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Reifen-Recycling : Nach reiflicher Überlegung

Ein Haufen Arbeit: 20 Jahre lang hat ein Fahrradhändler in Freising gesammelt statt wegzuwerfen. Jetzt wird auch dieser Gummiberg recycelt. Bild: Schwalbe

Das Verbrennen soll ein Ende haben: Schwalbe meldet den großen Durchbruch und beginnt mit dem Recycling von Fahrradreifen.

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          In einem Kellergewölbe in Freising lagert ein Schatz der ganz besonderen Art: ausgemusterte Fahrradreifen. Eine Riesenmenge davon. 20 Jahre lang hat ein Fahrradhändler in der nördlich von München gelegenen Stadt Altreifen gesammelt in der Hoffnung, es werde irgendwann den Weg einer vernünftigen Wiederverwertung geben. So wurde wenigstens im Fall dieses im Laufe der Zeit immer größer werdenden Haufens vermieden, dass die Reifen dem üblichen Weg des Verbrennens oder der Entsorgung auf möglicherweise dubiose Weise entgingen.

          Walter Wille
          Redaktion „Technik und Motor“

          Jetzt ist offenbar die Lösung für den Gummiberg gekommen. Als erstem Fahrradreifenhersteller der Welt ist es dem Unternehmen Schwalbe nach eigener Darstellung gelungen, einen „innovativen und ganzheitlichen Reifenrecyclingprozess“ zu entwickeln. Aus gebrauchten Reifen werden Rohstoffe, angeblich ohne Abfall. Zudem werden den Angaben zufolge durch das Recycling im Vergleich zur Reifenverbrennung 80 Prozent der CO2-Emissionen vermieden. „Nach jahrzehntelanger Forschung“ sei in enger Zusammenarbeit mit Forschern der Technischen Hochschule Köln sowie dem Unternehmen Pyrum aus dem Saarland „der große Durchbruch“ gelungen.

          Schwalbe will gebrauchte Reifen aller Fabrikate einsammeln lassen und stellt dafür Fahrradhändlern in Deutschland – vom Start weg beteiligen sich rund 500 – spezielle Boxen zur Verfügung, die jeweils Platz für 200 Reifen bieten und vom Logistikunternehmen Emons abgeholt und nach Dillingen transportiert werden. Dort gelangen sie in die Hände von Pyrum und werden einem patentierten Pyrolyseverfahren zugeführt.

          2015 wurde mit dem Recyceln von Schläuchen begonnen

          Die mechanische Zerkleinerung erfolgt in vier Stufen; sie sei wegen der feinteiligen Komponenten von Fahrradpneus schwieriger als im Fall von Auto- oder Lastwagenreifen, heißt es. Magnete fischen Stahlteilchen heraus, Sauger trennen Textilgewebe vom Rest. Eine Tonne Gebrauchtreifen ergibt Pyrum zufolge 100 Kilogramm Textilfasern, 150 Kilo Stahl sowie 750 Kilo Gummigranulat. Letzteres wird mittels Pyrolyse in Pyrums 25 Meter hohem Reaktor bei etwa 700 Grad unter Sauerstoffausschluss behandelt, wobei drei Pyrolyseprodukte entstehen, wie das Unternehmen erklärt.

          Bei diesen drei Produkten handelt es sich um Gas, das zur Stromversorgung der Anlage eingesetzt wird, um Öl, das vom BASF-Konzern abgenommen und beispielsweise für die Herstellung von Textilfasern verwendet wird, sowie um Pyrolysekoks. Dieser Koks wird zu Industrieruß (recovered Carbon Black, rCB) weiterverarbeitet, der als Alternative zu Ruß aus fossilen Rohstoffen (vCB) für die Herstellung neuer Reifen genutzt werden kann. Schwalbe kündigte an, das rCB werde an das Reifenwerk des Produktionspartners Hung-A in Indonesien geliefert. Aus den erwähnten 750 Kilogramm Gummigranulat, rechnet Pyrum vor, würden 190 Kilo Gas, 250 Kilo Öl und 310 Kilo Koks gewonnen.

          Einen ersten Schritt, Altreifen nicht zu verbrennen, sondern wiederzuverwerten, hatte Schwalbe 1993 mit dem Downcyceln von Reifen zu Gummimatten unternommen. „Technisch war damals nicht mehr möglich.“ 2015 wurde mit dem Recyceln von Schläuchen begonnen – bis heute den Angaben zufolge sieben Millionen Stück. Nun folgt, eine ungleich schwierigere Aufgabe, die Überführung von aus zahlreichen Ingredienzen bestehenden Reifen in einen Wertstoffkreislauf. „Ich bin mächtig stolz, dass wir das geschafft haben“, sagt Schwalbe-Geschäftsführer Frank Bohle. Das erste Schwalbe-Produkt, das kein vCB, sondern nur noch rCB aus recycelten Reifen enthält, soll auf der Eurobike 2023 präsentiert werden. Auch den historischen Reifenhaufen von Freising wollen sie abholen lassen. Obwohl er vielleicht sogar eine nette Touristenattraktion abgegeben hätte.

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