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Renaissance des Textilbandes : Wie James Bond in Goldfinger

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Schlicht und irgendwie doch martialisch: Das Stoffarmband an der Tudor wirkt. Kein Wunder, schon James Bond trug Rolex am Textilband. Bild: Hersteller

In den siebziger Jahren waren Textilbänder für Uhren überaus beliebt. Heute schmücken sie teure mechanische Zeitmesser. Tudor hat maßgeblich an der Renaissance des Nato-Bandes mitgewirkt.

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          Wir waren jung und hatten kein Geld. Zumindest keine 50 Mark, um das abgenutzte und schon etwas müffelnde Lederarmband an der Konfirmationsuhr gleichwertig zu ersetzen. Also gingen wir ins Uhrenfachgeschäft und holten uns für einen Zehner ein Nato-Band, das so bezeichnet wurde, weil auch Soldaten Bänder aus ballistischem Nylon nutzten. War ja auch viel cooler, in vielen Farben erhältlich und ließ sich bestens ans Handgelenk anpassen. Außerdem trug schon James Bond im Streifen „Goldfinger“ seine Rolex am Textilband. Wir waren also in bester Gesellschaft.

          Das gilt heute wieder, denn Tudor, die kleine Schwester von Rolex, hat die Renaissance des Textilbandes eingeläutet. 2013 wurde die Taucheruhr Heritage Black Bay mit zwei Bändern ausgeliefert - einem Rindleder- und einem Textilband. Der Heritage Black Bay (von 2420 Euro an) steht dieses in den Siebzigern weitverbreitete Bandmaterial ausgezeichnet.

          Obendrein ist es auch historisch halbwegs korrekt, erinnert diese Uhr doch an ein Tudor-Erfolgsmodell aus dem Jahr 1954, das bis in die Achtziger im Handel verfügbar war. In der Form orientiert sich die Neue tatsächlich am Vorbild, in den Dimensionen allerdings nicht. Damals hatten Herrenuhren Durchmesser zwischen 34 und 36 Millimeter, die 41 Millimeter der Heritage Black Bay sind ein Zugeständnis an den Zeitgeist.

          Nach eigenen Kriterien modifiziert, mit Schliffen veredelt

          Die modernisierte Replika geht auch nach der aktuellen Norm als Taucheruhr durch, schließlich ist sie bis 20 bar (200 Meter Wassertiefe) druckfest und verfügt über alle einschlägigen Features wie einseitig drehbaren Tauchring mit entsprechender Beschriftung und einen Leuchtpunkt im Markierungskeil bei null. Auch das mit Zeigern kontrastierende Zifferblatt sowie die Verwendung von reichlich Leuchtmasse auf Zeigern und Indexen gehören dazu. Bei ihrer ersten Vorstellung kam die Heritage Black Bay mit schwarzem Blatt und roter Lünette. Inzwischen gibt es auch eine farbliche Alternative, bei der Zifferblatt und Lünette in Blau gehalten sind.

          Farbenfroh: Stoff statt Edelstahl
          Farbenfroh: Stoff statt Edelstahl : Bild: Hersteller

          Angetrieben wird sie vom bewährten Automatikwerk ETA 2824-2, das allerdings in der eigenen Fabrik nochmals komplett zerlegt und nach eigenen Kriterien modifiziert, mit Schliffen veredelt und danach wieder zusammengebaut wird. In Genf wird dieses Prozedere gern als „Tudorisieren“ bezeichnet und selbstverständlich auch beim zweiten Tudor-Modell angewandt, das wir an dieser Stelle betrachten wollen.

          Unter dem geschraubten Stahlboden der Heritage Chrono Blue tickt ebenfalls ein veredeltes Großserienkaliber: Auf das Automatikwerk ETA 2892-A2 wurde ein Chronographen-Modul von Dubois Depraz aufgesetzt, schön dekoriert und mit einer mit Prince signierten Automatikbrücke samt Tudor-Rotor versehen. Eben tudorisiert. Zwei Hebel mit abgerundeten Köpfen sorgen für eine spielfreie Übertragung der Fingerkraft vom Drücker aufs Uhrwerk. Diese Kraftübertragung ermöglicht es auch, dass Krone und Drücker - alle verschraubbar - im Gehäuse auf einer Linie liegen. Normalerweise liegt bei Modulchronographen die Krone konstruktionsbedingt immer etwas unterhalb der Drücker. Im Original tickte übrigens das Handaufzugswerk Valjoux 234 mit Schaltradsteuerung. Keine Frage, diese Uhr kauft man nicht wegen ihrer uhrmacherischen Finesse, sondern weil sie einem gefällt.

          Die Qual der Bandwahl

          Wer die erfrischende Farbmischung aus Blau, Orange und Grau sieht, fühlt sich gedanklich an die glamouröse Côte d’Azur der Vergangenheit versetzt. Die Heritage Chrono Blue hat die bei Fans beliebte Referenz 7169 aus dem Jahr 1973 zum Vorbild, die sehr schnell den Beinamen „Montecarlo“ bekam. Wie die Black Bay ist auch die Chrono Blue keine 1:1-Kopie, sondern eine behutsame - und sehr gelungene - Annäherung an das Original. Sie transportiert das Lebensgefühl der Siebziger in die Neuzeit. Was natürlich auch am Band liegt. Das sehr robuste Textilband wird dem Vernehmen nach in derselben Weberei gefertigt, in der auch die Stoffe für die Roben der Ordensleute im Vatikan entstehen.

          Wir hatten ja schon erwähnt, dass wir in unserer Jugend unsere Uhren immer mal wieder mit einem neuen Textilband aufgebrezelt haben. Das ging ganz einfach, man schleifte es über die Bandstege und unter dem Boden durch, weshalb die Uhr am Handgelenk aber durchaus ins Rutschen geraten konnte. Das kann bei der Tudor nicht passieren. Zwar läuft das Band auch über den Boden, doch wurden im exakten Abstand kleine Tunnel für die Stege eingenäht, so dass die Uhr immer festen Halt hat.

          Im exakten Abstand wurden kleine Tunnel für die Stege eingenäht
          Im exakten Abstand wurden kleine Tunnel für die Stege eingenäht : Bild: Hersteller

          Bei der Tudor Heritage Chrono Blue hat der Käufer - bei entsprechenden handwerklichen Fähigkeiten oder einem fixen Uhrmacher - die Qual der Bandwahl, denn im Kaufpreis von 3570 Euro ist sowohl ein Stahlband mit Faltschließe enthalten als auch das gezeigte farbenfrohe Textilband. Und wer nicht gleich ein paar Tausender in die Hand nehmen will, um diese wirklich gelungenen Retro-Uhren zu erwerben, kann es auch machen wie wir früher. Denn für einen Zehner (Euro, nicht D-Mark) gibt es heute schon schicke Textilbänder im analogen und digitalen Handel.

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