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Reparaturarbeiten : Fliegender Drahtseilakt unter Hochspannung

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Zwischen 2002 und 2005 wurde deshalb eine spezielle Vogelschutzmarkierung für Erdseile entwickelt, die seither mit dem Hubschrauber montiert wird. Die Markierung besteht aus einem Metallbügel, an dessen Querstrebe schwarze und weiße Kunststoffstreifen beweglich aufgehängt sind. Befestigt werden die Markierungen mit kurzen Reparaturspiralen.

Während die Aufrüstung der ornithologisch kritischen Netzabschnitte nach einem langfristigen Plan abläuft, muss bei den Reparaturen schneller reagiert werden. Denn gerade moderne Erdseile, die im Kern einen Lichtwellenleiter als Datenleitung tragen, neigen bei Beschädigung dazu, dass sich die äußere Drahtschicht auf mehrere Meter lockert. In solchen Fällen kommt nach den Worten von Michael Wahl die Flexibilität und Geschwindigkeit der Hubschrauber-Montage voll zum Tragen. Denn klassische Reparaturverfahren vom Boden aus verlangen bei Hoch- und Höchstspannungsleitungen fast immer einen hohen Aufwand an Personal, Maschinen und Zeit.

Deutlich wird das zum Beispiel bei der Lösung, das Seil über mehrere Spannfelder hinweg (so heißt der Abschnitt zwischen zwei Masten) zu lockern und die beschädigte Stelle zum Boden zu lassen. Diese Methode ist aufwendig und verlangt die Abschaltung der Phasenseile, was gerade bei Hauptleitungen im europäischen Netz nur schwer möglich ist. Aus dem Hubschrauber heraus kann die Arbeit dagegen auch erledigt werden, wenn die Phasenseile unter Spannung stehen, solange sie mindestens zehn Meter vom Helikopter entfernt sind.

Geringer Einfluss auf Netzbetrieb und Umwelt

Schwierig ist auch der Einsatz von Großkränen oder Hubsteigern zur Reparatur von Schadstellen: Hier stellt das oft unwegsame Gelände, durch das Freileitungen verlaufen, die größte Herausforderung dar. Im schlechtesten Fall, erklärt Wahl, müssten die Energieversorger eine temporäre Zufahrt bauen, nach der Reparatur wieder abbauen und schließlich die entstandenen Flurschäden beheben. Im Vergleich zu solchen Manövern ist der Einsatz des Helikopters eine zielsichere Arbeitsweise, die geringen Einfluss auf Netzbetrieb und Umwelt nimmt. Das schlägt sich auch in den Kosten nieder, die trotz des teuren Arbeitsgeräts Hubschrauber um bis zu zwei Drittel niedriger liegen als bei konventionellen Verfahren.

Zurzeit kümmert sich Rolf Zander zusammen mit den beiden RWE-Kollegen Christian Johann und Thomas Schlechtriem um die Reparaturen, Rotorflug setzt Roland Mühl und Uwe Knust als Piloten ein. Die Freileitungsmonteure und Elektromeister haben eine Zusatzausbildung für die Arbeit im Helikopter absolviert, und die Berufspiloten sind ebenso für den Umgang mit der Hochspannungsanlage geschult worden. Des erhöhten Risikos der Arbeit sind sich alle Mitglieder des Teams bewusst. Deshalb geht Zander auch keine Kompromisse ein, wenn die Bedingungen für die Arbeit am Seil kritisch erscheinen: „Bei allen Einsätzen gilt: Kein Akkorddruck, die Sicherheit steht an oberster Stelle.“

Geschraubt wird nur noch, wenn das Seil tatsächlich repariert werden muss

Bisher führen die fliegenden Hochspannungsmonteure in ihrem eigenen Netz, das rund 8000 Kilometer Erdseil umfasst, durchschnittlich knapp 100 Reparaturen im Jahr aus. Rund 75 Prozent der Schäden gehen dabei auf Blitzeinschläge, der Rest entsteht zum größten Teil durch den Beschuss mit Gewehren. Dieser ballistische Vandalismus ist für die Netzbetreiber dann besonders ärgerlich, wenn die Schützen auf die großen Fliegerwarnkugeln zielen. Wird eine der Blechspähren getroffen, ließ sich früher nur durch Demontage prüfen, ob auch das Seil im Innern vom Projektil gestreift wurde. Das erledigen die Männer im Hubschrauber heute mit einem Endoskop, das durch eine Entwässerungsöffnung eingeführt wird und die schnelle Überprüfung des Seils erlaubt. Geschraubt wird heute nur noch, wenn das Seil tatsächlich repariert werden muss.

Rotorflug und RWE haben mit dieser weiterentwickelten Form der Erdseilreparatur aus dem Hubschrauber eine innovative Lösung gefunden, die bisher so erst einmal umgesetzt worden ist. Im Alltag der Wartung von Hoch- und Höchstspannungs-Freileitungen spielen Helikopter jedoch längst auf breiter Basis eine wichtige Rolle. Das betrifft vor allem die Streckenkontrolle aus der Luft mit kleinen Hubschraubern. Helikopter werden aber auch mit an Seilen hängenden großen Motorsägen eingesetzt, um Bäume seitlich von Hochspannungstrassen zurückzuschneiden.

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