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Reiserad Tout Terrain Silkroad : Getarnter Luxus

  • -Aktualisiert am

Reiserad Silkroad von Tout Terrain Bild: Alan Klee

Technische Finessen hinter Understatement: Das Radreise-Vehikel Tout Terrain Silkroad ist wendig, auch mit schwerem Gepäck. Für den Preis bekommt man aber auch schon einen gebrauchten Kleinwagen.

          2 Min.

          Ledergriffe, Leichtbaugetriebe, USB-Buchse – nein, die Rede ist nicht von einem Auto. Hydraulische Scheibenbremsen, mechanischer Lenkanschlag, robuste Speichenräder – es geht auch nicht um ein Motorrad. Straffer Sattel, Hybrid-Pedale, Diamantrahmen – ganz genau, wir haben es mit einem Fahrrad zu tun. Genauer gesagt mit einem Reiserad in klassisch-schlichtem British Racing Green, dessen Besonderheiten reichlich vorhanden, aber erst auf den zweiten Blick ersichtlich sind.

          Der in der Nähe von Freiburg beheimatete Hersteller Tout Terrain ist vor allem unter Globetrottern bekannt, denn die Südbadener bauen Fahrräder für gehobene Ansprüche und gut gefüllte Geldbeutel. Als Gegenleistung bekommt der Kunde ein Rad, das zwischen Alltag und Altai alles mitmacht.

          Das getestete Modell Silkroad ist so etwas wie die Krone der Reiserad-Schöpfung mit der schlichten Anmutung eines urbanen Trekking-Flitzers. Lediglich der robuste Edelstahl-Gepäckträger, der direkt verschweißt quasi Teil des Rahmens ist, deutet schon auf den ersten Blick die Expeditions-Eignung an.

          Rahmen und Gabel sind aus mehrfach konifizierten CrMo-Stahlrohren gefertigt. Die Materialwahl ist weniger dem stählernen Velo-Zeitgeist als vielmehr den guten Reparatur-Eigenschaften in sämtlichen Winkeln des Globus geschuldet. Gleiches gilt für die verwendeten 26-Zoll-Räder, deren Ersatzteil-Verfügbarkeit ebenfalls nahezu überall gegeben ist. Dank des Riemenantriebs und der 14-Gang-Rohloff-Getriebeschaltung kann der Radreisende Pflege und Wartung des Antriebs geflissentlich ignorieren. Erst nach 5000 Kilometern ist ein Ölwechsel der Speedhub-500/14-Getriebe-Nabe fällig. Für den seltenen Fall eines Riemenwechsels ist eine Rahmenöffnung an den Edelstahl-Ausfallenden vorgesehen. Die korrekte Spannung wird über das Exzenter-Tretlager eingestellt.

          Mit dem zunächst unnachgiebigen Brooks-Sattel Cambium C15 stellt sich wider Erwarten eine dauerhafte Gesäß-Sattel-Symbiose ein. Die Sitzposition erscheint als sinnvoller Kompromiss aus aufrecht-komfortabel und fahraktiv. An der gelungenen Ergonomie ist der Lenker maßgeblich beteiligt: ein kurios anmutender Doppelrohr-Blickfang, der dem Fahrer schon nach wenigen Metern schmeichelt, ihn jedoch erst auf langen Etappen vollends verwöhnt. Die Lenker-Enden des ungewöhnlichen Jones H-Bar sind um 45 Grad gekröpft und bieten in Kombination mit den kooperativ entwickelten Ergon-Brooks-Griffen einen ausgeklügelten Arbeitsplatz für Langstrecken-Connaisseure.

          Mit Lenkerband lassen sich darüber hinaus diverse weitere Griff-Optionen schaffen. Die eigens für Rohloff-Schaltungen entworfenen Cinq-Schalthebel ersetzen den serienmäßigen Drehgriff ergonomisch sinnvoll. Das Getriebe selbst gibt sich gewohnt unauffällig. Auch die mahlenden Speedhub-Geräusche, die durch die Verwendung aller drei Getriebestufen in den Gängen eins bis sieben entstehen, halten sich beim Test-Vehikel in Grenzen.

          XT-Bremsen von Shimano sorgen für Verzögerung

          Für ein Reiserad ist das Tout Terrain wendig. Schweres Gepäck am Edelstahl-Heckträger beeinträchtigt das Fahrverhalten kaum. Durch die dauerhafte Verbindung von Träger und Rahmen ist das Silkroad besonders verwindungssteif. In die Gabel integrierte Gewinde erlauben die zusätzliche Montage eines Vorderrad-Trägers. Bis zu 160 Kilogramm Systemgewicht verkraftet das Rad bedenkenlos. Und dank der hydraulischen XT-Bremsen von Shimano mit 180- respektive 160-Millimeter-Bremsscheiben ist selbst mit Übergepäck für die nötige Verzögerung gesorgt.

          Der SON-Nabendynamo speist außer der Supernova-Lichtanlage auch den Plug 5 Plus, einen ins Steuerrohr integrierten USB-Lader mit 1500 mAh Pufferspeicher. Muskelkraft sorgt somit für volle Akkus bei GPS, Kamera und Smartphone. Ein weiteres cleveres Detail ist die direkt über dem Steuersatz verbaute mechanische Lenkerblockierung samt Lenkanschlag, die einen Vorderradständer überflüssig macht. Geballtes Know-how von Reisenden für Reisende.

          Genau 5464 Euro wechseln für das Tout Terrain Silkroad in dieser Ausstattung den Besitzer, der dann bedenkenlos das Vorderrad gen Horizont ausrichten kann. Angesichts dieser Summe wird gerne der Auto-Vergleich bemüht, denn für das Geld kauft sich manch einer einen gebrauchten Kleinwagen. Doch wenn der als kompakter Würfel längst ausgedient hat, ist das Silkroad gerade mal gut eingefahren.

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