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Neue Technik von Bosch : Werkzeuge aufladen ohne Kontakte

Standfest: der Schrauber braucht keine Halterung Bild: Hersteller

Bosch ist die kabellose Übertragung hoher Leistung für Werkzeug-Akkus gelungen. Damit bricht ein neues Zeitalter des kabellosen Aufladens an.

          3 Min.

          Was im Kleinen problemlos funktioniert, kann in großen Geräten Schwierigkeiten machen. An elektrische Zahnbürsten mit Akku, die auf einen Zapfen gesteckt und dann geladen werden, ohne dass dafür Kontakte notwendig sind, haben wir uns gewöhnt. Auch Rasierapparate, die morgens kurz arbeiten und lange an der Steckdose hängen, sind am Abend wieder voll. Und sogar Smartphones kommen heute ohne Ladekabel aus.

          Lukas Weber

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Die Vorteile liegen auf der Hand: Was nicht vorhanden ist, kann nicht verschmutzen, empfindliche elektrische Steckkontakte werden nicht mehr gebraucht. Das induktive Laden war allerdings bisher auf relativ kleine Stromstärken beschränkt. Nicht viel mehr als ein Watt für die Zahnbürste, höchstens 5 Watt fürs Smartphone. „Wir können jetzt erstmals mittlere Stromstärken übertragen“, sagt Wolfgang Hirschburger, der Entwicklungsleiter für Bosch Profigeräte. Das Unternehmen hat Anfang Oktober ein Ladegerät für Akkuschrauber und andere kabellose Werkzeuge mit 18 Volt Spannung vorgestellt, das mit fast 60 Watt lädt. Die Effizienz sei mit etwas mehr als 80 Prozent vergleichbar mit derjenigen herkömmlicher Ladegeräte.

          Aber das „Wireless Charging System“ ist kompakter und unempfindlich gegen Staub, Feuchtigkeit und Schmutz. Das Problem sei weniger die hohe Übertragungsleistung, erklärt Maik Rabe, der bei Bosch für die Entwicklung von akkubetriebenen Profigeräten verantwortlich ist. Das System müsse vor allem Fremdobjekte erkennen, die auf der Ladefläche liegen, und sich dann ausschalten. Denn ähnlich wie auf einer induktiven Herdplatte heizt sich Metall auf. Das auszuschließen, ist offenbar nicht ganz einfach, rund drei Jahre Entwicklungszeit waren notwendig. Jetzt gingen die Kollegen von der Automotive-Abteilung bei den Technikern der Akkuwerkzeuge ein und aus, sagt Hirschburger. Denn für das Laden von Elektroautos soll noch viel mehr Leistung ohne Kabel übertragen werden, allerdings auf einer erheblich größeren Fläche.

          Dabei ist das Prinzip mehr als ein Jahrhundert alt, denn schon der geniale Erfinder Nikola Tesla hat mit Induktion experimentiert. Im Ladegerät wird mit einer stromdurchflossenen Primärspule ein magnetisches Wechselfeld erzeugt. Der Akku enthält eine Sekundärspule, die von diesem magnetischen Feld durchdrungen wird. Dadurch wird eine Spannung induziert. Die Frequenz im Bosch-Gerät liegt bei etwa 150 Kilohertz. Im Gegensatz zu Smartphones, für die es einen gemeinsamen Standard gibt (Qi), ist für die Werkzeuge (noch) nichts vereinheitlicht. Die Akkus kommunizieren mit dem herstellerspezifischen Ladegerät und teilen ihm ihren Zustand mit. Danach wird dann die Ladeleistung geregelt. Sie enthalten neben den Zellen und der Spule einen Gleichrichter und die Kommunikationselektronik.

          Vorteile des induktiven Ladens

          Das induktive Laden ist vor allem dort ein Vorteil, wo Akkugeräte immer wieder mit kleinen Arbeitspausen betrieben werden. Zum Beispiel beim Einsatz von Akkuschraubern. Wir haben uns eines der ersten Ladegeräte GAL 1830 besorgt, das zusammen mit einem Lithium-Ionen-Akku GBA 18V mit 2,0 Ah für zusammen 129 Euro angeboten wird. Der Akku passt auf alle Geräte von Bosch in der blauen 18-Volt-Klasse. Er sieht aus wie ein gewöhnlicher Akku und lässt sich auch mit einem herkömmlichen Ladegerät füllen. Das flache Ladegerät mit den Maßen 165×115×36mm steckt in einer Art Schiene aus Kunststoff, die zum Beispiel an eine Werkbank geschraubt werden kann. Wird das Gerät samt Akku hineingeschoben, hat es dort sicheren Halt, man kann es aber auch ohne Schiene einfach auf den Akku stellen wie einen Topf auf die Herdplatte.

          Der Akkuschrauber, ein GSR 18V-Li, steht sicher, sollte aber einigermaßen präzise plaziert werden, sonst will er nicht Aufladen. Die Funktion wird, wie auch der Ladefortschritt, über LED angezeigt. Wir haben im Versuch eine nicht gezählte Menge an Brettern zusammen und wieder auseinander geschraubt. Jedes Mal, wenn ein anderer Handgriff zu verrichten ist, wird der Schrauber auf dem Lader abgestellt. Nach knapp einer Sekunde wird der Ladevorgang angezeigt. Die Zeit bis zur Weiterbenutzung reicht völlig zum Wiederaufladen; uns ist es jedenfalls nicht gelungen, den Akku auch nur halbwegs zu leeren. Ohne Zwischenladung ist der Speicher in rund 25 Minuten Laufzeit leer, er braucht dann etwa 40 Minuten, bis er wieder ganz voll ist. Die Aussage des Herstellers, dass in vielen Fällen auf einen Ersatzakku verzichtet werden kann, können wir also bestätigen.

          Der kleine Akku mit 2 Ah ist erst der Anfang

          Mit Geräten, die deutlich mehr Strom verbrauchen, etwa einem Winkelschleifer, sieht das anders aus. Der kleine Akku mit 2 Ah ist deshalb erst der Anfang. Größere Kapazitäten gibt es mit 4 Ah und im nächsten Jahr mit 6 Ah. Bosch zielt vor allem auf die Industriekunden und Werkstätten, aber da das System nicht viel teurer ist als ein herkömmliches Ladegerät, kann es auch für anspruchsvolle Heimwerker interessant sein. Der nächste Schritt soll mobiles Laden sein: Im nächsten Jahr kommen Geräte für den Anschluss im Auto auf den Markt. Der Handwerker lässt sein Werkzeug samt Akku im Koffer, stellt diesen in die Auto-Ladestation und fährt zum nächsten Kunden. Während der Fahrt wird durch die schützende Hülle hindurch das Gerät einfach aufgeladen, und bei Bedarf ein zweiter Akku gleich mit.

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