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Modellbau extrem : Man klebt nur zweimal

Stolzes Schiff mit Schöhnheitsfehler: USS New Jersey, 1375 Teile auf 80 Zentimeter Länge. Leider ist gerade ein Hubschrauber umgekippt. Bild: Frank Röth

Base-Jumping, Wingsuit-Fliegen, Apnoe-Tauchen sind die Extremsportarten? Pah! Alles nichts gegen Modellbau im Grenzbereich. Wer dieser Beschäftigung nachgeht, ist bereit, vieles zu opfern.

          Der 12. November 2014 war ein nasser, kühler Herbsttag. Einer dieser trüben Tage, an denen es zwischen der Dämmerung am Morgen und der Dämmerung am Abend nicht richtig hell wird und man anfällig ist für sentimentale Schwingungen. Der 12. November war das Datum, an dem sich sein, wie soll man sagen, Klebenswandel zu verändern begann.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Als abends auf dem Heimweg von der Arbeit der Regen zulegte, hielt er mit seinem Fahrrad an. Während er die Regenjacke aus der Tasche kramte, fiel sein Blick ins erleuchtete Schaufenster eines Modellbauladens, an dem er schon unzählige Male achtlos vorbeigeradelt war. Da stand sie: „USS Missouri“, Maßstab 1:200, 1500 Teile, Marke Trumpeter, Länge anderthalb Meter, 289 Euro. Donnerwetter, dachte er und radelte weiter.

          Dass es so große, so teure Plastikbausätze gibt, hatte er nicht gewusst. Und von Trumpeter hatte er nie gehört.

          In Gedanken immer bei der „USS Missouri“

          Aus seiner Erinnerung tauchten die Namen Revell und Airfix auf. Wie der Kurti, der Manni, der Ralle und fast alle Jungs, die er kannte, hatte er in seiner Jugend das eine oder andere zusammengeklebt und bemalt: Me-109 und Stuka, MiG und Phantom, Flying Fortress, Richthofens Dreidecker, eine spanische Galeone, den Flugzeugträger „Enterprise“. Auch einen Starfighter.

          Ganz am Anfang: Das Kleben ist eine Wundertüte. Bilderstrecke

          Der Starfighter hing am Faden unter der Decke seines Zimmers, bis er abstürzte. Dann war die Modellbauphase auch schon zu Ende und vergessen. Andere Dinge, die mit M anfangen, begannen ihn mehr zu interessieren: Mopeds, Mädchen, Musik, mit wechselndem Schwerpunkt.

          Nun ging ihm merkwürdigerweise die Anderhalbmeter-Missouri nicht mehr aus dem Kopf. Mehrmals in den folgenden Wochen stoppte er sein Fahrrad vorm Schaufenster, für 20 bis 30 Sekunden. Der Riesenkarton stand fest an seinem Ort. Er fragte sich, ob das Schiff nur auf ihn warte, ob er womöglich den Schlüssel entdeckt habe, der ihm einen Weg zurück in seine Jugend öffnen könnte.

          Mit Revell zu sich selbst kommen

          Er überlegte: Sollte er - rein theoretisch - jemals wieder einen Modellbausatz anfassen, dann müsste der möglichst groß, detailreich und kompliziert sein. Wenn schon, denn schon.

          Allmählich begann er Gedanken zu formen für eine späte, spektakuläre Krönung seines vier Jahrzehnte lang unterbrochenen Modellbauschaffens. Mit einem Projekt vom Kaliber Missouri.

          Aber Trumpeter, aus China offenbar, kam nicht in Frage. Nostalgische Gründe sprachen für Revell. Der schönste Moment war damals immer jener gewesen, wenn er die frisch gekaufte Schachtel mit dem Bausatz nach Hause getragen hatte, sie auf den Tisch legte, öffnete und zum ersten Mal auf die frischen Teile in ihren Spritzgussrahmen blickte. Er sah noch die Farbtöpfchen vor sich und malte sich aus, wie er beim gemütlichen Basteln die Hast des Erwachsenendaseins abstreifen und zu seiner inneren Ruhe zurückfinden werde. Ganz analog.

