Flughafen Zürich 2012 einen provisorischen Schallschutz aus u-förmig aufgebauten Wänden in Betrieb nahm.

          Für den weiteren Schallschutz sorgt die Verpackung

          Auch in der neuen Schallschutzhalle gibt es auf der Rückseite eine 16 Meter hohe Umlenkwand, die den Lärm mit den Abgasen durch einen Spalt im Dach himmelwärts leitet. Da der Lärm trotzdem streut, wurde die Rückseite des Baus zur Hauptwindrichtung hin ausgerichtet. Für weiteren Schallschutz sorgt die Verpackung: Seitenwände, Dach und Rückwand wurden im Inneren mit Lochblechkassetten schallabsorbierend verkleidet.

          Gleichzeitig darf die Halle aber nicht dicht sein. „Denn die Triebwerke müssen trotzdem richtig mit Luft versorgt werden“, erklärt Beat Burkhard, einer der Projektleiter. Die Luft muss von vorn und frei von Turbulenzen zu den Turbinenschaufeln strömen. Dafür sorgen schallabsorbierende Lamellen in den zehn Meter dicken Hallentoren. Über die Schlitze dazwischen werden die Triebwerke mit Luft versorgt. „Das Ganze ist ein Kompromiss zwischen Aerodynamik und Akustik“, sagt Burkhard. Immerhin saugt ein einziges Triebwerk bis zu 1200 Kubikmeter Luft je Sekunde an. Die den Luftstrom leitenden Lamellen sitzen in zwei 55 Meter langen Schwenktoren mit jeweils etwa 550 Tonnen Gewicht. Bewegt werden diese Schwergewichte mit auf Stahlschienen rollenden Walzen.

          Den Verlauf von Luftströmungen und die Lärmemissionen in derartigen Hallen hatten die Ingenieure des Büros WTM Engineers (Hamburg) einst an Modellen in Windkanälen testen lassen und in Simulationen berechnet. Anschließend entstand auf dem Flughafen in Hamburg-Fuhlsbüttel 2001 die erste geschlossene Lärmschutzhalle der Welt. 2008 folgte eine von WTM entworfene Halle mit verändertem Konzept in Leipzig: Hier lässt sich zum Hineinrollen der Flugzeuge die Rückwand öffnen, die Lamellen vorn sind fest montiert.

          Atemtechnik: Lamellen in den zehn Meter starken Hallentoren

          Die Standortbedingungen ermöglichten in Leipzig diese preiswertere Halle mit verkürztem Dach, berichtet Thomas J. Meyer von der LSB Gesellschaft für Lärmschutz in Hamburg. Er hatte die akustische Fachplanung für die Hallen in Hamburg und Leipzig übernommen und zuvor die halboffenen Hallen für die Flugplätze Berlin-Tegel (1978 in Betrieb), Düsseldorf (1990) und München (1993) sowie den Lärmschutz-Oldtimer, einen 1964 in Hamburg in Betrieb genommenen Bau, projektiert. Doch die heutigen Mantelstromtriebwerke reagieren empfindlich auf Seitenwind. Deshalb wurden geschlossene Hallen immer wichtiger, deren Lamellen für eine geregelte Zuluft sorgen.

          Für den Schweizer Flughafen verbesserten die Ingenieure von WTM und Suisseplan (Zürich) das für Hamburg entwickelte Konzept von 2001: Im Vergleich dazu ist die Umlenkwand der Züricher Halle höher und das Dach weitgehend geschlossen. Denn in Hamburg ließ man für das Seitenleitwerk des Flugzeugs einen Schlitz im Dach, der nur partiell mit Klappen geschlossen wird. In Zürich gibt es stattdessen eine geschlossene Haube. Außerdem ist nach Angaben Burkhards die Züricher Halle größer, stützenfrei und hat eine aufwendigere Haustechnik mit einem besser ausgestatteten Kontrollraum.

          Fünf Unternehmen nutzen die Schallschutzhalle

          Vor allem fünf Unternehmen nutzen die Schallschutzhalle in Zürich. Während die Nachbarn ihre Ruhe haben, braucht der im Cockpit sitzende Techniker starke Nerven, auch wenn die Flugzeuge mit kräftigen Bremsschuhen festgehalten werden: Denn er muss voll Schub geben, obwohl er unmittelbar vor geschlossenen Toren steht. Dabei erzeugen die Triebwerke einen gewaltigen Rückstoß und ohrenbetäubenden Krach. So werden in der Halle etwa 150 Dezibel Lärm erzeugt. Draußen, in wenigen hundert Meter Entfernung, kommen nur noch höchstens 60 Dezibel an. Der Unterschied ist enorm, auch weil der Mensch eine Verringerung um zehn Dezibel als Halbierung der Lautstärke wahrnimmt. Die in Zürich festgesetzten Lärmlimits hatten die Anwohner mit ihren Kommunen in langen Diskussionen durchgesetzt. Die Menge wird erstmals über in der Halle installierte Mikrofone gemessen. Und wenn eine bestimmte Grenze erreicht ist, sind Tests nur noch in Notsituationen erlaubt. Doch bis zu den Limits sind sie nun auch nachts möglich.

          Der Bau bietet drinnen einen 111 Meter langen und 78 Meter breiten Raum. Damit haben dort Flugzeuge bis zur Größe einer Boeing 747-8 Platz. Dach und Wände werden von einem außen liegenden Stahlfachwerk getragen. Für den stabilen Stand des gesamten Bauwerks sorgen etwa 42 Meter in die Tiefe reichende Betonpfähle.

          Bei diesem etwa 25,5 Millionen Euro teuren Bau hat allein die Funktion die Gestaltung bestimmt. Gerade deshalb ist Beat Burkhard davon fasziniert: „Es geht nicht um Schönheit, es geht nur um den einen Zweck: viel Luft rein und wenig Lärm raus.“ Und trotzdem sei ein ästhetisch ansprechendes Bauwerk entstanden.

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