https://www.faz.net/-gy9-8epdq

Rasenpflege in Gladbach : Eine Erleuchtung im Stadion

  • -Aktualisiert am

Während andere Vereine den Rasen bis zu dreimal pro Jahr austauschen müssen, übersteht das Grün im Borussia-Park wahrscheinlich mehr als eine Saison. Bild: TSM GmbH

Auch an diesem Sonntag führt Borussia Mönchengladbach wieder die Tabelle der Fußballbundesliga an. Allerdings nur was die Rasenpflege betrifft. Die ist nämlich im Borussia-Park Spitzenklasse.

          Wenn der Bundesligaclub Borussia Mönchengladbach gerade nicht Fußball spielt oder trainiert, bietet der Borussia-Park, wie das Stadion heißt, ein höchst merkwürdiges Bild: Auf einer Spielfeldhälfte stehen neun Gebilde aus Aluminiumprofilen, an denen Leuchten und Infrarotstrahler befestigt sind. Alles ist an diesen immer noch relativ kalten Tagen in Betrieb, um dem Rasen optimale Wachstumsbedingungen zu bieten. Selbst nachts gehen die Lichter nicht aus. Und wenn, was derzeit selten ist, Trockenheit droht, wird der Rasen gleich ausreichend gewässert. Sensoren, die zwei Zentimeter tief in den Boden gefahren werden, messen Temperatur und Feuchtigkeit. Zwischen 12 und 15 Grad Celsius ist die optimale Temperatur.

          Ist sie erreicht, reduziert sich automatisch die Intensität der Infrarotstrahler. Der Rasen dankt es mit sattem Grün und Widerstandsfähigkeit selbst gegenüber den Schuhen der härtesten Verteidiger. Und er hält länger. Während andere Vereine den Rasen bis zu dreimal pro Jahr austauschen müssen, übersteht das Grün im Borussia-Park wahrscheinlich mehr als eine Saison. Neun Monate hat er schon auf dem Buckel und ist noch so frisch wie am ersten Tag.

          Auf einer Spielfeldhälfte stehen neun Gebilde aus Aluminiumprofilen, an denen Leuchten und Infrarotstrahler befestigt sind.

          Gebaut hat die Anlagen, die jeweils zwölf Stunden als Rasenpfleger fungieren und dann automatisch zur anderen Spielfeldhälfte rollen, das Maschinenbauunternehmen TSM in Stolberg bei Aachen. TSM-Chef Georg Tsivikis, ein Grieche, der im Alter von sieben Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland kam, hat das Gerät entwickelt. „Die Idee kam mir, als ich auf einem Flug nach China las, dass Bayern München in den Niederlanden eine Anlage gekauft hat, die den Rasen wärmt, damit er besser wächst. Dort sorgen Natriumdampflampen, die normalerweise Straßen in gelbliches Licht tauchen, für Wärme und Wachstum förderndes Licht.“ Angeblich zahlen die Bayern pro Jahr eine runde Million Euro an Stromkosten für den Rasenpfleger.

          Das muss doch billiger gehen, sagte sich Tsivikis und begann zu tüfteln. Bei einem Spontanbesuch im Fraunhofer Institut für Molekularbiologie und angewandte Ökologie in Aachen konnte er Stefan Rasche als Partner gewinnen. Im kühlen Keller des Instituts testeten die beiden Licht unterschiedlicher Frequenzen und Wärmestrahlern, um die Kombination zu finden, bei der Fußballrasen optimal wächst. Die Lösung hieß blaue und rote Leuchtdioden in Kombination mit regelbaren Infrarotstrahlern. „Die Anlage von Borussia Mönchengladbach verbraucht weniger als ein Drittel der Strommenge, die die Münchner benötigen,“ sagt Tsivikis.

          Da die Natriumdampflampen sowohl Licht als auch Wärme spenden, müssen sie in warmen Sommernächten meist ausgeschaltet bleiben, um den Rasen vor Überhitzung zu schützen. Während diese Leuchtmittel nach spätestens einem Jahr ausgetauscht werden müssen, halten Leuchtdioden 25 000 Stunden. Das garantiert jedenfalls der Hersteller Osram.

          Gilt nicht nur Kinder

          Anfangs mussten die Anlagen, die jeweils 13 mal 12 Meter groß sind, von Hand verfahren werden. Heute geht alles automatisch. Sie hangeln sich an einem unsichtbaren Laserstrahl entlang, wenn sie von einer Spielfeldhälfte zur anderen rollen. Ein präzise arbeitender Wegmesser lässt sie genau dort anhalten, wo ihre vorbestimmte Position ist. Die Feuchte- und Temperatursensoren fahren automatisch aus.

          Jede Anlage hat einen Anschlusswert von 24 Kilowatt. Den größten Bedarf haben die Infrarotstrahler, die natürlich nur in der kalten Jahreszeit benötigt werden. Jede dieser Pflegemaschinen wiegt 1,8 Tonnen. Vier Niederdruck-Ballonreifen machen sie beweglich und schonen gleichzeitig das wertvolle Grün - ein einziger Austausch kostet schnell 100 000 Euro. Da macht sich die 500 000 Euro teure Anlage schnell bezahlt.

          Sie bleibt sogar dann auf dem Platz, wenn die Greenkeeper genannten Pfleger den Rasen mähen. Dann werden die Lampen und Strahler auf eine Höhe von zwei Metern gehievt. Normalerweise schweben sie in einer Höhe von 1,20 Metern. Steht ein Spiel an, rollen die Maschinen, gesteuert per Joystick, nacheinander zum Spielfeldrand und falten sich zusammen. Dann messen sie nur noch 13 mal 2,50 Meter.

          In Deutschland haben schon mehrere Bundesligavereine Interesse geäußert, darunter Schalke 04, Ingolstadt, Augsburg, Hoffenheim und Wolfsburg, Sogar Real Madrid aus Spanien soll schon nachgefragt haben.

          Weitere Themen

          Die 1000-Euro-Frage

          FAZ Plus Artikel: Smartphones im Vergleich : Die 1000-Euro-Frage

          Das Smartphone wird zum wichtigsten Gerät des täglichen Lebens. Die Hersteller wissen das und erhöhen die Preise. Spitzenmodelle kosten mehr als 1000 Euro. Ob sich das lohnt, zeigt ein Blick auf die Flaggschiffe.

          Topmeldungen

          Mord an Walter Lübcke : Wieder Kassel

          Die Menschen in Kassel kennen rechtsextremistischen Terror durch den NSU. 2006 wurde dort Halit Yozgat ermordet. Der Fall Lübcke weckt Erinnerungen. Wie geht die türkische Gemeinschaft damit um? Ein Besuch vor Ort.
          Edelgard Bulmahn (SPD) war von 1998 bis 2005 Bundesministerin für Bildung und Forschung (Archiv).

          Bulmahn über 20 Jahre Bologna : „Da ist etwas aus dem Ruder gelaufen“

          Edelgard Bulmahn war federführend beteiligt, als vor 20 Jahren Bachelor und Master in die deutschen Universitäten einzogen. Im FAZ.NET-Interview spricht die frühere Bildungsministerin über die Freiheit der Wissenschaft und das Humboldtsche Bildungsideal.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.