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Sandvorspülung auf Sylt : Eine Million Kubikmeter Sand retten

  • -Aktualisiert am

Abgerutscht: Diese Aussichtsplattform auf Hörnum war auf Sand gebaut Bild: dpa

Auf Sylt werden abgetragene Dünen wieder aufgefüllt. Schiffe und Bagger sind auf 24 Kilometer Küstenlänge im Einsatz. „Sandvorspülung“ heißt das jahrzehnte alte Verfahren.

          Sturm und Meer nagen in Sylt an Stränden und Dünen. Bis zu einer Million Kubikmeter Sand tragen die Wellen Jahr für Jahr von der Nordseeinsel ab. Besonders schlimm sind die Folgen von Sturmfluten, wenn die Wellen mit größter Gewalt auf den Strand auflaufen. Auch die Nikolaus-Sturmflut 2013 hat tiefe Narben auf Sylt hinterlassen. Damit das Land nicht verschwindet, spült man seit mehr als 40 Jahren Nordseesand in aufwendigen Verfahren an.

          Die jüngste Kartierung der Sturmflutschäden durch den Landesbetrieb Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein ist deutlich: Auf 24 Kilometer Küstenlänge gab es Dünenabbrüche, davon fast zehn Kilometer schwere Schäden im Vordünenbereich und mehr als zwei Kilometer schwere Schäden an Randdünen und Kliffs. Allein in Hörnum ist die Abbruchkante der westlichen Düne um bis zu 40 Meter zurückgegangen. Auch auf den Ostfriesischen Inseln hat Xaver einige Strände, die für den Küstenschutz von großer Bedeutung sind, fast komplett weggespült. Besonders hart traf es Juist, wo eine Dünenkette auf 1000 Meter Länge schwer beschädigt wurde.

          Man lässt sich den Landraub nicht so einfach gefallen

          Doch an der Nordseeküste lässt man sich den Landraub nicht so einfach gefallen. Wenn im Frühling die Sturmflutsaison zu Ende geht, rücken auf Sylt und anderen Inseln die Baggerschiffe und Bulldozer an, um wieder frischen Sand an die Westküste der Insel zu schaffen. „Sandvorspülung“ heißt das Verfahren, das sich nach der Sturmflut im vergangenen Jahr bezahlt gemacht hat: Es habe zwar erhebliche Umlagerungen von Sand auf den Inseln Sylt, Föhr, Amrum und der Düne Helgoland gegeben, sagt Arfst Hinrichsen vom Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz Schleswig-Holstein. „Durch die in der Vergangenheit durchgeführten Sandersatzmaßnahmen waren die Schäden jedoch überwiegend auf die künstlich geschaffenen Sanddepots der Vordünen beschränkt“.

          Die Vorspültechnik nutzt dasselbe Prinzip, mit denen das Meer den Sand zuvor vom Strand weggetragen hat: Die Mineralpartikel werden durch strömendes Wasser über längere Strecken transportiert. Statt natürlicher Meeresdünung verwenden die Strandsanierer allerdings große, auf Schiffen montierte Saugbaggeranlagen. Diese Schiffe pumpen weit vor der Küste ein Gemisch aus dem teilweise zuvor mechanisch vom Boden gelösten Sand und Salzwasser in ihre Tanks. Dabei setzt sich der Sand im Schiffsbauch ab, das Wasser läuft zurück ins Meer. Wenn das Baggerschiff mit rund 1800 Tonnen Sand vollbeladen ist, bringt es seine Fracht zur Küste.

          Für die klassische Sandvorspülung direkt auf den Strand wird der Sand nun wieder mit Wasser gemischt und durch einen Düker bis zu zwei Kilometer weit an Land gepumpt. Dort verteilt ein Rohrleitungssystem die breiige Masse zu den Punkten, an denen sie auf den Strand ausgespült wird. Die flächige Verteilung übernehmen schließlich Baumaschinen.

          Etwas einfacher gestaltet sich das Ausbringen der Sandfracht bei den sogenannten Vorlandaufspülungen unter Wasser. Dabei werden nicht die Strände selbst ertüchtigt, sondern direkt vor der Küste liegende Sandbänke ergänzt oder neu aufgebaut. Hierzu können die Schiffe den Sand entweder bei größeren Wassertiefen verklappen, oder das Gemisch aus Meerwasser und Sand wird in hohem Bogen über Bord gepumpt.

          Befestigungen aus Beton gegen den Landschwund

          Die Idee, dem Meer den Sand zu entreißen, ist nicht ganz neu: Buhnen gibt es schon seit mehr als 100 Jahren, sie sollen der Anlagerung von Sand dienen. Weil diese Maßnahme jedoch wenig effektiv ist, setzte man im 20. Jahrhundert auf Befestigungen aus Beton und die Sicherung der Küsten durch Tetrapoden. Gleichzeitig experimentierten die Küstenschützer mit dem maschinellen Aufspülen von Sand. Vorreiter in Deutschland war die Hochseeinsel Helgoland in den dreißiger Jahren, gefolgt von den Ost- und Nordfriesischen Inseln: Die Strände von Norderney wurden 1951 erstmals durch Sandaufspülungen ertüchtigt, auf Föhr war in den sechziger Jahren Premiere, auf Sylt wendet man das Verfahren seit 1972 an. Zunächst sollten die Sylter Strände von Hörnum über Westerland bis zum Ellenbogen in unregelmäßigen Abständen durch Sand vom Meeresboden ergänzt werden. Die zweite Vorspülung erfolgte deshalb erst 1978, die dritte wurde für 1983 festgelegt. Aber die Maßnahme zeigte derart durchschlagende Wirkung, dass seit 1983 die Baggerschiffe jedes Jahr anrücken.

          Von 1972 bis 2012 wurden insgesamt rund 42,5 Millionen Kubikmeter Sand auf den Sylter Strand gespült, und das soll auch in den kommenden Jahren so weitergehen: Im vergangenen Jahr hat das Land Schleswig-Holstein einen neuen Vierjahresvertrag mit dem dänischen Spezialunternehmen Rohde Nielsen über 23,3 Millionen Euro geschlossen. Vorgesehen ist, dass, abhängig von der Schwere der Sturmflutschäden, jährlich zwischen 800 000 und 1,3 Millionen Kubikmeter Sand vorgespült werden - entweder direkt auf den Strand oder als schützende Sandbank in das Gebiet vor der Küste. Für den Bereich der Hörnum-Odde auf Sylt, die im Dezember 2013 erheblich an Substanz verloren hat, ist der weitere Aufbau eines solchen Wellenbrechers aus Sand vorgesehen, damit die Energie der auf die Küste einwirkenden Energie verringert wird. Geschützt werden mit diesen Vorkehrungen nicht nur die in der Eiszeit entstandene Insel Sylt selbst, sondern auch das dahinterliegende Watt und die Küste. Denn die Funktion der Insel als Bollwerk gegen Wellen ist schon lange belegt. Verschwände Sylt zum Teil von der Landkarte, würden dort die Probleme wesentlich größer.

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