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Plastikball im Tischtennis : Der tickt doch nicht richtig!

Bye, bye Zelluloid: Die traditionellen Tischtennisbälle verschwinden. Sie brennen wie Zunder. Bild: Röth, Frank

Anfang Juli beginnt im Tischtennissport eine neue Ära. Auf den Zelluloidball folgt die Plastikkugel. Rund läuft der Wechsel nicht. Nationalspieler Timo Boll spricht von einer Farce.

          Der Tischtennissport steht vor einer Zeitenwende. Nach 89 Jahren geht die Ära des Zelluloidballs zur Neige. Anfang Juli beginnt die Umstellung im Profigeschäft. Später dann soll der Breitensport folgen. Plastik soll das bewährte Zelluloid ablösen. Und das notfalls mit der Brechstange.

          Es gibt einen gewichtigen Grund, der für den Wechsel angeführt wird. Zelluloid, ein im 19. Jahrhundert erfundenes Thermoplast aus Cellulosenitrat und Campher, brennt wie Zunder. Das Produktionsverfahren herkömmlicher Tischtennisbälle gleicht zu 80 Prozent der von Sprengstoff des Typs Nitroglycerin. Gefahren drohen schon bei hochsommerlichen Temperaturen. 2001 explodierten in Hongkong eine halbe Million Tischtennisbälle bei brütender Hitze in einem Container - vermutlich aufgrund der Luftausdehnung im Innern der Bälle. Mangelnder Arbeitsschutz und damit verbundene Gesundheitsgefahren in den produzierenden Ländern Asiens lassen daher ein Auslaufen der Produktion aus Sicht des Tischtennis-Weltverbandes (ITTF) ratsam erscheinen. Das gilt auch für den Vertrieb. Zelluloidbälle sind als Gefahrengüter klassifiziert. Für den Transport müssen sie speziell verpackt werden. Ein immenser Aufwand für die kleinen Kugeln. Und selbst dann befördert sie nicht jeder. Der deutsche Paketdienstleister DHL weigert sich bis heute, Tischtennisbälle auszuliefern.

          Irritierende Akustik im Test

          Damit soll bald Schluss sein. Die Team-Weltmeisterschaft Anfang Mai in Tokio dürfte die letzte gewesen sein, bei der Zelluloid zum Einsatz gekommen ist. Ab 1. Juli sollen bei ITTF-Turnieren nur noch Plastikbälle über das Netz fliegen. Die deutsche Tischtennis-Bundesliga führt die Plastikbälle parallel ein. Für die vier nachfolgenden Spielklassen hat der Deutsche Tischtennisverband (DTTB) eine entsprechende Empfehlung ausgegeben. Dabei deuten die Bälle, derer die Redaktion habhaft werden konnte, noch nicht auf ein ausgereiftes Produkt hin.

          Beim Test von Plastikbällen der Marke „Palio“ irritierte die Akustik. Statt vertrauten hellen „Ping“- und „Pong“-Geräuschen gaben die Plastikkugeln dunkle „Pock“-Töne von sich. So wie ein kaputter Zelluloidball. Auch das Flugverhalten unterschied sich merklich von dem herkömmlicher Fabrikate. Den Bällen mit dem Schläger viel Drall mitzugeben erwies sich als schwierig. Eine Herausforderung für Sportler, die ihr Spiel mit trickreichen Aufschlägen und Schlägen mit Effet aufzubauen pflegen. Kompromisslose Angreifer hingegen und Spieler mit außen liegenden kurzen Noppenbelägen - die auf Rotation weitgehend verzichten - scheinen mit dem Palio-Ball im Vorteil zu sein.

          Auch Deutschlands erfolgreichster Tischtennisprofi Timo Boll registriert bei wiederkehrenden Schlagbewegungen erhebliche Unterschiede. Manchmal springe der Plastikball schnell vom Belag ab, ein anderes Mal drücke er sich in das Gummi ein. Dabei verspringe er leicht, fliege dann über die Platte hinaus oder lande im Netz, sagt der 33 Jahre alte Nationalspieler. Die Bälle im Test und Bolls Beobachtungen sind Momentaufnahmen. Doch sie geben Anlass zur Sorge. Niemand kann verlässlich vorhersagen, in welchem Reifestadium sich die neuen Plastikbälle der Hersteller aus China, Japan und mutmaßlich auch aus Deutschland aktuell befinden. Die Tischtennisunternehmen mauern bei Fragen nach technischen Details und der Art der verwendeten Kunststoffe, sie sind offenbar noch am Experimentieren. Aus Expertenkreisen heißt es lediglich, wegen der kaum überschaubaren Bandbreite möglicher Kunststoffverbindungen stehe das traditionelle Herstellungsverfahren in Frage. Das kann teure Auswirkungen auf den Maschinenpark nach sich ziehen. Herkömmliche Zelluloidbälle entstehen aus Platten, die unter großer Hitze verformt und zu Halbkugeln ausgebeult werden. Wer das Material hingegen in einem Guss fertigen will, muss auf eine andere Methode wie etwa ein Spritzgussverfahren umsteigen. Beim Testball der Marke Palio hat sich der Hersteller offensichtlich gegen ein thermisches Formgebungsverfahren entschieden. Er hat keine Naht, ist also aus einem Guss.

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