          Schnell wird man für bekloppt gehalten

          Im Sortiment von Revell entdeckte er die „USS New Jersey“, Schwesterschiff der „Missouri“. Kleiner zwar, weil Maßstab 1:350, nur 0,8 Meter lang, aber „Platinum Edition“, Schwierigkeitsstufe 5, die höchste von allen, „sehr anspruchsvoll“, 1375 Teile, 100 Euro. „Die New Jersey war eines der größten Schlachtschiffe der Welt. Das zur Iowa-Klasse gehörende Schiff verfügte über eine ideale Kombination aus Feuerkraft und hoher Geschwindigkeit und war damit lange Zeit ein gefürchteter Gegner“, las er und dachte: Genau richtig!

          „Auch noch so ein komisches Kriegsschiff!“ Die Gattin verdrehte die Augen. Damit hatte er gerechnet. Er benötigte einen Platz, an dem er ungestört agieren konnte, daher musste die Sache besprochen werden. Die Söhne grinsten. Man hielt ihn für beknackt, das sagte zwar keiner, aber er spürte es. Immerhin wurde ihm der Schreibtisch hinten im Gästezimmer zur Nutzung überlassen.

          Am 13. Dezember 2014, einem Samstag, machte er sich ans Werk, zur Zeit der Sportschau. Die Prioritäten wurden neu gesetzt. Als er den Deckel des großen Kartons zum ersten Mal hob, war ihm tatsächlich, als werfe er einen Blick in seine Vergangenheit. Hellgraue Spritzgussteile, die darauf warteten, mit scharfer Klinge aus dem Rahmen gelöst zu werden, bunte Abziehbilder, gezeichnete Anleitung - kein Hinweis zum Download im Internet, sondern so richtig zum Anfassen auf Papier. Wie früher.

          Schwierigkeitsstufe 5 ist auch tatsächlich Schwierigkeitsstufe 5

          Aber da war, anders als früher, noch mehr: selbstklebendes Holzdeck, Geschützrohre massiv aus Messing, feingliedrige Ankerkette. Wow, jubelte er, Platinum Edition! Was ihm dann einen kleinen Schock versetzte, war der Anblick Hunderter Fotoätzteilchen aus Metall. Vieles war nicht größer als ein Mückenflügel, ein Fliegenbein. Mit einem Mal wurde ihm klar, was unter Schwierigkeitsstufe 5 zu verstehen ist. Er hatte unterschätzt, was „sehr anspruchsvoll“ bedeutet. Hatte zu wenig Respekt vor der hohen Schule des Modellbaus gehabt.

          Er stülpte den Deckel wieder über den Kasten, stellte ihn in die Ecke und ging Sportschau gucken. Tage verstrichen, an denen er gelegentlich die Schachtel öffnete, kurz hineinschaute und ihn gleich wieder schloss. Warum sollte er sich das antun? Weihnachten nahte. Schließlich las er nach, wie lange der Bau des Originals gedauert hatte: zweieinhalb Jahre, von September 1940 bis Mai 1943. Es wäre eine Schande, grübelte er, wenn er länger brauchen würde, breitete Zeitungspapier aus auf dem Schreibtisch hinten im Gästezimmer und beschloss, die Sache durchzuziehen.

          Ein beeindruckendes Werk wollte er schaffen, perfekte Arbeit, wenngleich ihm niemand einfiel, den er mit einem Schlachtschiff-Modell beeindrucken könnte. Die Gattin jedenfalls nicht.

