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MRT ohne Röhre : Anziehend offen

Da schaut die Röhre in die Röhre: So offen kann ein MRT sein. Im Untergeschoss der Klinik Groß-Gerau entstehen spezielle Bilder. Bild: Sandra Schildwächter

Ausgerechnet im beschaulichen Groß-Gerau steht ein technischer Leckerbissen der Radiologie. Gerät und Untersuchung sind teuer, aber die Angst vor der Röhre verfliegt.

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          Sportverletzung oder Schwindelanfall, junger Hüpfer oder alter Hase, irgendwann landet fast jeder mal im MRT. Was dort technisch vorgeht, bleibt den meisten verborgen, sie lernen das mächtige Gerät mit seiner kühlen Röhre vor allem durch zwei Dinge kennen: Enge und Lärm. Gegen den Krach setzt es Kopfhörer, gegen die Enge hilft nur, keine Angst zu empfinden.

          Holger Appel
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Oder ein offenes MRT aufzusuchen. Das ist so einfach nicht, solche Geräte sind teuer und selten. Ein Besonderes seiner Spezies hat das Klinikum Groß-Gerau angeschafft, was insofern überrascht, als die hessische Stadt eher an das nahe gelegene Opel-Werk denken lässt denn an Spitzenmedizin. Das Klinikum hat ein Insolvenzverfahren durchlaufen, sein baulicher Zustand ist so drei bis vier, aber im Untergeschoss empfängt den Patienten ein topmoderner Bereich mit ebenjenem MRT. Mit der Magnetresonanztomographie werden Schnittbilder des Körpers erzeugt. Der Kenner erkennt Organe, Veränderungen, Verletzungen. Sofern er sein Fach beherrscht, denn, wie eine Praxisleiterin trocken feststellt, „jede Radiologie ist nur so gut wie ihre Radiologen“.

          Mit Spa-Ambiente

          Chefarzt Udo Raab ist einer mit Erfahrung und Leidenschaft, weshalb es ihm gelungen ist, die Klinikleitung von der Anschaffung eines Hochfeld-MRT mit 270-Grad-Öffnung zu überzeugen. Raab spricht von Spa-Ambiente, tatsächlich ist der Raum hell und freundlich. Die für den Patienten sichtbarsten Vorteile im Vergleich zu einer Röhre sind der Abstand zwischen Körper und Gerätewand und die legere Liegeposition. Eine Begleitperson darf Händchen halten. Auch besonders schwere Menschen können untersucht werden, normalerweise müssten sie in eine Pferdeklinik ausweichen. Raab sagt, seit der Inbetriebnahme im April habe er nur drei Untersuchungen wegen Nervosität des Patienten abbrechen müssen, das sei ein klar unterdurchschnittlicher Wert.

          Sein MRT hat 1,2 Tesla Feldstärke, die ob der Bauart wie 1,7 Tesla wirkten, heißt es. Je höher dieser Wert, desto schneller wird gemessen. Das kann ein Vorteil sein, ist jedoch nicht immer vonnöten, wie andere Radiologen einwenden. Es geht denn auch um Philosophie. In Paderborn nämlich steht ein sehr ähnliches Gerät namens Oasis. Auch das in Groß-Gerau installierte ist von Fujifilm, habe aber eine in Europa einzigartige Ausstattung und sei das schnellste auf der Welt. Raab lobt die scharfen Bilder, insbesondere am Rand, und er tadelt die umständliche Bedienung, die seine medizinische Fachangestellte Leyla Yildirim freilich virtuos beherrscht.

          Die Kosten sind beträchtlich

          In die gegen den Lärm und das Ma­gnetfeld abgeschirmten Räumlichkeiten wurde das 15 Tonnen schwere Gerät mit einem Kran gehievt. Das Gewicht erklärt, warum der Keller mit seiner soliden Bodenplatte als Standort gewählt werden musste. Die Kosten sind beträchtlich. Der Listenpreis dürfte um 1,2 Millionen Euro liegen, den tatsächlichen hält Raab geheim. Zum Kühlen wird Helium benötigt. Falls das durch einen Fehler abrauscht, sind bis zu 20.000 Euro verloren.

          Der Stromverbrauch ist signifikant, in der Branche ist zudem von jährlichen Wartungskosten um 50.000 Euro die Rede. „Uns wären die Betriebskosten zu hoch, der Vorteil zu gering. Wir erzielen auch mit dem Tunnel schöne Bilder“, sagt ein niedergelassener Radiologe. Wer die spezielle Technik in Anspruch nehmen möchte, sollte Patient in Groß-Gerau oder ambulant privat versichert sein. Oder selbst zahlen. Etwa 600 Euro kostet zum Beispiel eine technisch ausgefuchste Aufnahme der Schulter. Platzangstabbau inklusive.

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