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Perpetuum mobile : Und es dreht sich doch

  • -Aktualisiert am

Diese Maschine trägt zwar eine Inventarnummer... Bild: Julia Zimmermann

Jahrhundertelang wurde experimentiert mit Quecksilber, Wasserkammern, Saughebern, Gewichten, Kugeln, Stangen und Magneten. Konstrukteure eines Perpetuum mobile waren Helden der Neuzeit. Doch bis heute ist keinem ein Modell geglückt.

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          „Ha!“, ruft Elmar Schmied mit dem vollen Elan seiner bajuwarischen Natur ins Telefon. „Was glauben Sie denn!“ Selbstverständlich komme das vor und nicht zu knapp, darauf könne man sich verlassen. Ohne Unterbrechung segelten Entwürfe ins Haus. Entwürfe für Perpetua mobilia der ersten, zweiten und dritten Art, die sich jeweils danach unterscheiden, gegen welchen thermodynamischen Hauptsatz sie in ihrem Konstruktionsplan verstoßen. Natürlich sage der Einsender nicht dazu, dass er da ein Perpetuum mobile habe. Er umschreibe es, vermeide den Ausdruck, sage, es handle sich um ein „Energiegewinnungsmodul“ oder einen „Schwerkraftnutzer“. Aber mit ein bisschen Erfahrung wisse man dann: „Ha! Da ist wieder eins!“

          Elmar Schmied vom Deutschen Patentamt in München sagt, es gebe keine freilaufenden Räder. Energie könne nicht aus dem Nichts geschöpft werden. Und gegen Reibungsverluste sei kein Kraut gewachsen. Die Idee von der Dauerlauf-Maschine ist inzwischen allerdings selbst zum Perpetuum mobile geworden. Obwohl Geräte, die den unendlichen Lauf der Dinge versprechen und mit ihm die Lösung der Energieprobleme dieser Welt, schon seit Ewigkeiten nicht mehr patentiert werden, trudeln regelmäßig Anträge ins Haus, die ausgebildete Ingenieure mit einer Eselsgeduld beurteilen und auf Grundlage des zeitgenössischen physikalischen Grundwissens mit dem Verweis „Patentierung abgelehnt“ an ihre Urheber zurücksenden.

          Als Leonardo da Vinci nahezu 400 Jahre vor der Entdeckung der Energiegesetze durch den Arzt Julius Robert von Meyer das Perpetuum mobile zur Chimäre erklärte, riet er seinen Kollegen: „Oh, Ihr Erforscher der beständigen Bewegung, wie viele eitle Hirngespinste habt Ihr geschaffen bei dieser Suche. Gesellt Euch also lieber zu den Goldmachern.“ Leonardo, der als junger Mann selbst zahlreiche Entwürfe zur Herstellung „selbstbewegender Räder“ angefertigt, jedoch nie realisiert hatte, erkannte das Problem der Reibungsverluste, da auf eine Mühle herabfallendes Wasser niemals ohne Verluste auf dieselbe Höhe zurücktransportiert werden könne. Damit wäre das Thema Perpetuum mobile eigentlich mit der Renaissance erledigt gewesen. In Wahrheit aber geschah etwas anderes. Die meistgebaute funktionsunfähige Maschine der Welt wurde über Jahrhunderte hinweg zur fixen Idee der Menschheit. Zurzeit ist eine kleine Auswahl im Rahmen der Ausstellung „Energie = Arbeit“ der Stiftung Brandenburger Tor in Berlin zu sehen.