          Modellbau für Profis

          Am Heiligen Abend war er, während im Wohnzimmer die Krippe aufgebaut wurde, mit den Hauptgeschützen beschäftigt. Nach dem Bemalen des Rumpfs war das Bauabschnitt Nummer eins. Erste Metallteilchen kamen ins Spiel, er musste die gute Pinzette aus dem Kulturbeutel der Gattin konfiszieren und lernen, Filigranteile zu greifen, vorschriftsmäßig zu falten, ohne sie zu zerquetschen. Mitunter atmete er aus Versehen eins vom Tisch. Gern hüpften die Fotoätzteile beim Heraustrennen davon. Dann kroch er mit Lupe und Taschenlampe durchs Zimmer, manches fand sich nie wieder.

          Er fühlte sich etwas eingerostet, was seine Bastelgeschicklichkeit betraf. Der Vorsatz, stets mit Geduld und Gelassenheit an knifflige Aufgaben heranzugehen, schlug in hektische Verzweiflung um, wenn Finger, Pinzette und Bauteil verklebten. Den ersten echten Ausraster vernahm die Nachbarschaft beim Umkippen des Gold-Farbtopfs. Mit Hilfe eines Espressolöffels rettete er gerade genug, dass es für die vier Schiffsschrauben reichte.

          Die Ausdünstungen des Sekundenklebers brannten in den Augen und vernebelten die Nasennebenhöhlen. Er musste das Fenster öffnen, bekam kalte Füße und holte aus dem Keller Mutters ausrangierten Heizlüfter, ein stromfressendes Monster. Die Dosierung des Klebers machte ihm zu schaffen. Er experimentierte mit Zahnstochern, schnitzte sich Zündhölzer zurecht, um halbierte Tröpfchen nochmals halbieren und punktgenau an die richtige Stelle zittern zu können. Das hier war eindeutig die Champions League.

          Der Jahreswechsel brachte neue Härten

          Die Sache mit den Kanonen zog sich über Weihnachten hin. Als er den Punkt erreichte, an dem die Plastik-Geschützrohre abgesägt und in einer aufwendigen Operation mittels Akkubohrer und Sekundenkleber durch solche aus Metall ersetzt werden sollten, widersetzte er sich dem Bauplan. Es war klar, dass er sich damit zu diesem frühen Zeitpunkt durch Schummeln aus dem Kreis ernstzunehmender Bastler, deren Kunst er gelegentlich im Internet betrachtete, verabschiedete.

          Doch unterkriegen ließ er sich nicht, tauchte immer wieder für Stunden ab in seinen kleinen Klebekosmos. Er bastelte und bastelte. Er gewann an Klebenserfahrung, begann es zu genießen, das geradezu meditative Werkeln hinten im Gästezimmer, wo der Lüfter brummte. Ein Frühstücksbrett diente als Schneideunterlage. Küchenmesser, Taschenmesser, Zangen, ein gutes Dutzend Farbtöpfe, ein umfangreiches Pinsel-Sortiment im Apfelmusglas, Bleistifte, Bohrer, Schleif-, Lösch- und Küchenpapier, Wäscheklammern zum Fixieren, ausgespülte Yoghurtbecher zum Wassern der Abziehbilder sammelten sich auf der Baustelle. Am Jahreswechsel klebte er das Deck auf den Rumpf, und es ging an die Aufbauten. Von da an wurde es wirklich schwierig.

          Modellbau war kein guter Ausgleichssport zur Büroarbeit, seine Fitness litt ein wenig. Oft bedauerte er, dass die Evolution den Menschen mit nur zwei Händen ausgestattet hat. Je komplexer und feingliedriger das Gebilde wurde, desto öfter riss er beim Anbringen eines Teils versehentlich ein anderes ab. Er baute und reparierte simultan. Es gab Arbeitsschritte, bei denen er sich vorkam wie ein Baggerfahrer, der mit seiner Schaufel von außen durchs geöffnete Küchenfenster den Geschirrspüler ausräumen und Messer und Gabeln einzeln in die Besteckschublade sortieren soll. Kaum ein Plastikteil, das nicht mühsam entgratet und nachbearbeitet werden musste. Wurde mal wieder Unmögliches verlangt, verfluchte er die Revell-Konstrukteure sowie alle, die ihm das eingebrockt hatten. Wobei ihm bei näherem Nachdenken niemand einfiel.

