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Roboterwettbewerb : Galaktisch gute Girls

Licht Momente: Technik soll ja auch ansehnlich sein. Bild: Véronique Schlederer

Wie begeistert man Jugend für Technik? Ein französischer Lehrer in Frankfurt startete einen Roboterwettbewerb. 120 Schüler legten los.

          Wirtschaftliches Verständnis wird in den Schulen unzureichend vermittelt, in dem Befund sind sich wohl alle einig. Mit Technik verhält es sich leider oft nicht viel besser, Werken, wie das früher hieß, führt nur noch ein Schattendasein oder ist aus dem Unterrichtsplan ganz gestrichen. „In unserer Schule gibt es weder einen Werkraum noch Werkzeug. Die Schulleitung hat null Interesse daran“, beklagt ein fünfzehnjähriger Gymnasiast, der an diesem Frühsommertag in das französische Lycée Victor Hugo im Frankfurter Stadtteil Rödelheim gekommen ist. Denn dort hat sich ein Lehrer vorgenommen, etwas gegen Technikmüdigkeit und für interkulturelles Verständnis zu unternehmen. Christophe Bouvet unterrichtet Werken und hat den Wettbewerb „La Robotique“ ausgerufen. Die eigenen Klassen 6 bis 11 sollten sich beteiligen, aber auch alle anderen Gymnasien in und um Frankfurt waren eingeladen. Der Automobilzulieferer Continental sprang als Hauptsponsor bei.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Gekommen sind rund 120 Schüler, auch Grundschüler zum Zuschauen. Sechs Klassen machen mit, darunter ein vier Jungs umfassendes Informatik-Team des Georg-Büchner-Gymnasiums in Bad Vilbel, dessen wie ein Formel-1-Rennwagen mit Laptop zu startendes Hightech-Gerät rasch als Favorit gehandelt wird. Doch die anderen wollen sich natürlich nicht geschlagen geben. Zwei Dutzend Roboter warten auf ihre Chance. Manche Schüler hatten einige Tage in das Projekt gesteckt, andere mehrere Wochen. Bouvet war monatelang mit der Organisation beschäftigt. Seine Lehrer-Kollegen wissen von Momenten zu berichten, da er in den Klassenraum schritt, um noch rasch einen Hammer oder eine Zange zu holen. Die Exponate standen auf den Fensterbänken herum und in den Schränken, für Testläufe mussten die Flure herhalten. Entstanden sind Roboter nach festen technischen Rahmendaten mit individueller Note, sie tragen Namen wie „Schildkröte mit Schnauzbart“ oder „Interstellare Galaxie“.

          Intergalaktischer Streitwagen: der Sieger aus Frankfurt Bilderstrecke

          Die Aufgabe: Einen Roboter entwickeln und bauen, der in der Lage ist, in kürzester Zeit selbständig einen vorgeschriebenen Parcours zu bewältigen. Die Roboter müssen mit einem Gehäuse ausgestattet sein, dessen Gestaltung unter dem Motto „Die Eroberung des Weltraums“ steht. Für die beste Darbietung wird ein gesonderter Designpreis vergeben. Die Schülerinnen und Schüler treten in Teams zu je drei oder fünf Personen an, sie müssen ihre technischen Lösungen schlüssig präsentieren und dazu eine Dokumentation vorlegen. Die Roboter müssen selbst zusammengesetzt werden, dürfen nicht aus Bausätzen etwa von Lego oder Fischertechnik bestehen und höchstens 100 Euro kosten.

          Elektromotoren mit Batterie sorgen für Vortrieb, Fernbedienungen sind verboten. Die Jugendlichen haben also den Umgang mit Lötkolben, Schraubenzieher und Kabelbinder gelernt. Zum Ablesen der auf dem Boden verklebten Führungslinien müssen Licht- oder Infrarotsensoren verbaut werden. Ein Unterbrecherkontakt soll den Motor stoppen, wenn es gilt, aus voller Fahrt eine kleine Holztür aufzustoßen und direkt danach stehenzubleiben. Dass es sich lohnt, nicht zu viel Firlefanz zu verbauen, müssen einige leidvoll erfahren. An einem Roboter baumelt ein Stück Stoff herab und blockiert den Startknopf, an einem anderen fallen Kabel seitlich heraus und schleifen am Rad. Als sich an einem der Victor-Hugo-Roboter an der Startlinie der Stecker zum Ein-/Aus-Knopf löst, eilt Bouvet mit der Truppe kurzerhand zum Lötkolben, gemeinsam wird das Malheur ambulant behoben.

          Auch die Wahl der Reifen in Art und Größe will gut überlegt sein, denn nicht jeder Parcours stellt die gleichen Anforderungen. In erster Linie kommt es auf Schnelligkeit an. Doch wer am Ende über die Begrenzung hinausschießt, wird disqualifiziert. Und die Jury kennt keine Gnade. Ein Fehler bedeutet das Ende. Der Roboter der vierzehnjährigen Caroline fällt von einer ansteigenden Rampe, doch sie und ihr Team wollen das nicht auf sich sitzenlassen: „Wir wissen, wir sind ausgeschieden. Aber wir wollen beweisen, dass wir es schaffen“, rufen die Mädchen unter dem Applaus des Publikums. Tatsächlich krabbelt ihr Roboter dann die Steigung hoch und hält pflichtgemäß an der Ziellinie an, doch die Zeit ist viel zu langsam. Die jungen Technikerinnen hatten sich mit der Berechnung der Getriebeübersetzung vertan.

          In den Finalläufen geht es knapp zu, der schnellste Roboter folgt der aufgemalten Schlangenlinie in 31 Sekunden. Der Favorit aus Bad Vilbel übrigens hat im Halbfinale einen Aussetzer, verliert die Linie, sein Rechner hängt sich auf. Ganz wie in der Formel 1 eben. Die Jungs erobern am Ende Rang 3. Gewonnen hat Galaxie Interstellaire. Schnell, zuverlässig, solide. Gebaut von vier Mädchen der neunten Klasse.

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