          ... ihre Geschichte ist aber im Keller des Deutschen Museums verlorengegangen
          ... ihre Geschichte ist aber im Keller des Deutschen Museums verlorengegangen : Bild: Julia Zimmermann

          Leonardo wandte sich ab

          Nachdem sich Leonardo resigniert vom Prestigeprojekt Perpetuum mobile abgewandt hatte und stattdessen an erfolgversprechenderen Geräten etwa zur Überwindung des Ozeans arbeitete oder mit der Mona Lisa eines der größten Rätsel der Kunstgeschichte schuf, kam die Produktion ewig bewegter Räder in Europa erst richtig in Gang. So, wie die damaligen Potentaten Alchimisten mit der Herstellung von künstlichem Gold beauftragten, wurden Erfinder zur Konstruktion sogenannter „Räder mit kontinuierlicher Drehung“ beschäftigt. In den Wunderkammern des 17. und 18. Jahrhunderts müssen sich endlos viele solcher Maschinen befunden haben - bis man sie eines Tages, als sich die Kunde von ihrer Chimärenhaftigkeit endgültig herumgesprochen hatte, schamvoll daraus verbannte. Im Fall des Landgrafen Karl von Hessen-Kassel saß ein weltlicher Herrscher allerdings bereits viel früher einem peinlichen Schwindel auf. Johann Ernst Elias Bessler aus Merseburg hatte unter dem klangvollen Namen Orffyreus im Alten Reich von sich und seiner Erfindung reden gemacht. Auf Burg Weißenstein (dem späteren Schloss Wilhelmshöhe) kam es unter Beaufsichtigung des kaiserlichen Architekten Joseph Samuel Fischer von Erlach 1717 zu einer Demonstration des legendären Rades, dessen Mechanismus allerdings von Wachstüchern verhüllt wurde und somit den Blicken der Betrachter entzogen war.

          Einmal in Gang gesetzt, begann die Maschine sich in gleichbleibender Geschwindigkeit zu drehen. Der Raum, in dem sie stand, wurde versiegelt und 54 Tage später wieder aufgebrochen: Zur Erleichterung des Landgrafen rotierte die Maschine noch immer. Die Sensation vom Kasseler Experiment machte schnell die Runde. Peter der Große begann sich für die Maschine zu interessieren. Bevor er sie allerdings in Augenschein nehmen konnte, verstarb er.

          Skeptiker vermuteten schon damals hinter dem Bewegungswunder nichts als Budenzauber und unterstellten, dass ein zwergwüchsiger Mensch im Innern der Maschine das Rad in Gang halte. Als Besslers Magd schließlich zugab, sie selbst sei aus einem Nebenraum über einen unsichtbaren Mechanismus zum Betreiben des Rades veranlasst worden, war nicht nur sein Erfinder diskreditiert, sondern auch der Landgraf blamiert. Besslers Magd hatte ihrem Herrn zwar einst geschworen: „Und wofern ich diesen Eid nicht halte, oder solchen aus Arglist anders deute, oder auf eigene Art zu verdrehen, oder etwa geringe und nichtig zu halten, so lasse Gott meine Seele des ewigen Todes sterben.“ Dass sie ihn trotzdem verraten hat, konnte die Idee des Perpetuum mobile allerdings kaum anfechten. Zwar versuchte mancher Fürst, sich seiner nunmehr als peinlich empfundenen Maschinen durch die Hintertür wieder zu entledigen. Doch das Perpetuum Mobile drehte sich weiter - zumindest in den Köpfen der Zeitgenossen.

          Immer wieder schienen Konstrukteure kurz vor dem Durchbruch

          Jahrhundertelang wurde nun experimentiert mit Quecksilber, Wasserkammern, Saughebern, Gewichten, Kugeln, Stangen und Magneten, mit natürlichen und unnatürlichen Kräften. Immer wieder schienen Konstrukteure kurz vor dem Durchbruch. Immer wieder mussten sie zugeben, etwas Entscheidendes übersehen zu haben. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts begann sich die Erkenntnis langsam durchzusetzen: „La construction d'un mouvement perpétuel est absolument impossible.“ Mit der Feststellung, dass selbstbewegende Maschinen ein Ding der Unmöglichkeit seien, und zwar grundsätzlich, beginnt die Erklärung des wissenschaftlichen Ausschusses der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Paris. Von 1775 an wurden offiziell keine Patente mehr für Perpetua mobilia erteilt. In Cornwall nahm man derweil die ersten Dampfmaschinen in Betrieb. Die Arbeit an energieautarken Systemen gelangte damit endgültig in die Hände von Laien.

