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Profi-Ski im Selbstversuch : Der Tag, an dem ich Svindals Weltcup-Ski vollblutete

„Vielleicht ist er damit sogar die Streif hinunter“

Bekanntermaßen gibt es bei jedem Vorhaben, das man erst eine Nummer zu großspurig und dann mit zunehmend mulmigem Gefühl angeht, einen Punkt, an dem ein Zurück ohne Gesichtsverlust nicht mehr möglich ist. Der war erreicht, als Matthias Klaiber an einem Sonntagabend am Treffpunkt – dem Parkplatz eines Hotels in Sölden – die Heckklappe seines VW-Transporters öffnete und Svindals Zwoachtzehner zur ersten Begutachtung hervorholte. Für den nächsten Morgen war das Experiment geplant, oben am Gletscher, wo alljährlich im Herbst der Auftakt des alpinen Weltcupwinters gefeiert wird.

Wir betrachteten die Latten. Bedrohlich lang, erschütternd schmal und kerzengerade ragten sie in den Abendhimmel, wie Relikte aus der Jahrzehnte zurückliegenden Vor-Carving-Ära. Handelsübliche Racecarver, die Klaiber zum Vergleich mitgebracht hatte, wirkten daneben wie niedliche Kinderskier. Wir rätselten, bei welchen Gelegenheiten Svindal dieses Paar schon eingesetzt haben könnte, das Rainer Salzgeber, der Direktor der Rennabteilung in Kennelbach, herausgerückt hatte, ohne Einzelheiten zu nennen. Lediglich Trainingsskier für die Saisonvorbereitung in Südamerika, wenn in unseren Breiten Sommer herrscht? Unwahrscheinlich, meinte Klaiber. Der aufwendig in Handarbeit hergerichtete Belag mit kunstvoll anmutender Struktur deute auf Weltcup-Geschehen hin. „Keine Maschine der Welt bringt das so zustande. Da sind viele Stunden Handarbeit nötig.“ Rund zwei Jahre hatten die Skier auf dem Buckel, Kratzer auf der Oberseite kündeten von hartem Einsatz. „Vielleicht ist er damit sogar die Streif hinunter“, spekulierte Klaiber im Halbdunkel des Parkplatzes, woraufhin sein Gegenüber erschauerte.

Kurvenradius von ungefähr 12 bis 15 Meter

Klaiber erklärte, was es mit den aufgeprägten Kürzeln auf sich hatte. Das „RD“ hinter der Schaufel stand für Race Department, „DH“ für Downhill. Am Heck fand sich ein eigenwilliges Logo, es sollte den Weltpokal mit zwei gekreuzten Skiern darstellen, sah aber aus wie ein Totenkopf. Die Ziffern „92–65–80“ beschrieben die Breite in Millimetern von Schaufel, Mitte und Heck. „R≥50“ war der Hinweis auf ein ganz entscheidendes Merkmal, den Radius. Handelsübliche

Diese Länge, dieser Radius – Racing pur. Für alles andere viel zu extrem.

Pistencarver haben in der Regel einen durch die Konstruktion vorgegebenen Kurvenradius von ungefähr 12 bis 15 Meter, wenn es hochkommt 18. In diesem Fall 50.Bei genauerem Hinsehen bemerkten wir, dass in Svindals Brettern besonders dicke Lagen Metall verbaut waren. Eine unterhalb, eine oberhalb des Hartholzkerns. Selbst straffe Racecarver, die man im Handel findet, haben Metallschichten von normalerweise nicht mehr als 0,5Millimeter. Die hier verbauten Platten waren etwa doppelt so stark. Merkwürdige Kerben waren vor und hinter der Bindung quer in die oberste Materialschicht gesägt. „Flexkerben“, sagte Klaiber, „damit sie wenigstens etwas nachgeben.“ Wir versuchten, einen Ski zu biegen, es rührte sich praktisch nichts. Die Dinger gaben kaum nach, während wir mit einer Hand die Schaufel hielten und mit der anderen auf Höhe der Bindung drückten. Ihre Steifigkeit musste astronomisch sein.

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