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Ökostrom-Überschuss : Strom zu Gas zu Strom

  • -Aktualisiert am

Links die Windmühle, rechts der Wasserkessel: In der Realität ist es viel komplizierter Bild: André Laame

Um überschüssigen Windstrom zwischenlagern zu können, soll damit Methan erzeugt und dieses ins Gasnetz eingespeist werden. Das ist ein technisch machbarer, aber sehr aufwendiger Prozess.

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          Wolkenloser Himmel. Die Sonne brennt auf die massenhaft vorwiegend in Süddeutschland aufgestellten Photovoltaikmodule. Zumindest für Stunden erzeugen sie deutlich mehr Strom, als im Verteilnetz unterzubringen ist. Immer häufiger müssen daher bei schönem Wetter Solarstromanlagen vom Netz genommen werden, wobei groteskerweise deren Betreiber den „Nichtstrom“ bezahlt bekommen. Diese Regelung greift auch bei zu viel produziertem Windstrom.

          Wenn an Deutschlands Küsten der Wind ordentlich bläst und die Rotorblätter kraftvoll rotieren, bleiben zwei Alternativen: Man dreht die Windmühlen aus dem Wind und zahlt deren Eignern Leergeld. Oder man schiebt die überschüssige Elektrizität über die Grenze nach Holland und Tschechien - muss aber mitunter auf jede Kilowattstunde bis zu 50 Cent drauflegen, denn nur dann sind unsere Nachbarn bereit, ein aufwendiges Lastmanagement zu betreiben und eigene Kraftwerke abzubremsen.

          Es mangelt an leistungsfähigen Stromspeichern

          Die vielbeschworene Energiewende und damit der Zubau von weiteren Solar- und Windkraftanlagen (bis 2020 sollen 30 Prozent und 2050 gar 80 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen) führen zwangsläufig zu einem wachsenden volatilen Stromangebot, für das unser Energiesystem fit gemacht werden muss. Schon länger spricht man deshalb von einem „netzverträglichen“ Ausbau der erneuerbaren Energie. Denn ohne ausreichende Leitungskapazitäten wird man den Grünstrom nicht von der Küste und aus dem Voralpenland in die Ballungszentren an Rhein, Ruhr und Main transportieren können.

          Doch außer von neuen Überlandleitungen ist eine erfolgreiche Energiewende auch auf ausreichend große Speicher angewiesen, und zwar Langzeitspeicher, aus denen man während einer sommerlichen Hochdruckphase (und damit verbundener Windstille) den für das Betreiben von Kühlschränken und Hobelbänken benötigten Saft ziehen kann.

          Schon heute werden Überschüsse beim Ökostrom erzielt. So mussten im vergangenen Jahr rund 150 Gigawattstunden (GWh) elektrisch abgeregelt werden. Mit dieser Menge könnte man 43.000 Haushalte ein Jahr lang mit Strom versorgen. Und die Überschüsse wachsen exponentiell. So rechnet man für 2030 mit Überschussstrommengen von 1.000 GWh. Bis Mitte des Jahrhundert sollen sie gar auf 12.000 GWh steigen, was bedeutet, dass dringend leistungsfähige Stromspeicher hermüssen.

          Kapazitäten in Österreich und der Schweiz

          Wie notwendig die sind, zeigen Berechnungen des Fraunhofer-Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik (Iwes). Danach ist eine stabile Versorgung bereits ab einem Anteil von 30 Prozent erneuerbarer Energie an der Stromerzeugung (momentan 20 Prozent Anteil) nicht ohne geeignete Speicher möglich.

          So weit, so gut, könnte man meinen. Der Haken ist nur, dass es die benötigten Speicher zum geforderten Zeitpunkt aller Voraussicht nach nicht geben wird. Die heute vorhandenen Langzeitspeicher, fast ausschließlich Pumpspeicherkraftwerke, haben gerade einmal ein Speichervolumen von 40 GWh. Zudem werden sie zum Bereitstellen sogenannter Regelleistung benötigt. Klassische Langzeitspeicher sind sie nicht, denn bei vollständig geöffneten Ventilen wären ihre Oberbecken nach wenigen Stunden bereits leer.

          Zudem mangelt es für weitere Pumpspeicherkraftwerke hierzulande an der geeigneten Topographie - und an der Akzeptanz der Bevölkerung. Daher hofft man auf weitere Kapazitäten in Österreich und der Schweiz. Die große Lösung wird das jedoch nicht bringen, so dass deutsche Strommanager derzeit konzentriert nach Norwegen blicken, wo man zahlreiche Speicherkraftwerke zu Pumpspeicherkraftwerken umbauen könnte. Für den Stromtransport will man Hochspannungs-Gleichstromleitungen (HGÜ) in die Nordsee legen.

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