          Einen von ihnen kennt Harry Walter seit mehr als 30 Jahren. Seinen vollständigen Namen will er aus Respekt vor dem Lebenswerk des Freundes nur ungern preisgeben. Aber das Perpetuum aus der fürstlichen Wunderkammer herausholen, das möchte er. Denn eigentlich, sagt Harry Walter, der eine Kunstprofessur an der ETH Zürich hat, gehört das Perpetuum mobile ins Museum.

          Hier fehlte eine Schraube, da ein Scharnier und dort ein Gewicht

          Begonnen habe Günter B. es ursprünglich aus Reflex auf die Energiekrise der siebziger Jahre. Dann wurde das „Maschinle“, wie der Stuttgarter seine Garagen-Schöpfung seinerzeit nannte, schnell komplexer. Hier fehlte eine Schraube, da ein Scharnier und dort ein Gewicht, das auf einer anderen Seite wieder ausgeglichen werden musste und so weiter und so fort. Lange bewegt hat sich das immer barocker werdende Gebilde, das bald schon die vollständige Garage einnahm, eigentlich nie. „Günter glaubt, dass die Maschine technisch funktionieren kann. Und ich glaube, dass sie auf semantischer Ebene funktioniert. Das ist unser Deal.“ Was Harry Walter damit sagen will: Das Perpetuum mobile, das für so viele Tüftler zur Obsession geworden ist, hat sich über all die Epochen, in denen über es nachgedacht wird, zu einem Zeichen entwickelt, das auf sich selbst verweist. Man könnte auch mit Kant sagen, das Perpetuum mobile ist wie die Kunst ein sich selbst stärkendes System, das mehr Bedeutung generiert, als man ursprünglich in es hineingesteckt hat. In der Moderne, die nicht mehr in der Lage war, im physikalischen Sinne an das Perpetuum mobile zu glauben, wurde sein Prinzip durch die Idee des autonomen Kunstwerks abgelöst. Für Harry Walter ist Günter B. deshalb ein Künstler.

          Kulturwissenschaftler würden ihn als typischen „Projektemacher“ bezeichnen, der die Dinge durch eine energetische Zuwiderhandlung aus ihrer rationalen Beschränktheit herausholt. Elmar Schmied vom Deutschen Patentamt würde sagen: „Ha! Da ist wieder eins!“ Doch Günter B. lässt das alles kalt. Auf die Frage, was ihm die Sache wert sei, sagt er nur: „Ha, guck dir des Ding doch a, des baut mir so schnell koiner nach!“. Heute hat sich das Perpetuum mobile entweder ins Reich der Märchen und Legenden verabschiedet, etwa zu Jim Knopf, oder es harrt seiner Verwirklichung in den Paratheorien irgendwelcher New-Age-Abkömmlinge, die auf der Welt eine ungenutzte ätherische Energiequelle vermuten. Aber es gibt auch ernstzunehmende Experimente, die inzwischen die Gültigkeit des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik für bestimmte physikalische Systeme im Nanobereich in Frage stellen. Hiermit, so hoffen die Verfechter des Perpetuum mobile, wäre die Annahme neu zu überdenken, wonach ein geschlossenes System grundsätzlich zur Entropie neigt, eine Tasse Tee unter natürlichen Rahmenbedingungen also nicht heiß wird, sondern kalt. Hier entsteht viel Raum für Spekulationen. Was wir daraus lernen können?

          Die Idee des Perpetuum mobile ist selber eins. 1910 beschrieb der Schriftsteller und Verlagsgründer Paul Scheerbart seine Phantasie von der ewig laufenden Maschine noch recht unverblümt so: „Wüstenkultur im großen Stil. Dagegen ist der Panamakanal eine Bagatelle.“ Auf den letzten Seiten seines Büchleins kommt er allerdings zu dem damals schon unwiderlegbaren Schluss: „Verdient haben wir alle zusammen das Perpetuum mobile nicht.“

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