          „Klebe wohl“

          Man hatte ihn vor den Metallteilchen gewarnt. Es kam vor, dass er eine Viertelstunde fast reglos vor dem Tisch hockte, vor sich hin starrte und die nächsten Schritte überlegte. Hin und wieder trat ein Sohn ins Zimmer, schaute ihm kurz über die Schulter, schüttelte den Kopf und sagte: „Für mich wär’ das nichts.“

          Ostern ging vorbei, es wurde Frühling, er bastelte. Das Kleben verlief in geordneten Bahnen. Die erhoffte entspannende Wirkung stellte sich umso öfter ein, je höher sein Klebensstandard wurde. Ist das Kleben nicht schön?, sagte er sich dann, in sein Tun vertieft. Riss er eine weitere Hülle mit Bauteilen auf, begann ein neuer Klebensabschnitt. Kleben und kleben lassen, ging es ihm durch den Kopf. Auf dem Weg zu einer kurzen Dienstreise verstörte er die Gattin mit den Worten: „Klebe wohl.“ „Klebt denn der alte Holzmichel noch?“, summte er eines Abends. Da wurde ihm bewusst, dass er eine Pause brauchte.

          Tatsächlich fühlte er sich den Sommer über ein wenig klebensmüde, ließ die Baustelle wochenlang ruhen. Aber er merkte: Er hing am Kleben, empfand das Basteln als ungemein friedliche Beschäftigung, auch wenn es um ein Kriegsschiff ging. Eines Nachts träumte er, seine New Jersey sei in einem Seegefecht versenkt worden. Sie war chancenlos, weil er die falschen Kanonenrohre eingebaut hatte. Die Missouri war in der Nähe, hätte eingreifen und helfen können, signalisierte aber nur: „Selber schuld.“ In einem anderen Traum sah er seinen eigenen Grabstein mit der Inschrift: „Erbauer der USS New Jersey.“

          Der schlimmste Traum aber war jener, in dem die Blondine am Tresen der Bar ihm vor allen Leuten eine knallte, nachdem er gefragt hatte, ob er ihr mal sein Schlachtschiff zeigen dürfe.

          Die Missouri wird wohl ein Traum bleiben

          Es war ihm klar: Niemand werde jemals angemessen würdigen, welche Mühe er sich gemacht hatte. Damit musste er in Zukunft leben. Je weiter der Bau voranschritt, je näher der Tag der Fertigstellung rückte, desto eindringlicher konfrontierte die Gattin ihn mit der Frage: „Wo soll das Ding eigentlich mal hin?“ Der Tonfall signalisierte, dass sie genaueste Vorstellungen hatte, wohin das Ding alles nicht hinkommen werde. Er hingegen fand, dass sein panzergraues Schiff mit den drehbaren Geschütztürmen, den Startrampen für Tomahawk-Marschflugkörper, Harpoon-Lenkwaffen, Phalanx-Gatling-Geschützen sowie den beiden Sea-Hawk-Helikoptern, die allein ihn ein paar Tage beschäftigt hatten, einen Platz im Wohnzimmer verdiene. Als weitere Möglichkeit zog er in Betracht, auf den großen Weiher des Ostparks hinauszurudern, zu salutieren und die New Jersey feierlich zu versenken. Das hätte Stil, fand er. Historisch korrekt wäre es nicht. Denn das Original, 1991 außer Dienst gestellt, existiert ja noch, als Museumsschiff.

          Nach fast genau einem Jahr war der Bau beendet. Auf dem Heimweg von der Arbeit stoppte er sein Fahrrad mal wieder vor dem Schaufenster. Es regnete wie damals, doch die Missouri war weg. Nicht nur das, das ganze Geschäft war verschwunden, der Laden stand leer. „Zur Vermietung.“ Das gab ihm einen kleinen Stich ins Herz. Vielleicht hätte er den großen Kasten rechtzeitig kaufen und aufheben sollen. Für den Klebensabend.

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