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Patientenzimmer der Zukunft : Diagnose Hotelsehnsucht

Ab in die Kiste: Kabel und Sauerstoff verschwinden im Modul hinter dem Bett. Bild: Hersteller

Asklepios zeigt in einem Modell, was in einer Klinik mit Geschmack und Technik möglich sein könnte. Die Einrichtung des 25 Quadratmeter großen Raums erinnert an ein Hotelzimmer.

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          Ein Krankenhausaufenthalt ist in der Regel nichts, worauf man sich freut. Doch wenn der sich schon nicht vermeiden lässt, so sollten wenigstens zwei Dinge stimmen: Der Arzt möge sein Handwerk verstehen und die Unterbringung halbwegs angenehm sein. Wer kennt sie nicht, die Patientenzimmer mit drei oder vier Betten, die den Charme von Schlafsälen ausstrahlen und sich mit Linoleumboden und kargen Stühlen schmücken? Das zu ändern, ist der Krankenhauskonzern Asklepios angetreten. Er hat mit rund zwanzig Unternehmen (darunter so namhafte wie Gira, Kaldewei, Knauf oder Philips) ein Patientenzimmer entwickelt, das bisher unvereinbar scheinenden Komfort mit den hohen Ansprüchen an Hygiene verbinden soll - und das zu einem Preis, der für die Träger akzeptabel sein soll. Das Modell ist in der Klinik im bayerischen Bad Griesbach in wahrer Größe aufgebaut und kürzlich fertiggestellt worden.

          Holger Appel
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Die Einrichtung des 25 Quadratmeter großen Raums erinnert an ein Hotelzimmer, was durchaus beabsichtigt ist, wie Wolfgang Sittel betont, der den Bereich Architektur und Bau von Asklepios leitet. Sehr wohl sind Wechselwirkungen zwischen Klinik und Hotel erwünscht. Die Ideen sollen aber auch auf einen Markt ausstrahlen, der hohe Wachstumsraten verspricht: die Pflege zu Hause.

          Nass gemacht: Spült gegen Legionellen
          Nass gemacht: Spült gegen Legionellen : Bild: Hersteller

          In dem Room 2525 genannten Einzelzimmer, den es auch mit zwei Betten gibt, sind Möbel und Oberflächen verbaut, die mal weich, mal kratzfest hart, dank spezieller Beschichtung aber allesamt leicht zu reinigen sind. Die Sitzbank für Besucher hängt an der Wand, somit stört kein Fuß am Boden. Wie überhaupt alles darauf ausgerichtet ist, die Reinigung ebenso intensiv, aber schneller (also kostendämpfend) durchführen zu können. Fugen oder Kanten sind so weit als möglich vermieden worden, der Kleiderschrank lässt unten keine Ritze frei, der Vinyl-Boden in Holzoptik ist plan verlegt, Lichtleisten schließen bündig mit der Decke ab. Offen verlaufende Kabel sind nirgends zu sehen. Sie verschwinden hinter einer Abdeckung, die mitsamt der Luft- und Sauerstoffversorgung sowie dem Leselicht als Modul hinter dem Bett eingesetzt wird. Gemeine Keime sollen keine Orte finden, an denen sie sich wohl fühlen.

          Die innerhalb zweier Glasscheiben laufenden und der Abschattung dienenden Jalousien werden ebenso per iPad gesteuert wie die Vorhänge, die Klappstellung der Fenster (die sich bei erhöhtem CO2-Gehalt in der Raumluft automatisch öffnen) sowie die nach Stimmungslage farblich abgestimmte Beleuchtung. Auf dem iPad lässt sich zudem sehen, wer vor der Tür steht. Sie öffnet erst auf Knopfdruck. Das ist von gewisser Bedeutung, weil der Architekt das Bett in den Sichtbereich des Eingangs gestellt hat. „Die Anordnung ist atypisch, aber so ist der Blick frei auf frisch operierte Patienten. Und ins Zimmer passen Sitzbank und Balkonzugang rein“, sagt Sittel. Eine Schiebetür aus Milchglas schützt die Privatsphäre. Zumindest im Einzelzimmer ist ein an die hauseigene EDV angebundener Monitor verbaut, auf dem der Arzt Diagnose und Behandlungsmethode bildlich unterlegen und mit dem Patienten absprechen kann. Wie selbstverständlich ist das eigene Handy nicht mehr tabu, vielmehr ist der Raum voll vernetzt für Smartphone und Co.

          Kluges Klo: Sensoren für Wasserqualität
          Kluges Klo: Sensoren für Wasserqualität : Bild: Hersteller

          Im ungewöhnlich großzügig und edel eingerichteten Bad misst Technik von Viega regelmäßig die Wasserqualität und löst automatisch Spülvorgänge aus, wenn eine bestimmte Zeit kein Wasser gelaufen ist. Das soll Legionellen den Garaus machen. Im von Sittel als Standard am Krankenhausmarkt bezeichneten Zustand des Zweibettzimmers wird das Bad allerdings kleiner. Worauf Asklepios nicht verzichtet, sind Schalter, die oft nur kurz anwesenden Patienten sollen mit der Technik nicht überfordert werden.

          Selbstverständlich setzt ein unternehmerisch ausgerichteter Konzern ein solches Projekt auf, um damit Geld zu verdienen. Room 2525 soll in den eigenen Häusern für attraktivere Atmosphäre und bessere Erträge sorgen, er soll aber auch an Interessenten von außen verkauft werden. Sittel betont, es gehe nicht nur um Privatpatienten, auch der kassenversorgte könne und solle in den Genuss kommen. Um die Baukosten halbwegs im Griff zu behalten, galt das Ziel, jedes Teil mit mehrfachen Funktionen zu belegen. So ist etwa die Revisionsklappe in der Decke auch Halterung für das LED-Licht. So simpel, wie es heute aussieht, war es aber wohl nicht. Schon vor einem Jahr hatte Asklepios ein Zimmer fertig. Doch es entsprach nicht den Anforderungen. Sittel entschied, es komplett wieder abzureißen. Jetzt steht das Modell, und der Projektleiter nennt zwar keine absoluten Zahlen, sagt aber, es sei „nur“ 15 Prozent teurer als ein bisheriges Standardzimmer - aber um Längen erstrebenswerter. Ob das um jeden Cent ringende Krankenhausträger auch so sehen?

          Sitzt, passt, wackelt und hat Luft: Schwebende Bank, Monitor für den Arzt, Touchpad
          Sitzt, passt, wackelt und hat Luft: Schwebende Bank, Monitor für den Arzt, Touchpad : Bild: Hersteller

          Aufträge von außen hat Asklepios offenbar noch nicht. Aber weiteren Mut zu neuen Anstößen. Als Nächstes baut der Konzern mit dem Fraunhofer-Institut in München ein Zimmer auf, in dem vor allem Sensorik erprobt wird. So sollen etwa Fühler unter den Fliesen erkennen und melden, wenn ein Patient stürzt.

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