https://www.faz.net/-gy9-992zm

Pferde als Forstarbeiter : Verrückt mit dem Viertakter

Teamarbeit: zwei Pferde für mehr Zugleistung, zwei Menschen für mehr Sicherheit Bild: Wonge Bergmann

Mit starken Forstmaschinen kann das Pferd nicht mithalten. Doch hat die Arbeit mit den Tieren im Wald Vorzüge, und die Verfahren ergänzen sich gut.

          2 Min.

          Es kommt nicht oft vor, aber zuweilen können sich Nostalgiker darüber freuen, dass eine Methode von gestern wieder gefragt ist. Zum Beispiel im Forst. Einerseits wird dort die Technik immer leistungsfähiger, die Holzernte geht heute ratzfatz mit Maschinen zum Preis eines Einfamilienhauses. Doch solch ein Fuhrpark leidet unter dem Dinosaurier-Syndrom: Das schwere Gerät ist für dichte Bestände, steile Hänge und empfindliche Böden zu groß und zu schwer. Es eben mal schnell in ein kleines Waldstück zu karren lohnt außerdem den Aufwand nicht.

          Lukas Weber

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Dann schlägt die Stunde der Rückepferde. Wobei das Entweder-oder eigentlich fehl am Platz ist. Denn zunehmend werden die Verfahren in Kombination eingesetzt, erklärt Thilo Rinn, der zur überschaubaren Schar der Forstwirte gehört, die noch oder wieder mit Rückepferden arbeiten. Das Tier zieht die Stämme an den Weg. Ein großer Vorteil ist dabei, dass unter den Hufen der Boden punktuell belastet wird und nicht durchgehend verdichtet. Weniger Rückegassen für die Maschinen bedeuten zudem mehr Raum für Bäume auf der gleichen Fläche. Am Ende werden die Stämme von Maschinen übernommen und zu Poltern aufgeschichtet (Wittgensteiner Verfahren). Denn die Pferde können zwar erstaunlich große Brocken ziehen, sie aber nicht aufeinanderstapeln. Das geht mit dem Berliner Verfahren, zwei Kaltblüter ziehen dazu einen kleinen Wagen mit motorbetriebenem Greifer, der freilich höchstens eine halbe Tonne heben kann.

          Leise und frei von Stickoxidausstoß

          Rinn arbeitet generell mit zwei Pferden; falls eines ausfällt, etwa weil ein Eisen abgetreten wurde, ist er nicht umsonst angefahren, wie er sagt. Onyx, ein etwas ungestümer Noriker, wiegt etwa 700 Kilogramm, das Rheinisch-Deutsche Kaltblut Idefix ist noch ein gutes Stück schwerer und nicht aus der Ruhe zu bringen. Im Schritt arbeiten die vier Füße im Viertakt, ein PS Leistung wäre freilich tiefgestapelt. Für kurze Zeit kann ein Kaltblüter 15 bis 20PS erreichen und damit in der Ebene Stämme bis zu einer Tonne ziehen, auf die Dauer sind es laut Rinn etwa 300 Kilo.

          Hecklenker: Forstwirt Thilo Rinn steuert seine Pferdestärken von hinten. Bilderstrecke

          Vor der Arbeit steht die Ausbildung, sie dauert rund zweieinhalb Jahre. Ein gutes Pferd funktioniert fast ohne Zügelhilfen mit Sprachsteuerung, der Führer ruft Befehle für vorwärts, zurück und seitwärts – daher kommt das Hü (Hüst für links) und Hott (rechts). Wichtig ist das zuverlässige Stehenbleiben auf Kommando. Denn die Arbeit im Wald ist für den Führer, der seitlich versetzt von hinten lenkt, und für die Rückepferde selbst nicht ungefährlich, vor allem am Hang kommt der Stamm leicht ins Rutschen. Deshalb wird dort die Zugkette kürzer genommen.

          Überhaupt ist neben der Ausbildung der Pferde die Ausrüstung entscheidend für den Erfolg. Das schwere Holz ruckt und zerrt, wenn das Kumt nicht perfekt passt, gibt es Scheuerstellen. Rinn verwendet eine amerikanische Ausführung, die hierzulande nicht überall geliebt wird. An dieser Version lässt sich die Weite des gepolsterten Rings verändern und so den Maßen des Pferdes anpassen. Als Zugstränge zum Ortscheit – das ist der Querbalken hinter dem Pferd – werden im letzten Drittel Ketten verwendet, die keinen Schaden nehmen, wenn sie über den Boden schleifen. Das gesamte Geschirr kostet rund 2000 Euro und damit etwa so viel wie ein Pferd, das noch in die Ausbildung muss. Am Ortscheit wird die Forstkette angehängt, an der wiederum die Stämme befestigt werden. Das unterscheidet sich nicht wesentlich von der Arbeit mit der Seilwinde. Rinn verwendet einen schwedischen Greifer, der eine Art Korb bildet und so den Zugwiderstand senkt.

          Die Arbeit mit Rückepferden ist leise und frei von Stickoxidausstoß, aber kein Geschäftsmodell, mit dem man reich werden könnte. Holz wird nur im Winter geerntet, gefressen wird aber das ganze Jahr über, Rinn ist Großabnehmer von Mohrrüben. Und wie beschäftigt man die Pferde bis zum nächsten September? Da wird der Forstwirt wohl am besten zum Lenker von Planwagen.

          Weitere Themen

          Ein Duft nach Holz und Alm

          Grandhotel Riffelalp : Ein Duft nach Holz und Alm

          Auf 2222 Meter Höhe stand einst das Zermatter Grandhotel Riffelalp. Dann brannte es ab, wurde erst Jahrzehnte später wieder aufgebaut und ist heute Fluchtort weitab vom Lärm der Welt.

          Topmeldungen

          Christine Lagarde auf der Pressekonferenz in Frankfurt

          EZB-Präsidentin Lagarde : Zinsentscheid mit einem Lächeln

          Die neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, stellt sich erstmals nach einer Ratssitzung der Presse. Den Zinssatz lässt sie unverändert, doch ihr Stil unterscheidet sich deutlich von dem ihres Vorgängers Draghi.
          Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann beantwortet die Fragen der Stadtverordneten.

          Awo-Affäre : Feldmann gibt Fehleinschätzungen zu

          Bei der Aufklärung der Kita-Affäre hat Peter Feldmann Versäumnisse zugegeben. Der Frankfurter Oberbürgermeister bedauerte, zu lange zu den Vorwürfen geschwiegen zu haben.
          Wenn als Kind Traumata erlebt werden, kann dies zu epigenetischen Veränderungen führen, die Depressionen hervorrufen.

          Wie viele Kinder leiden? : Die angeknackste Psyche der Jugend

          Warum sind in Deutschland doppelt so viele junge Menschen depressiv wie im Rest Europas? Eine große Studie legt das nahe. Doch die Statistik ist trügerisch, was nicht zuletzt auch an den Ärzten liegt.

          Europa League im Liveticker : 2:1 – Frankfurt dreht das Spiel

          Guimarães geht gegen die Eintracht mit einem umstrittenen Tor in Führung, dann aber profitieren die Frankfurter erst von einem Patzer, ehe sie ein zweites Mal treffen. Wer setzt sich am Ende durch? Verfolgen Sie das Spiel im Liveticker.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.